Reiten im Aostetal

Aostetal-Introoder der Zauber der Murgesenhengste

Italien ist gar nicht so fern. Auf dem Weg zu Mario Di Stazio und seinen Murgesenhengsten kam ich über Basel, fuhr durch die Schweiz am Genfer See entlang, den luxuriösen Kurort Montreux mit seinen blühenden Ufern rechts liegen lassend, und begann den Anstieg in Richtung St. Bernardino. Ein kilometerlanger Tunnel auf 1700 Meter Höhe führt auf die andere Seite der Alpen. Dort angekommen geht es bergab in das Aoste-Tal. Hier fühlt man bereits Italien.

Bizarre Gesteinsformationen und riesige Alpenausläufer beeindrucken so lange, bis man noch vor Turin aus diesem herrlichen Tal entlassen wird. Nach einer Reisezeit von etwa 6 Stunden erreichte ich den verträumten Ort Quagliuzzo, der sich an den Südhang eines der letzten Alpenausleger schmiegt. Vor mir liegt die Poebene. Würde man noch 2 Stunden in Richtung Süden weiterfahren, hätte man das Mittelmeer vor sich.

Eine alte italienische Pferderasse

Murgesen sind, um es kurz zu fassen, eine alte italienische Gebrauchspferderasse. Diese bisweilen im Kaltbluttyp stehenden mittelgroßen schwarzen Pferde mit langer Mähne zeichnen sich zunächst durch eine gewisse derbe Gesichtsform aus. Eingezüchtete Berber und Normannen gaben ihnen eine leichte Ramsnase, die meist durch die feste Mähne verdeckt wird. Ein schöner, aber kurzer Hals führt zu einem kurzen stabilen Rücken. Die Hinterhand ist rund und abgedreht, das Fundament stark. Die stabilen Beine ziert ein Kötenbehang. In neuerer Zeit wurde der Murgese feiner gezüchtet, mehr in die Richtung des eleganten Andalusiers. Der Murgese hat dabei sein Nervenkostüm, das seinesgleichen sucht, nicht verloren. Taktrein, stoisch und auf eine besondere Art zurückhaltend begegnen uns diese Pferde. Dem Friesen zwar ähnlich, jedoch von stabilerer Gesundheit und härterem Fundament lässt der Murgese wenig Wünsche offen. Murgesen werden im Süden in der Provinz Tarent am Absatz des Italienischen Stiefels in der Nähe der Barockstadt Martina France gezüchtet. Dort leben sie auf großer Fläche relativ einsam, vom Menschen ungestört und bringen ihre Fohlen zur Welt, die dann in der heißen Sonne aufwachsen. Erst mit 2 oder 3 Jahren werden sie eingefangen und eingeritten. Dann beginnt der Ernst des Lebens.

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Mario Di Stazio zeigt regelmässig zirzensische Lektionen auf seinen Murgesenhengsten

Ein reitender Italiener

Mit seiner Lebensgefährtin Albarosa und zehn Murgesenhengsten lebt Mario Di Stazio in Quagliuzzo. Seit Jahren findet man ihn als Botschafter für die Murgesen auch auf deutschen Schauen im Rahmen von Equitana oder Eurocheval. Er ist ein vollkommener Horseman und Optimist, der einem - während er lachend einem dreijährigen steigenden Junghengst den richtigen Weg weist - das Vertrauen gibt, dass man den Problemen des Alltags mit einem Lächeln begegnen kann. Die Ausbildung der dreijährigen Hengste übernimmt er alleine und im Stillen. Die Tiere konzentrieren sich auf ihn. Er arbeitet mit Leidensschaft an seinen Pferden und verkauft die Murgesen auch an deutsche Reiter.

