Hyperglykämie ist ein Problem für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit
Mancher Pferdebesitzer verkündet immer noch mit Befriedigung: „Mein Pferd bekommt nur Hafer, Heu und etwas Mineralfutter!“ Für die Verdauung und den Stoffwechsel der Pferde kann eine derartige Einseitigkeit allerdings leicht zum Problem werden. Insbesondere wenn durch erhöhte Leistungsanforderung die Getreideration wesentlich erhöht werden muss. Diese Tatsache wird immer mehr von der internationalen Pferdeforschung beachtet und ist Thema zahlreicher Untersuchungen.
Ob Hafer, Gerste, Mais oder Dinkel – Getreide als alleiniges Kraftfutter kann zu Dysbiosen (Störungen des Darmmilieus) führen. Das Pferd verfügt nur über eine begrenzte Menge an Enzymen, die für die Verdauung von Getreidestärke nötig sind. Übersteigt die Getreideration diese Enzymkapazität, wird die gesamte Nährstoff-umsetzung und damit das Risiko für Kolik und Hufrehe beträchtlich erhöht. Diese Problematik ist von der Wissenschaft schon relativ gut abgeklärt (1*). Die aktuelle Forschung beschäftigt sich derzeit mehr mit einer Erscheinung, die erst nach der Getreideverdauung auftritt: Mit der stärkebedingten „Hyperglykämie“, d.h. der Überzuckerung des Blutes und den Folgen, die sich daraus ergeben.
Biologische Vorgänge nach der Verdauung größerer Getreidemengen
Getreide besteht zu ca. 50 -70 % aus Stärke. Die Stärke wird im Dünndarm des Pferdes sehr rasch in Traubenzucker (= Glucose) umgewandelt und unverzüglich als „Blutzucker“ in die Blutbahn aufgenommen. Darauf reagiert die Bauchspeicheldrüse mit vermehrter Abgabe von Insulin ins Blut. Insulin sorgt dafür, dass ein Großteil der Glucose in Muskulatur und Leber in Form von Glycogen abgespeichert wird. Glycogen ist wiederum eine wichtige Energiequelle für die Muskelarbeit. So weit, so gut.
Wird nun aber versucht, durch größere Getreiderationen (z.B. über 1 – 1,5 kg pro Großpferde - Mahlzeit) mehr Leistung zu erzielen oder das Wachstum von Fohlen zu forcieren, übersteigt der Blutzucker leicht das gesunde Maß. Zwangsläufig wird dadurch die Insulinanflutung im Blut erhöht. Wir sprechen dann vom Hyperinsulinismus. Wiederholt sich der Vorgang ständig über Jahre, kann das Insulin sogar einen Teil seiner Wirksamkeit einbüßen. Dies wird als Insulinresistenz der Zielgewebe bezeichnet. In diesem Zustand ist also die Fähigkeit von Insulin, Muskulatur und Leber zur Aufnahme von Blutzucker zu veranlassen, eingeschränkt. Die Bauchspeicheldrüse schüttet daraufhin zur Kompensation noch mehr Insulin aus, wodurch sich die Insulinresistenz noch weiter verstärken kann. So entsteht ein Teufelskreis, der bei manchen übergewichtigen Ponies im manifesten Diabetes endet (s. Abb. 1). Die Erklärung der Entstehung von Insulinresistenz als Folge eines ständig überhöhten Blutinsulinspiegels ist allerdings noch hypothetisch.
Im Folgenden wird dargelegt, dass Hyperglykämie, Hyperinsulinismus und Insulinresistenz auch ohne Diabetes zu gravierenden Gesundheits- und Leistungseinbußen führen können.

Getreidereiche Kraftfutterrationen beeinträchtigen die Fohlenentwicklung
Hyperglykämie schädigt die Fohlengelenke
Das Kentucky Equine Research Institute hat dazu wissenschaftliche Felduntersuchungen an 216 Absatzfohlen in 9 US-Elitevollblutgestüten durchgeführt (2). Dabei wurden überzeugende Hinweise gefunden, daß Fohlen, die getreidereiche Kraftfutterrationen mit hohem „Glykämischem Index“ (= Blutzuckererhöhungseffekt, s. Abb. 2) erhalten, besonders häufig eine Osteochondrose (OC) entwickeln. Die OC ist eine Entwicklungsstörung im Bereich von Gelenken und Wirbelsäule. Als konkrete Erscheinungsformen der OC werden vom Tierarzt „Physitis“, „Chips“, Knochenzysten, Fehlwinkelung der Gelenke oder „Wobblersyndrom“ diagnostiziert (zur Begriffserklärung s. 4). Die Häufung der OC - Fälle wird mit hormonell bedingten Knorpelreifungsstörungen erklärt -- eine Sekundärfolge der überhöhten Insulinspiegel (2).
