Offen für Alternativen

09-IntroOsteopathie in der Pferdemedizin

Der Tierarzt Dr. Thomas Januszewski behandelt seit über 18 Jahren ausschließlich Pferde. Er hat sich im Lauf der Jahre auf orthopädische Probleme spezialisiert, wobei ihn sein starkes Interesse an der ganzheitlichen Pferdemedizin auch zur Osteopathie führte, die er sich bei verschiedenen Kollegen und Heilpraktikern im In- und Ausland angeeignet hat.

FutterJournal:
Der Begriff Osteopathie ist sehr aktuell und man hört ihn derzeit sehr oft im Zusammenhang mit Problemlösungen.
Dr. Januszewski:
Die Osteopathie wurde bereits vor hundert Jahren von Dr. Andrew Taylor Still begründet. Ein Schüler von Still war der Engländer John Martin Littlejohn. Er gründete um die Jahrhundertwende das “Chicago College of Osteopathy”, und nachdem er 1917 nach England zurückgekehrt war in London die “British School of Osteopathy”. Von hier aus nahm die Osteopathie über Frankreich, die Schweiz und Belgien ihren Weg nach Deutschland. Dr. Dominique Giniaux war der Vorreiter der Pferdeosteopathie in Europa.

FutterJournal:
Was darf der Laie unter dem Begriff Osteopathie verstehen?
Dr. Januszewski:
Osteopathie ist Bewegungseinschränkungen zu diagnostizieren und mit manuellen Techniken zu beseitigen. Es ist keine Behandlungsform, sondern die Betrachtung des Organismus als Ganzes und der Wechselwirkung der Organsysteme untereinander. Hier wird versucht, das energetische Gleichgewicht in einem lebendigen Organismus wieder herzustellen.

FutterJournal:
Das klingt nach ganzheitlicher Medizin, ähnlich der Naturheilkunde!
Dr. Januszewski:
Gesundheit ist ein Zustand von Gleichgewicht, d.h. das Vorhandensein permanenter Schwingungen, die sich gegenseitig ausgleichen. In der Schulmedizin ist es der permanente Antagonismus des sympathischen und parasympathischen Nervensystems. In der chinesischen Medizin ist es das Gleichgewicht von YIN und YANG. Für die Osteopathie ist es tatsächlich eine mechanische Schwingung aller strukturellen Elemente des Körpers um ihre mittlere, also ihre anatomisch normale Position.

FutterJournal:
Das klingt jetzt sehr theoretisch, können Sie unseren Lesern ein Beispiel nennen?
Dr. Januszewski:
Sicher. Wenn durch eine extreme Bewegung - zum Beispiel eines Zwischenwirbelgelenks - dessen bewegliche Grenzen überschritten werden, reagiert das Nervensystem mit einer Verkrampfung, einem so genannten Spasmus, und blockiert somit das betroffene Gelenk. Der Wirbel ist dann durch diese Blockade gegenüber seinen benachbarten Wirbeln in dieser extremen Position festgesetzt, die aber immer noch – und das ist wichtig - innerhalb der normalen Grenzen liegen.

Infografik-Pferdeskelett
Die 2 Leitsätze der Osteopathie nach Dr. Andrew Taylor Still
1. Die Struktur bestimmt die Funktion: Ein Organismus kann nicht normal funktionieren, wenn er seine Beweglichkeit
eingebüßt hat. 2. Die arterielle Regel: Eine Hemmung der Blutzirkulation schwächt das betroffene Organ.

FutterJournal:
In diesem Moment ist es aber schon mit einem Schmerz für das Pferd verbunden.
Dr. Januszewski:
Diese schmerzhafte Verspannung der Blockade dient dem Schutz der Unversehrtheit des Bewegungsapparates. Das Gelenk ist also nicht luxiert oder verschoben oder ausgerenkt, sondern festgesetzt.

FutterJournal:
Wie kann so eine Blockade entstehen?
Dr. Januszewski:
Die Blockaden werden in der Fachsprache als „Läsionen“ bezeichnet. Sie entstehen durch Verletzungen, Entzündungen, aber auch aufgrund verminderter Durchblutung.
Im Rahmen der osteopathischen Untersuchung überprüft der Osteopath durch Mobilitätstests das Ausmaß und die Qualität der Beweglichkeit. Ein Bewegungsverlust oder eine Bewegungseinschränkung kann alle anatomischen Strukturen, Muskeln, Gelenke, Sehnen, Wirbelsäule usw. betreffen.

FutterJournal:
Welche Folgen können diese Blockaden im Körper haben?
Dr. Januszewski:
Wenn - wo auch immer im Körper - Knochen, Muskeln, Sehnen, Bänder nicht frei beweglich sind, weil sie blockiert sind, beeinträchtigt dies auch die Blutzirkulation, evtl. auch über Störungen im vegetativen Nervensystem und führt zu Störungen in jenem Bereich des Körpers, den die betroffenen Gefäße versorgen.