Guliano

Er ist nicht der schönste Murgesenhengst Italiens. Er ist mit seinen 13 Jahren und höchstens einen Meter und sechzig eher ein älteres Modell. Und er ist stur. Als ich ihn zum ersten Mal geritten habe, hatte ich das Gefühl, dass er unter allen Umständen einen engeren Kontakt mit mir vermeiden wollte. In seiner fast authistischen Art ignorierte er freundlich bleibend jegliche Hilfen, die mich sofort an meinen Reitkünsten zweifeln ließen. Als ich ihn dieses Jahr wiederholt besuchte, versuchte ich bereits vor dem Ritt, den zum Putzen angebundenen Guliano wenigstens durch Zurufen und dem Anbieten von Leckerlies dazu zu bewegen, den Blick auf mich zu richten. Einige Versuche, schließlich mit frischem Gras, entlockten ihm eine leichte Stellung im Genick und ein Blinzeln durch die feste Stirnmähne. Guliano hatte lange Jahre ohne menschlichen Bezug verbracht bevor er zu Mario kam, was ihn eigenwillig hatte werden lassen.

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Der Murgesenstall in Quagliuzzo

Der Ritt

Als wir an diesem sonnig-bewölkten Nachmittag zum Ausritt aufbrachen, waren wir zu viert: Mario Di Stazio, sein dreijähriger Murgese Ticiano, Guilano und ich. Wir begaben uns weiter südlich in das Tal hinab, ritten an befahrenen Straßen entlang, kreuzten Brücken, Unterführungen und hatten wirklich abwechslungsreiches Geläuf. Der äußerst dominante Hengst Ticiano mimte ein Scheuen vor dem schwarzen Aspalt und nahm manche Gelegenheit wahr, grundlos oder unter Vorgabe fadenscheiniger Gründe Mario auf Herz und Niere zu prüfen, was Mario mit einem Lächeln quittierte.

Gerade in diesen kritischen Situationen zeigte Guliano seinen wahren Murgesencharakter. Er hielt inne und wir warteten gemeinsam, bis der Tanz der beiden anderen ein Ende fand. Gulianos Distanz zu meiner Person nahm tatsächlich mit der Zeit ab. Er wurde rittiger und begann mir mehr und mehr Spaß zu machen. Ein kleiner Sprung über einen im Weg liegenden Zweig nahm ich zum Anlass ihn stark zu loben. Seinen Widerwille ahndete ich mit Mehrarbeit, den angenehmen weichen und taktreinen Galopp am Flussufer entlang belohnte ich mit ruhiger Körperhaltung und feinem Nachgeben.

Aostetal4Die Passage durch den Fluss gestaltete sich abenteuerlich. Das Wasser strömte oder plätscherte durch faust- bis fußballgroße runde Kieselsteine. Die Tiefe des Wassers konnte man nur abschätzen. Wir suchten uns einen geeigneten Übergang. Guliano zeigte sich – wie soll man es ausdrücken: weise! So trittsicher, so bedächtig – und ich mittlerweile so vertrauensvoll ihm gegenüber – bis zum anderen Ufer das Eis zwischen und gebrochen war. Danach überraschte er mich mit seiner Sensibilität und Kommunikationsbereitschaft, einer durchaus gewissen Lektionssicherheit und unaussprechlichen Gelassenheit. Guliano und ich sind Freunde geworden. Es wurde für mich ein unvergesslicher Ritt mit einem unvergesslichen Murgesenhengst.

Als wir wieder den Weg in Richtung Heimat einschlugen, ritten wir durch verträumte italienische Dörfchen. Asphaltierte Straßen steil bergauf. Wenn die Hengste dann antrabten wurde sonnenklar, dass Murgesen im Mittelalter schon gute Reisepferde waren. Mit butterweichen, kraftvollen Bewegungen kommt man schnell und sicher ans Ziel. Dies nutzte auch Marco Polo auf seinen Landreisen von Venedig aus. Seit dieser Zeit hat sich diese Rasse eine gewisse Eigentümlichkeit bewahrt.

Mit diesen wundervollen Eindrücken vom den Murgesen und dem Aoste Tal setzte ich meine Reise ins Innere des Landes fort.

Dr. Susanne Weyrauch