Zur Fohlen – OC tragen auch noch andere Ernährungsfehler bei, wie ungünstig zusammengesetztes Futtereiweiß und inadäquate Mineralstoffversorgung (z.B. Fehlgehalte an Kalzium, Phosphor, Zink und Kupfer). Auch die Nährstoffversorgung von hochtragenden und laktierenden Zuchtstuten ist für die Fohlenentwicklung von großer Bedeutung (5,6). Es bleibt jedoch festzuhalten, dass Fohlenkraftfutter mit zu hohem Getreideanteil ein erstrangiger Risikofaktor für die Entstehung von Osteochondrose ist. In deutschen Hochzuchtgebieten liegt die OC-Rate der Fohlen bei ca. 35% (7). Vor diesem Hintergrund bleibt unverständlich, dass die meisten Warmblutzüchter die sinnvolle Investition in vitalstoffreiche ausgewogene Zuchtstuten - und Fohlenfutter immer noch scheuen. Letzten Endes gilt für die Fohlenfütterung dasselbe wie für die Zucht: Lieber weniger aber besser!
Leistungsprobleme durch Stärkeüberfütterung
Auch die Leistungsfähigkeit von Sportpferden erfährt durch reine Getreiderationen mehr Schaden als Nutzen. So führt die stärkebedingte Hyperinsulinämie für einige Stunden nach der Getreidezufütterung zu einem drastischen Blutzuckerabfall. Dies kann die Glucoseversorgung des Gehirns beeinträchtigen und eine leistungsmindernde Ermüdung der Pferde bewirken. Wird längerfristig das Stadium der Insulinresistenz erreicht, droht eine Einschränkung der insulinabhängigen Blutzuckerumwandlung in Speicherglykogen. Damit wird die Hauptenergiequelle für die schnelle Fortbewegung und die Reserveenergie für Ausdauerleistungen reduziert – ein Handikap für viele Hochleistungspferde. Umgekehrt konnte in aktuellen Studien gezeigt werden, dass sich durch Herabsetzung des Getreideanteils im Kraftfutter die Insulinwirksamkeit wieder erhöht und somit bei Langstreckenwettbewerben deutlich weniger Pferde wegen Erschöpfung abbrechen mussten (8).
Durch ausgewogene fetthaltige Kraftfuttermahlzeiten können gegenüber getreidelastigen Rationen eine Reihe von Leistungsvoraussetzungen verbessert werden. Dies wird unter anderem durch folgende Studienbefunde belegt (9-11):
- Während der sportlichen Leistungsabforderungen wird weniger Muskellaktat gebildet.
Somit wird die Muskelermüdung hinausgezögert. - Durch eine stärkere Nutzung von Fettsäuren als Energiequelle werden die Muskelglycogenreserven geschont. Das Muskelglycogen steht deshalb als Energiereserve länger zur Verfügung.
- Die CO2 – Produktion während der Galopparbeit wird abgesenkt. Dadurch ergeben sich höhere Atmungsreserven – besonders wichtig für Renn- und Vielseitigkeitspferde.
- Es wird weniger Futterenergie durch Wärmeproduktion vergeudet. Folglich kann ein höherer Energieanteil in Bewegungsenergie umgesetzt werden. Zudem sinkt bei Ausdauerbelastung das Dehydrierungsrisiko, da die Schweißbildung reduziert ist.
- Der belastungsbedingte Anstieg des Stresshormons Cortisol im Blut fällt geringer aus. Dies gewährleistet größere Herz-Kreislaufreserven – ein Vorteil z.B. für Renn- und Ausdauerdisziplinen.
- Da außerdem die stärkebedingte Darm - Dysbiose ausbleibt (s.o.), erhält man zusätzliches Leistungspotential durch mehr Wohlbefinden und verbesserte Nährstoffverwertung des Pferdes (1).

Glykämischer Index für verschiedene Futtermittel (vereinfacht nach Zit. 3)
Der Glykämische Index (GI) eines Futtermittels ist ein relatives Maß dafür, um welchen Betrag es die Blutglucosekonzentration eines Pferdes über einen Zeitraum von zwei Stunden nach der Futtergabe erhöht. Die Angabe des GI erfolgte hier als Prozentsatz der Blutglucoseerhöhung durch 1,5 kg Hafer. Der GI steigt im Wesentlichen an mit zunehmendem Stärkeund Zuckergehalt und abnehmendem Faser - bzw. Ölanteil.
