Giftpflanzen finden sich in Wald, Feld und Flur
Alle Jahre wieder erhalten Tierärzte Notrufe wegen Vergiftungsfällen in Pferdeställen. Besonders nach einem schneereichen Winter oder längerer Zeit ohne frisches Grünfutter sind Pferde gierig auf alles Grüne. Leider meiden sie dabei im Gegensatz zu ihren wildlebenden Artgenossen nicht instinktiv solche Gewächse, die sich mit der Bildung giftiger Stoffe gegen Fraßfeinde wehren.
Auch aus Langeweile kann es vorkommen, dass sie auf der Weide oder beim Ausritt in Wald, Feld und Flur Pflanzen mit gesundheitsschädlichen Inhaltsstoffen fressen. Wenn ein Pferd dann plötzlich Krankheitssymptome zeigt, kann die Ursache hierfür das eben noch genüsslich oder begierig gefressene Grün sein und dann nimmt das Unglück seinen oftmals schmerzhaften und manchmal sogar tödlich endenden Lauf. Da ein Erbrechen beim Pferd bekanntermaßen nicht ausgelöst werden kann, bleibt selbst dem eilig herbeigeholten Tierarzt meist nur die Bekämpfung der Symptome. Tierärzte berichten von Todesfällen schon innerhalb weniger Minuten bis mehrerer Wochen nach Pflanzenaufnahme durch Lähmung des Atemzentrums und des Herzens einhergehend mit zum Teil schweren und blutigen Durchfällen, Krämpfen, Taumeln oder Aufbäumen vor Schmerz.
Ziergehölze und immergrüne Hecken
Besondere Vorsicht ist bei Zierhecken mit vielen immergrünen Gehölzen geboten, wenn sie direkt an die Weide grenzen. Denn vor allem unachtsam entsorgter Heckenschnitt brachte schon für so manches Pferd qualvolle Schmerzen, schwere gesundheitliche Schäden oder sogar den Tod mit sich.
Zierhecken bergen gleich mehrere Gefahren für Pferde. So reichen 100 bis 200 Gramm Nadeln der als Heckenpflanze weithin beliebten Eibe (Taxus baccata), 100 bis 150 Gramm Ligustergrün (Ligustrum vulgare) oder 400 Gramm Kirschlorbeer-Blätter (Prunus laurocerasus), um ein Pferd zu töten. Seinen Namen zu Unrecht besitzt der Lebensbaum (Thuja occidentalis), denn der Verzehr einer größeren Menge kann für Pferde ebenfalls tödlich sein.

Auch der zur frühsommerlichen Blütezeit dekorative Goldregen (Laburnum anagyroides) mit seiner gold-gelben Blütenpracht und seinen gefiederten Blättern ist giftig: hier sind es neben allen anderen Pflanzenteilen vor allem die Hülsenfrüchte mit ihren dunkelbraunen Samen. Des Weiteren gilt Vorsicht vor dem immergrünen, gerne in Formen geschnittenen Buchsbaum (Buxus sempervirens) und den vielen, wegen ihrer auffälligen Blüten beliebten Rhododendron-Sträuchern (Rhododendron spec.). Die als Strauch und Baum wachsende Stechpalme (Ilex aquifolia) mit ihren verlockend roten Beeren wird in aller Regel von den Tieren gemieden, da sie sehr derbe und in Fresshöhe außerdem stechend gezähnte Blätter besitzt. Aber der Verzehr ihrer Blätter, die weiter oben übrigens nicht mehr gezähnt sind, und ihrer attraktiven Beeren ist sowohl für Mensch und Tier gesundheitsgefährdend.
Gefahren im und am Wald
Leider lauern giftige Gefahren durch einheimisches Grün auch in Wald, Feld und Flur. Deshalb sollten Pferdehalter sowohl beim Ausritt ein Auge auf die angrenzende Vegetation werfen, als auch bei Weiden am Waldrand über den Zaun hinaus erreichbare Stauden, Äste und Zweige begutachten. So manche schwerwiegende Vergiftung resultierte nämlich aus dem neugierigen Knabbern der Tiere mit langem Hals über den Weidezaun hinweg.
Die wohl häufigste und gleichzeitig eine der gefährlichsten Giftpflanzen Deutschlands ist der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea). Die mannshohe Staude mit der bodenständigen Rosette aus großen, samtig behaarten Blättern und den rosa bis rotvioletten, fingerhutartigen Blüten liebt lichte Wuchsorte im und am Wald, zum Beispiel Waldränder, Waldwege sowie Waldlichtungen und Kahlschläge, wird aber auch in Gärten angepflanzt. Wegen der stark herzwirksamen Inhaltsstoffe sind für ein Pferd bereits 100 bis 200 Gramm frischen oder getrockneten Pflanzenmaterials des Fingerhuts tödlich, auch wenn es sie über mehrere Tage verteilt frisst!
