Eine Zeitzeugin berichtet vom Hunger
In einer Zeit des Überflusses sprechen wird gerne von Diäten. Und zu jeder Diät gehört ein bisschen Hunger. Nun ist Hunger eine sehr unangenehme körperliche Empfindung. Allerdings eine notwendige, damit man sich um die Beschaffung von Nahrung kümmert, bevor es zu spät ist.
Ausgelöst wird der Hungerreiz durch Überträgerstoffe in den Nerven, nicht durch das bekannte Magenknurren. Allerdings nehmen die Kontraktionen im Magen im Hungerzustand zu, wenn sehr lange keine Nahrungsaufnahme erfolgt ist. Weiterhin verantwortlich für den Hungerreiz sind der Blutzuckerspiegel und der Gehalt an Glykogen in Leber und Muskulatur. Wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, wird der Hunger ausgelöst. Viele verwechseln allerdings den Hunger mit dem Appetit, der im Gegensatz dazu ein psychisches Phänomen ist und nicht zwangsläufig mit Hunger kombiniert sein muss. Der Mensch ist auf das Erleiden von Hungersnöten genetisch besser vorbereitet als auf ständigen Überfluss, der rasch zu Stoffwechselerkrankungen führt. Viele Stoffwechselvorgänge im Körper können sich auf den Mangel einstellen. Bis ein Mensch tatsächlich verhungert, vergeht eine lange Zeit.
Eine Zeitzeugin berichtet

Frau Patze kennt wirklichen Hunger aus
der Zeit nach dem 2. Weltkrieg
Es ist noch nicht lange her, dass Menschen auch in Europa schwer gehungert haben. Die letzten Zeitzeugen sterben langsam aus, so dass fast niemand mehr begreifen kann, wie schlimm diese Zeit war. Frau Patze aus Berlin, geboren 1923 war zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine junge Frau von 22 Jahren. Futterjournal hatte Gelegenheit zu einem Gespräch: „ Hunger raubt einem jegliche Würde“. Frau Patze, die heute täglich bei einem guten Italiener in Giessen zu Mittag isst, weiß von was sie redet. Von den Gefühlen, die bei Hunger entstehen, weiß Frau Patze bescheid. Die Stadt Berlin hatte ab 1945 nichts mehr zu bieten. „Wer hungert, macht den Hunger für jede körperliche Reaktion oder Krankheit verantwortlich.“, sagt Frau Patze, der vor allem charakterlichen Veränderungen an den Menschen aufgefallen sind. Nervosität und das Auftreten von Neidgefühlen gegenüber denen, die mehr zu Essen hatten, gehören dabei zu den häufigsten. Was aber isst der Mensch, wenn eigentlich nichts mehr zu Essen da ist?

Der Mensch isst im Hunger nahezu alles
Da 1945 auch auf Lebensmittelmarken wenn überhaupt nur noch gestreckte Nahrungsmittel erhältlich waren, wurde alles gegessen, was in irgendeiner Form für den menschlichen Verzehr geeignet war. Auf die Frage, ob es noch Schwäne auf den Flüssen gab, lacht Frau Patze. Natürlich gab es auch keine Tiere mehr im Zoo. Einerseits weil man sie nicht mehr füttern konnte, andererseits, weil sie einfach gegessen wurden. Selbst die intelligenten Spatzen wurden Opfer einfallsreicher Vogelfänger. Haustiere gab es nicht mehr. Eine Ziege wurde zwecks Milch im Keller gehalten und wer Hasen hatte, hatte es gut. Die Nahrungssuche nahm viel Zeit in Anspruch. Frau Patze erzählt, dass man für ein einziges Ei eine Tagesreise unternahm und dabei noch Hab und Gut dagegen eintauschte.
Die Qualität der Nahrungsmittel spielte auf alle Fälle keine Rolle mehr. Schimmel oder vermilbte Nahrungsmittel wurden hingenommen. Eine der schwerwiegendsten Erfahrung Frau Patzes war ihre Dankbarkeit gegenüber einem russischen Soldaten, der ihr ein schmutziges Stück Brot aus der Hosentasche seiner Uniform angeboten hatte. Sie aß es auf der Stelle.
Ein Tag Hunger
Wenn man direkt und ohne Verhübschung einer Zeitzeugin folgen darf, dann erkennt man, dass wir heute sehr froh sein können. Die meisten von uns leben im Überfluss und kämpfen mit ihrem Gewicht. Eigentlich dürfte es in Anbetracht echter Hungersnöte für uns nicht schwer sein, einmal das Abendessen sausen zu lassen oder sogar einen ganzen Tag zu fasten, um ein paar Pfunde purzeln zu lassen. Vielleicht sollte man einfach mal den Verzicht üben. Für eine bessere Gesundheit.
Dr. Susanne Weyrauch










