Innere Pferdemedizin

Inhalt-MedizinIn diesem Jahr wird die Universität in Giessen 400 Jahre alt. Sie gehört somit zu den älteren deutschen Hochschulen. Früher hieß sie Ludovikana nach ihrem Begründer Ludwig V. und nach dem 2.Weltkrieg wurde sie in Justus-Liebig-Universität umbenannt. Justus Liebig gehört neben Konrad Röntgen zu den renommiertesten Wissenschaftlern, die in Giessen forschten und lehrten. Die Tierheilkunde stand an dieser Hochschule schon sehr früh auf dem Lehrplan.

Die ersten Vorlesungen wurden innerhalb der medizinischen Fakultät 1777 gehalten und Professor K.W. Vix, der ab 1828 in Giessen lehrte, gilt als der unbestrittene Begründer der akademischen tierärztlichen Ausbildung in Deutschland. Die ersten Gebäude der Veterinärklinik an der Frankfurter Straße entstanden 1871/72, inklusive Stall für Großtiere und angegliederter Lehrschmiede. Mittlerweile gibt es in Deutschland neben Giessen noch vier weitere Unis, an denen Tiermedizin gelehrt wird sowie drei weitere im deutschsprachigen Raum.

Heute sind die einzelnen Institute bzw. Kliniken nach Tierarten getrennt. So entstand auch 2004 die Pferdeklinik in ihrer jetzigen Form. Sie ist unterteilt in die Professur für Innere Krankheiten und Pferde-Chirurgie. Der Bereich innere Medizin wird heute de facto geleitet von der Privatdozentin Dr. Kerstin Fey. Dieser Teil der Klinik verfügt über eine großzügige Ausstattung mit zehn Pferdeboxen, davon sechs Isolierboxen für ansteckende Krankheiten und einer speziell ausgepolsterten Kolikbox. Auch die sonstige Ausstattung, die großen Untersuchungsräume, Ärztezimmer oder der große überdachte Longierplatz weisen darauf hin, dass man sich in einer Universitätsklinik befindet. Man kann also davon ausgehen, dass die eingelieferten Patienten hier gut versorgt werden.

Die meisten Pferde werden von Tierärzten aus der weiteren Umgebung hierher überwiesen. Hauptsächlich handelt es sich um Tiere mit chronischen Atemwegsproblemen oder Kolikpatienten. Aber es kommen auch Problemfälle mit Herz- und Kreislauferkrankungen und mit Infektionen aller Art (Viren, Bakterien oder Parasiten) hierher zur Behandlung. Weiterhin gehören Ekzemer dazu und mit anderen Hautkrankheiten belastete Pferde. Natürlich verfügt das Institut über beste diagnostische Geräte, die komplexe Untersuchungen erlauben, wie zum Beispiel modernste Video-Endoskope, mit denen der Magen und erste Teil des Dünndarmes und natürlich auch die oberen und unteren Atemwege eingesehen werden können. Wenn notwendig, kann auch die Harnblase gespiegelt werden. Das Video darf sich der Halter auf Wunsch mit nach Hause nehmen, damit etwa auch der Haustierarzt sich ein umfassendes Bild machen kann. Auch EKG (Elektrokardiogramm) und neueste Ultraschallgeräte mit Farb-Doppler insbesondere zur Herzultraschalluntersuchung stehen für die Diagnose zur Verfügung.

Dr. Kerstin Fey ist eine der wenigen Fachtierärztinnen für innere Medizin in Deutschland. Sie hat in Hannover studiert und in Giessen promoviert und habilitiert. In ihrem Habilitationsprojekt beschäftigte sie sich mit COB, was für Chronisch-Obstruktive-Bronchitis steht, die früher bekannt war als Dämpfigkeit und deren schwere Form heutzutage eher selten geworden ist. Sie stellte uns den Fachbereich Innere Pferdemedizin vor und beantwortete uns ein paar Fragen.

Medizin-Uniklinik-Stall
Stall der Uniklinik Gießen

FutterJournal:
Welche Krankheitsfälle werden hier eingeliefert und woher kommen diese Pferde?
Dr. Kerstin Fey:
Der Grossteil der Patienten wird von Tierärzten aus einem Umkreis von etwa 100 km nach Giessen überwiesen. Bei Fällen von sehr schweren Erkrankungen der Atemwege oder Koliker, die operiert werden müssen, kommen die Besitzer oft noch von weiter her. Manche Leute kommen auch nach telefonischer Absprache ohne Überweisung direkt in die Klinik.