Ähnliche Standorte wie der Rote Fingerhut besitzt der Adlerfarn (Peridium aquilinum). Ein Inhaltsstoff dieses im Hochsommer mannshoch werdenden Farns bewirkt nach Aufnahme größerer Mengen über einen längeren Zeitraum (etwa 30 Tage, auch getrocknet im Heu) die Zerstörung von Vitamin B1 und verursacht auf diese Weise bei Pferden unter anderem Mangelerscheinungen, Nierenschädigungen und zentralnervöse Störungen. In diesem Fall ist eine geeignete Behandlungsmaßnahme die Gabe von Vitamin B1, das zum Beispiel in Futter-, Back- oder Bierhefe enthalten ist.
Mögliche Symptome nach Fressen von Zweigspitzen des Pfaffenhütchens (Evonymus europaeus), einem bis zu fünf Meter hoch werdenden Strauch mit typischen rosa-orangeroten Früchten sind Koliken, Bauchfellentzündung und erhöhte Herzfrequenz. Leider kann auch die Neugier auf dieses „Grünfutter“, das gerne an Laubwaldrändern und in Hecken der freien Landschaft wächst, im Extremfall ebenfalls tödlich enden.
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| Eibe | Ligusterbeeren | Kirschlorbeer | Lebensbaum | Goldregen | Buchsbaum |
Wegen seiner giftigen Rinde muss die15 bis 25 Meter hohe Robinie (Robinia pseudoacacia) von Pferdehaltern gemieden werden. Sie sollten beachten, die Tiere beim Ausritt nicht an diesen Laubbaum mit den gefiederten Blättern anzubinden und beim Häcksel-Einstreu Robinien-Rinde zu meiden. Denn der Verzehr von 150 Gramm Rinde ist bereits tödlich! Als alarmierende Symptome gelten unter anderem Schleimhautentzündungen des Magen-Darm-Trakts, Koliken, Blindheit, Gleichgewichtsstörungen, Festliegen, Herzschwäche sowie Hufrehe.
Sehr stark giftige einheimische Waldpflanzen sind weiterhin Maiglöckchen (Convallaria majalis) und Tollkirsche (Atropa belladonna). Die herzwirksamen Inhaltsstoffe des Maiglöckchens wirken ähnlich denen des Fingerhuts und führen zu Herzrhythmusstörungen, verlangsamter Herzfrequenz und Atemnot bis hin zum Tod. Die bis zu eineinhalb Meter große Tollkirsche besitzt weit ausladende Zweige und typisch zweizeilig angeordnete, unterschiedlich große Blätter und glockenähnliche, rotviolette bis bräunliche Blüten sowie blauschwarz-glänzende, kirschgroße Beeren. Diese schmecken fatalerweise leicht süßlich und wirken bei Pferden ab einer Menge von ca. 125 Gramm tödlich.
Sehr giftig sind weiterhin der bereits zeitig im Frühjahr lila blühende Seidelbast (Daphne mezereum), Grüne Nieswurz (Helleborus viridis) und Christrose (Helleborus niger). Diese kommen in unseren Laubwäldern zwar nur vereinzelt oder nur in bestimmten Regionen Deutschlands vor, haben aber in zahlreiche Hausgärten Einzug gehalten.
Schließlich sei erwähnt, dass auch das Fressen größerer Mengen des immergrünen, am Boden kriechenden und die Bäume hochkletternden Efeus bei Pferden zu Reizungen des Magen-Darm-Trakts, einhergehend mit Krämpfen und Koliken führen kann.
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| Rhododendron | Stechpalme | Fingerhut | Adlerfarn | Pfaffenhütchen | Robinie |
Giftiges auf Wiese, Weide und am Feldrain
Im Offenland dürften sich Pferde auf Wiesen, Weiden und am Feldrain die häufigsten Vergiftungen beim Fressen von Herbstzeitlose und Jakobsgreiskraut zuziehen. Die Herbstzeitlose gehört zu den giftigsten Pflanzen Deutschlands. Sie blüht erst im Herbst auf frischen bis feuchten Wiesen. Wegen der krokusähnlichen, lila Blüte wird die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) auch Giftkrokus genannt. Ihr giftiger Inhaltsstoff reizt sehr stark den Magen-Darmtrakt. 1200 bis 3000 Gramm Blätter und Samenkapseln - frisch oder auch getrocknet im Heu – führen bei Pferden nach ein bis sieben Tagen zu Fressunlust, Kreislaufstörungen, heftigem Schwitzen, Krämpfen und blutigem Durchfall bis hin zum Tod.