FutterJournal:
Welche Bedeutung hat hierbei die Wirbelsäule?
Dr. Januszewski:
Die Wirbelsäule ist das zentrale Element des Skeletts, sie dient als Hauptstütze des Körpers und als Verteiler des Nervensystems. Blockaden der Wirbelsäule haben Auswirkungen auf die Peripherie, Schäden in der Peripherie können wiederum Blockaden in der Wirbelsäule hervorrufen. Nur selten sind Störungen zu finden, die nicht von Blockaden der Wirbelsäule begleitet sind und zwar dort wo die entsprechenden Nerven aus der Wirbelsäule austreten.

FutterJournal:
Das heißt ja, dass Pferde ein Problem an einem Körperteil zeigen, aber ein anderes ursächlich ist?
Dr. Januszewski:
Bei einer Blockade der Wirbelsäule sind nicht nur sensible und motorische Nerven betroffen, sondern auch sympathische und parasympathische, was sich allein schon daraus ergibt, dass die oben genannten sensomotorischen Nerven von sympathischen Nerven umhüllt sind. Auf Deutsch: Es kann sein, dass die Folgen einer Blockade ebenso Herz-, Lungen-, Nieren- und Verdauungsbeschwerden sein können; ja es können dadurch sogar hormonelle Störungen hervorgerufen werden. Das wird ausgedrückt durch den Grundgedanken der Osteopathie: Wir finden eine Wechselbeziehung zwischen Struktur und Funktion. Das bedeutet, dass ein Pferd sich nicht normal bewegen kann, wenn seine Haltungsstrukturen einen Teil der Mobilität verloren haben. Wenn sich die Knochenstrukturen, die muskulären Strukturen und/oder die Strukturen der inneren Organe ändern, wird sich auch deren Funktion verändern und umgekehrt. Beispiel: Eine Dysfunktion der Eierstöcke bei einer Stute kann später zu einer Gelenkblockierung in Höhe der Lendenwirbelsäule führen.

FutterJournal:
Haben Blockaden weitergehende Folgen?
Dr. Januszewski:
Natürlich, und hier greift der zweite Grundgedanke der Osteopathie, die „Arterielle Regel“: Das gute Funktionieren der Organe und Zellen ist vollkommen abhängig von einer guten Flüssigkeitsversorgung. Dazu gehören neben dem Blut auch die Lymphe und die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrorspinalis). Wenn diese Versorgung gestört ist, ist das betroffene Organ geschwächt. Die Funktion wird beeinträchtigt und es kann sich z.B. leichter eine Infektion entwickeln, weil die Einnistung von Krankheitserregern nicht mehr optimal bekämpft werden kann. Das kann z.B. bei der Gebärmutter (Uterus) geschehen, wenn deren Durchblutung durch eine Blockade der vegetativen Leitungsbahnen im entsprechenden Segment gestört ist. Eine Erkrankung kann dadurch schnell chronisch werden.

FutterJournal:
Aber auch das Umgekehrte ist möglich?
Dr. Januszewski:
Der dritte Grundgedanke der Osteopathie geht auf die Gesamtheit des Körpers ein.
Dieses Prinzip besagt, dass sich Auswirkungen auf den ganzen Körpers ergeben, wenn ein Pferd an einer Stelle des Körpers eine Störung hat. D.h. eine Gelenkblockierung zwischen dem Pferdekopf und dem ersten Halswirbel (Atlas) kann z.B. ein Problem am Carpalgelenk hervorrufen und umgekehrt.

FutterJournal:
Wie können wir uns eine Behandlung und die Heilung vorstellen?
Dr. Januszewski:
Bei der osteopathischen Behandlung werden im Sinne der Reharmonisierung des Körpers die verschiedenen Blockaden gelöst. Mit dieser Manipulation gibt der Osteopath dem Körper einen gezielten Reiz und damit die Möglichkeit, sein energetisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Er wendet sich damit an die Selbstheilungskräfte des Körpers. Der Osteopath drängt dem Organismus keine neue Funktion auf, er gibt dem Körper lediglich den notwendigen Impuls den Heilungsprozess einzuleiten. Auf diese Weise setzt der Körper seine eigenen Fähigkeiten zur Selbstheilung in Kraft. Das Ziel der osteopathischen Behandlung ist also immer ein Mobilitätsgewinn!

Die Schulmedizin sagt:
Es ist normal, dass Sie sich nicht bewegen können, denn Sie haben Arthrose.
Die Osteopathie sagt:
Es ist normal, dass Sie Arthrose haben, denn Ihre Gelenke bewegen sich nicht.

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Ein guter Arzt zeigt sich durch Fingerspitzengefühl

Das Interview führte Dr. Susanne Weyrauch