Großes weites Russland

Russland-IntroBesuch auf dem Gestüt Starozhilovo

Das Gestüt Starozhilovo ist eines der ältesten Staatsgestüte in Russland. Erbaut wurde es im Jahre 1893 von dem Baron Pavel von Deviz, der sich durch Eisenbahnbau ein Vermögen erworben hatte. Das Gestüt wurde 1917 verstaatlicht. 1941 kam es zur Evakuierung als die Deutschen näher rückten. Im Jahre 1978 wurde hier eine der ältesten russische Warmblutzuchten gegründet. Nun gibt es einen neuen Besitzer, den gebürtigen Polen Wesley Michalczyk, der nach 20 Jahren U.S. – Aufenthalt nicht nur das Gestüt, 360 Pferde, sondern auch umliegende 16 tausend Hektar erworben hat.

Russland-HerdeNicht weit von Moskau entfernt

Von Moskau in Richtung Osten fährt man bei guter Verkehrslage etwa 3 Stunden, um das Gestüt in der Region Ryazan zu erreichen. Die Straßen sind mittlerweile ganz gut ausgebaut, allerdings darf man nicht auf eine Autobahn hoffen. Kleine Straßendörfer grenzen an die vierspurige Fahrbahn. Ältere Frauen bieten dort selbst angebautes Obst und Gemüse feil. Immer wieder begrenzen Birkenwälder den Blick auf das weite Land. Samstags ist der Verkehr von Moskau in Richtung Süden und Südosten so stark, da viele Stadtmenschen Entspannung und vor allem Luft auf dem Lande suchen. Luft gehört nämlich zu den raren Dingen, die in Moskau nicht für Geld zu haben sind.

Traditionelle Esskultur

Als wir Starozhilovo erreichen, wird uns zunächst ein reichhaltiges ländliches Mittagessen geboten. Die Frauen haben Appetizer auf Russisch angerichtet. Angebratenes Gemüse, hausgemachte Wurst, eingelegter Fisch und frisches Brot sind das hors-dóevre, das eigentlich schon sättigend genug ist. Es folgt die klassische Borschtsuppe aus Kohl und Roten Rüben mit feiner Rindfleischeinlage. Dieses russische Nationalgericht wird individuell am Tisch mit Sauerrahm je nach Geschmack verfeinert. Nach Obst und hausgemachtem Honig wäre ein Nickerchen das Richtige, zumal während des Essens ständig Wodka getrunken wird. Die Männer trinken zu jeder Gelegenheit Wodka. Nie ohne Grund, denn jedes Mal wird ein Toast ausgestoßen, um dem Trinken einen Gehalt, ja, eine gewisse Bedeutung beizumessen. Der hiesige Wodka ist aus Birkenharz gewonnen, eine Spezialität der Region und gemessen an der Menge der Birkenwälder auch verständlich.

Russland-Gestuet
Das Gestüt Starozhilovo wird gerade renoviert

Reiches wildes Land

Russland-Erde
Die fruchtbare Erde in Russland fasziniert
den Kenner

Als wir mit dem Cheep das Gestüt besichtigen dürfen, wird uns der Reichtum dieses Landes bewusst. Was hier wächst, wächst freiwillig. Viel Brachland liegt zwischen riesigen Braugerstefeldern und zeigt, dass hier mit der Dreifelderwirtschaft gearbeitet wird. Für drei Jahre Anbau liegt das Land ein Jahr brach. So kann sich der Boden wieder regenerieren. Diese Form des Luxus können wir uns bei uns nicht mehr leisten. So weit das Auge reicht: Hafer, Luzerne und Klee. Die Feldwege schreien nach einem Geländefahrzeug und bisweilen wird einem schlecht von der Fahrweise von Andrey Andreev, dem Gestütsleiter, der mit seinen sechzig Jahren die Blütezeit des Kommunimus erlebt hat. Endlich sehen wir sie: Russland-Bernddie Pferde.