Medizin-Uni-KlinikFutterJournal:
Sie haben zusammen mit zwei anderen Giessener Wissenschaftlern eine Atemmaske für Pferde entwickelt. Was macht man damit?
Dr. Kerstin Fey:
Die Maske ist ein Inhalationsgerät, das batteriebetrieben funktioniert und sowohl Salzlösungungen als auch Medikamente extrem fein vernebelt. Damit durch Inhalation die tiefer liegenden Atemwege erreicht werden, muss die Lösung eine durchschnittliche Tropfengrösse von unter zwei Mikrometer haben, die man über normales Dampfinhalieren niemals erreicht. Zudem hat das Gerät den Vorteil, dass die abgeatmete Luft gefiltert wird und somit der behandelnde Mensch nicht kontaminiert bzw. mitbehandelt wird, insbesondere wenn Medikamente vernebelt werden. Die Maske ist sehr leicht und hat keine störenden Kabel oder zuführende Schläuche, da sie batteriebetrieben ist und der Vernebler, der das feine Aerosol produziert, in die Maske integriert ist. Sie wird gut von den Pferden angenommen. Leider hat die Vermarktung, die ja natürlich nicht die Universität übernehmen kann, noch diverse Kinderkrankheiten.

FutterJournal:
Was ist die häufigste Ursache für die Atemwegsprobleme Ihrer Patienten?
Dr.Kerstin Fey:
Das ist wohl in erster Linie ein Haltungs- bzw. ein Fütterungsproblem. Heute sind viele Pferde nur selten an der frischen Luft und werden weitaus weniger gearbeitet als früher. Dazu kommt, dass die Heuwerbung in Großballen häufig unter Verwendung eines so großen Pressdrucks geschieht, dass die ganz normale Ausschwitzung von Feuchtigkeit in der Mitte des Ballens nicht ablüften kann und somit fast zwangsläufig zu Schimmelbildung führt. Da viele der atemwegserkrankten Patienten schon auf kleinste Schimmelmengen reagieren, kommt man hier leicht in einen Teufelskreis. Eigentlich müssten solche Pferde besser auf Silage umgestellt werden, was aber bei einem größeren Bestand schwierig ist, wenn nur einzelne Pferde reagieren und Silage bekommen sollen. Da Pferde-silage einen deutlich höheren Rohfasergehalt aufweisen muss als Silage, die an Rinder verfüttert wird, ist deren Gewinnung schwieriger. Denn bei geringem Feuchtigkeitsgehalt ist die richtige Durchsäuerung des silierten Grases schwieriger, und die ist notwendig, um eine optimale Nährstoffqualität und Haltbarkeit zu erreichen. Und einmal angebrochen besteht auch wieder die Gefahr, dass an Sauerstoffeinschlüssen auch Schimmel entsteht.

Medizin-Fey-UntersuchungFutterJournal:
Zur Zeit wird viel geredet über das Metabolische Syndrom. Haben Sie auch damit Erfahrungen?
Dr. Kerstin Fey:
Nun, zu uns kommt ja kein Pferd, weil es zu dick ist, sondern nur wenn es zum Beispiel unter wiederkehrenden Hufreheschüben leidet, die ihre Ursache hier haben können. Viele Pferdebesitzer haben es ja gerne, wenn ein Pferd so einen fetten Kamm an der Mähne hat, weil das die Halslinie schön betont. Manche Pferde haben allerdings ihre Fettablagerungen auch an Stellen, so dass sie sich schlecht satteln lassen. Vielen Haltern ist aber auch nicht bewusst, was sie ihrem Pferd antun. Die Tatsche, dass das Syndrom heute vermehrt auftritt, ist eher eine Zeiterscheinung. Es werden vermehrt leichtfuttrige Rassen gehalten, etwa die Barockpferde, Isländer oder Haflinger. Die sind sehr karge Weiden gewöhnt und setzen schon auf unseren üppigen Weiden quasi von allein Fett an. Wenn die dann auch noch diese schmackhaften Müslis bekommen, ist das Kind schon halb in den Brunnen gefallen. Aber viele Menschen füttern halt so gerne, und es hat ja auch etwas sehr beruhigend-befriedigendes, einem Pferd beim genussvollen Kauen zuzuschauen. Aber Kraftfutter ohne Leistung - und Leistung heisst nicht nur Schritt und Trab im Gelände für eine halbe Stunde - das bekommt einfach manchen Rassen und Individuen nicht.

FutterJournal:
Frau Dr. Fey, wir danken für das Gespräch.

Medizin-FeyReitet
Dr. Kerstin Fey beim Reiten

Karl Möller