Weniger Getreide bringt mehr Gesundheit
Kürzlich wurden Indizien dafür erbracht, dass die Insulinresistenz zu den möglichen Ursachen für die Entstehung von Hufrehe gehört. Dabei spielt eine Rolle, dass die Huflederhautdurchblutung auf eine intakte Insulinfunktion angewiesen ist (12). Neben den Dysbiose-typischen Störungen (Appetitmangel, schlechte Futterverwertung Kolik, Hufrehe) gibt es noch weitere getreidespezifische Gesundheitsprobleme, die vor allem bei Sportpferden auftreten. Dazu gehören der Kreuzverschlag („tying up“) bzw. die Polysaccharidspeichermyopathie (PSSM). In beiden Fällen ist der Glycogenstoffwechsel in der Muskulatur gestört. Mit ausgewogenen getreidereduzierten Futterrationen kann das Wiederauftreten der Symptome in der Regel vermieden werden – bei voller Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit (13). Getreidestärke ist beim Pferd ein Hauptfaktor für die Entstehung von Magengeschwüren, da sie eine Übersäuerung des vorderen Magenabschnitts begünstigt. Nach Einschränkung der Getreiderationen bilden sich die Geschwüre oftmals zurück (14).
Die weitere Aufklärung des Problemkreises von Stärkeüberschüssen, Hyperglykämie, Hyperinsulinämie und Insulinresistenz wird derzeit durch mehrere Forschergruppen vorangetrieben. Die praktischen Konsequenzen für die gesamte Pferdefütterung liegen jedoch schon heute klar auf der Hand.
Praktische Konsequenzen für die Pferdefütterung
Zunächst ist es vorrangig, alle Pferde mit genügend hochwertigem Grundfutter (Heu und / oder Weidegang) zu versorgen. Das Kraftfutter soll, wenn Einzelrationen mehr als 1 kg pro Großpferd notwendig sind, einen erhöhten Anteil an Rohfett aufweisen (ca. 6 – 10%). Darüber hinaus ist es vorteilhaft, leicht vergärbare Faserstoffe, z.B. ausgewählte Heubestandteile, getrocknete Zuckerrübenschnitzel, Karotten, Trockenobst und verschiedene Kleiearten in die Kraftfutterzubereitung mit einzubeziehen. Die Faserkomponenten stärken die Darmflora, wirken unmittelbar den getreidebedingten Fehlgärungen (Dysbiosen) entgegen und liefern nach ihrer relativ zügigen mikrobiellen Umsetzung zusätzliche energiereiche Fettsäuren.
Mit den Kalorien aus Stärke, Öl, den schneller und (aus dem Grundfutter) langsamer fermentierenden Faserstoffen steht rund um die Uhr genügend Basis- und Leistungsenergie zur Verfügung. Die verschiedenen Darmabschnitte werden dabei kapazitätsgerecht und ohne störungsträchtige Überbelastung ausgenutzt. Heu soll mindestens 3x täglich, Kraftfutter entsprechend der Gesamtmenge 2 – 5x täglich gegeben werden.
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Abb. 1a und b : Fähigkeit von Insulin zur Blutzuckerkontrolle bei gesunden Pferden, bei Insulinresistenz der Zielgewebe und bei manifestem Diabetes mellitus. Bei normaler Insulinwirksamkeit wird die Blutglucose nach einer mittleren Mischfuttermahlzeit (750 g) nur mäßig erhöht, da das deutlich angestiegene Insulin den Abtransport der Glucose in die Zielgewebe ermöglicht (grüne Kurven). Bei Insulinresistenz der Zielgewebe muß viel mehr Insulin ausgeschüttet werden, um den Blutzuckerspiegel noch weitgehend im Normalbereich zu halten (gelbe Kurven). Bei Diabetes ist die Fähigkeit der Bauchspeicheldrüse zur Insulinproduktion bereits stark eingeschränkt. Die Blutzuckerkonzentration entgleist nun nach oben, da zusätzlich zur verminderten Insulinwirksamkeit nur noch eine geringe Erhöhung des Blutinsulinspiegels möglich ist (rote Kurven).