Pferde ohne Grenzen

Ungedüngtes Grasland zwischen den Äckern, voller Kräuter und weniger grün als unsere deutschen Wiesen. An dieser ersten Station finden wir etwa 35 Hengstjährlinge, die sich zwischen einem abgeernteten Acker und der Wiese entscheiden müssen. Sie kennen keine Zäune, denn ein berittener Hirte führt die Herde vorsichtig von Fressplatz zu Fressplatz. Es ist ein junger Mann aus Usbekistan. Muskulös, braungebrannt sitzt er halbnackt auf einem blütig wirkenden Pferd und beobachtet die Herde. Über 10 Usbeken arbeiten auf dem Gestüt als Bereiter und Hirten. Sie sind zuverlässig. Als gläubige Moslems können sie dem Wodka eher widerstehen als einheimische junge Männer. Ein mongolischer Einschlag ist in den Gesichtszügen nicht zu verleugnen.

Moderne Stutenbasis

Wir fahren weiter zu den Stutenherden. Eine Gruppe von über 40 Stuten, sämtliche mit Fohlen bei Fuß bleibt gelassen, als wir mit den Cheeps über die Weide donnern. Sie haben wenig Angst. Verletzungen erfolgen wenn, dann untereinander. Zäune spielen jedenfalls dabei keine Rolle. Der Stutenstamm ist sehr homogen. Die hoch im Blut stehenden Stuten bilden eine moderne Basis für die Zucht. Die Pferde verfügen über eine generationenlang selektierte Härte, die nicht nur für Sport- sondern auch für Freizeitreiter interessant sein könnte. Ein gewisser Anteil an Trakehnerblut ist hier auch zu finden. Leider verfügen die meisten Stuten über weniger Bewegungspotential als wir es in unserer Zucht kennen. Hier wird die Auswahl zukünftiger Hengste auch aus Deutschland eine große Rolle spielen.

Russland-Hirte

Wie ein Märchenschloß

Das Gestüt selbst ist ein Backsteinbau mit reichen Verzierungen und hat einen fürstlichen Charakter. Innen sind die Ställe weiß gekalkt. Die Hengste, ein mutterloses Fohlen und Arbeitspferde sind über den Sommer dort verblieben. Die Hengste verfügen über Blut des Rubinstein und Argentan, ein älterer, rein russisch gezogener Hengst kann auf Grand Prix Erfolge zurückblicken. In einem weiteren Gebäude finden wir zweieinhalbjährige Hengste, die zur Körung und zum Verkauf vorbereitet werden. Auch diese sind stark vollblutgeprägt, vielfach mit Trakehnereinschlag. Es sind zwei Hengstpaddocks im Innenhof des Gestütsbaues vorhanden und ein luxuriöse 60 Meter Reithalle, in der der Boden gerade hergerichtet wird. Die Fütterung ist für unsere Begriffe doch etwas altkommunistisch. Das Heu wird auf dem Feld auf einen großen Haufen zusammengetragen und ist dort Wind und Wetter ausgeliefert. Das führt unweigerlich zum Verderb und wird trotz allem an die Pferde verfüttert. Dazu gibt es Hafer.

Umstrukturierung und Stallmanagement

Russland-Gestuetsleiter
Wesley Michalczyk (rechts) mit seinem
Gestütsleiter

Der Besitzer des Gestütes, Herr Michalczyk, hat Großes vor. Zu seinen Plänen gehört an erster Stelle die Umorganisation und bessere Strukturierung des Betriebes. Hierfür jedoch braucht er kompetente und qualifizierte Mitarbeiter, die sich dann um eine Modernisierung der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Maschinen kümmern. Einer der ersten Veränderungen wird dabei die Heu- und Strohwerbung sein. Die Schaffung von Arbeitsplätzen jedoch hängt davon ab, dass für die zukünftigen Mitarbeiter Wohnmöglichkeiten in gehobenem Standard gebaut werden. Der Bau von Häusern und Wohnungen ist nötig, damit sich die Mitarbeiter auch langfristig geborgen fühlen, denn der Unterhaltungswert des Ortes hält sich in Grenzen. Mit der Neuordnung der Landwirtschaft wird man dazu übergehen können, das Land auch gewinnbringend zu nutzen. Daneben wird die Pferdezucht und Vermarktung gemanagt werden um aus diesem wertvollen Stutenstamm interessante Pferde nicht nur für den russischen Markt zu züchten. Mit diesem Engagement wird die langjährige Geschichte des Gestüts Starozhilovo hoffentlich fortgesetzt.

Dr. Susanne Weyrauch