Mehr Leistung und Gesundheit durch Vollwertfütterung
Die Vollwert – orientierte Fütterungsmethode hat die neuen Forderungen der Wissenschaft nach mehr Vielfalt bei den Energieträgerstoffen seit langem vorweggenommen. Sie geht in ihren Ansprüchen und Möglichkeiten noch weit darüber hinaus. Hier noch einige wichtige Ergänzungen aus dieser Perspektive:
Als Fettträger werden neben etwas kalt gepresstem Öl fett- und ölreiche Pflanzenteile wie Leinsamen, Sonnenblumenkerne und Getreidekeime bevorzugt.
Dabei schirmen pflanzliche Schutzhüllen die Fettkomponente vor dem Luftsauerstoff ab, so dass auf belastende Konservierungsstoffe verzichtet werden kann. Zum anderen liefert das Pflanzengewebe wiederum leicht vergärbare Fasern sowie verdauungsfördernde Enzyme, Vitamine, Mineralien und weitere Vitalstoffe.
Außerdem werden dem Kraftfutter neben einem hoch bioverfügbaren Mineral-, Spurenstoff-, Vitamincocktail noch natürliche Verdauungs- und Stoffwechselhilfen sowie Zellschutzfaktoren zugesetzt. Beispiele dafür sind ausgewählte Kräuter, Hefezellen, Algen und Weintraubenextrakte.
Ein Energiekonzentrat diesen Typs mit physiologisch ineinandergreifenden Futterkomponenten schafft die Voraussetzungen für die bestmögliche biologische Nährstoffumsetzung in Leistung, Widerstandskraft und Motivation des Pferdes.
Auch im Sport – und Zuchtbereich zeigen es die Ergebnisse: das monotone, vom Industrieacker und der Retorte gespeiste Kraftfutter ist nicht mehr zeitgemäß.
Die Zukunft gehört der vielfältigen, physiologisch optimierten Vollwert – Leistungsfütterung!

Überfettete Pferde neigen zu Diabetis
Hier zitierte Literatur:
1. Meyer H., Coenen M. (2002): Pferdefütterung 4. Al. (Kap. 8), Parey Buchverlag Berlin
2. Pagan J.D., Geor R.J., Caddel S.E., Pryor P.B., Hoekstra K.E. (2001):
The relationship between glycemic response and the incidence of OCD in Thoroughbred weanlings: A field study. In: Proc. 47th AAEP Conv., pp.322-325
3. Stashak T.S. (2002): Adams´lameness in horses 5th ed. (Kap. 6 und 7), Lippincott Williams & Wilkins Cie. , Philadelphia
4. Huntington P.J., Owens E. , Crandell K., Pagan J.D: Nutritional mangement of mares –
the foundation of a strong skeleton. In: Advances in Equine Nutrition III, Nottingham University Press, Nottingham, pp.193-218
5. Van Weeren P.R., Knaap J, Firth E.C. (2003):
The influence of liver copper status of mare and newborn foals on the development of osteochondrotic lesions. Eq. Vet. J. 35, 67-71
6. Winkelsett S., Vervuert I., Granel M., Borchers A., Coenen M. (2005):
Feeding practice in Warmblood mares and foals and the incidence to osteochondrosis.
Pferdeheilkunde 21, 124-126
7. Hess T.M. et al. (2005): Fat adaption affects insulin sensitivity and elimination of horses
during an 80 km endurance ride, Pferdeheilkunde 21, 95-96
8. Pagan J.D. (2005): Feeding management of horses under stressful conditions.
In: Advances in Equine Nutrition III, Nottingham University Press, Nottingham, pp.107-120
9. Kronfeld D.S. et al. (2001): Studies on fat adaption and exercise.
In: Advances in Equine Nutrition II, Nottingham University Press, Nottingham, pp.481-482
10. Lindberg J.E. (2005): Use of non-starch carbohydrate energy sources in performance
horse feeds. In: Advances in Equine Nutrition III, Nottingham University Press,
Nottingham, pp.249-264
11. Treiber K.H. et al. (2005): Insulin resistance and compensation in laminitis-predisposed
ponies characterized by the minimal model, Pferdeheilkunde 21, 91-92
12. Valberg S. (2005): Differential diagnosis and nutritional management of equine.
exertional rhabdomyolysis. In: Applied equine nutrition. A.Lindner (ed.) . Wageningen Academic Publishers, Wageningen, pp.139-157
Pagan J.D. (2001): Gastric ulcers in horses: a widespread but manageable disease.
In: Advances in Equine Nutrition II, Nottingham University Press, Nottingham, pp.387-391=
Dr. Eberhard Moll