Auch das bis zu ein Meter hoch werdende Jakobsgreiskraut (Senecio jacobaea) mit seinen attraktiven, doldig angeordneten, sternchenförmigen, gelben Körbchenblüten behält seine Giftwirkung im getrockneten Zustand. Die frische Pflanze wird bei genügendem Futterangebot zwar wegen des unangenehmen, stark bitteren Geschmacks meist gemieden, jedoch nicht bei Futtermangel und nicht als Bestandteil im Heu, denn der bittere Geschmack verliert sich beim Trocknen. Inhaltsstoffe der Pflanze verursachen bei langfristigem Fressen Leberschäden. Die Symptome stellen sich in Abhängigkeit von der über längere Zeit hinweg gefressenen Menge mit Abmagerung, Verstopfung oder blutigem Durchfall, Atemnot, ziellosem Wandern, Gelbsucht, Schüttelkrampf und Koma bereits nach einigen Tagen oder erst nach einigen Monaten ein. Auch die Todesfolge ist möglich, denn bisher gibt es für die verursachte Leberschädigung keine Behandlungsmöglichkeit.
Die für den Menschen als Heilpflanze geltende, immergrüne Gundelrebe oder Gundermann (Glechoma hederacea) ist für Pferde leider ebenfalls giftig und bewirkt in größeren Mengen oder auch in Kombination mit anderen Giftpflanzen mehrere Tage nach Aufnahme unterschiedlichste Symptome bis hin zu Todesfällen. Die bodendeckende Staude ist bei uns sehr häufig und wächst vor allem an halbschattigen, frischen bis leicht feuchten Standorten. Auch sie behält im getrockneten Zustand über mehrere Wochen ihre Giftwirkung.
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| Maiglöckchen | Tollkirsche | Seidelbast | Christrose | Efeu | Herbstzeitlose |
Die Aufnahme größerer Mengen der Nachtschattengewächse Bittersüßer Nachtschatten (Solanum dulcamara), Schwarzer Nachtschatten (Solanum nigrum) sowie unreifer, grüner Kartoffelfrüchte, die mit Gartenabfällen in die Weide einwandern können, sind wegen des giftigen Inhaltsstoffs Solanin gefährlich: er kann zu Koliken, Durchfällen, Gleichgewichtstörungen und Fehlgeburten führen.
Auch die zuweilen an Weidezäunen rankende Zaunrübe (Bryonia alba et dioica) mit ihren roten Beeren ist für Pferde bedenklich, ebenso wie das Acker-Unkraut Klatsch-Mohn (Papaver rhoeas) sowie die gerne in Böschungen wachsenden Lupinen (Lupinus lutea et angustifolia) und der gelb blühende Besenginster (Lupinus lutea). Lupinen und Besenginster können in großen Mengen unter anderem bei trächtigen Stuten die Wehen auslösen.
Der gelb blühende Scharfe Hahnenfuß (Ranunculus acris) - auch als Butterblume bekannt – mit seinen schleimhautreizenden Inhaltsstoffen wird auf der Weide wegen seines bitteren Geschmacks von Weidetieren zwar meist gemieden. Jedoch sollte bei der Futtergewinnung darauf geachtet werden, dass größere Hahnenfußmengen nicht frisch, sondern nur in getrocknetem Zustand verfüttert werden, da er beim Trocknen seine reizende Wirkung verliert.
Schließlich sei auf die eher seltenen aber stark giftigen Arten Ritterporn (Delphinium species) und den sogar bei Berührung stark giftigen Blauen Eisenhut (Aconitum napellus) hingewiesen. Der Blaue Eisenhut ist ursprünglich eine Staude der frischen Bergwiesen, die inzwischen in vielen Hausgärten Einzug gehalten hat und des Öfteren auch im Blumenstrauß auf unseren Wohnzimmertischen landet. Weitere beliebte exotische Gartenpflanzen mit zum Teil sehr starker Giftwirkung sind zum Beispiel Rizinus (Ricinus communis), Trompetenbaum (Brugmansia stramonium), Stechapfel (Datura spezies) und Oleander (Nerium oleander).
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| Jakobsgreiskraut | Gundelrebe | Kartoffelfrucht | Eisenhut | Engelstrompete | Oleander |
Vorsichts- und Notfallmaßnahmen
Damit es nicht zu tragischen Notfällen kommt, ist es für jeden Liebhaber seiner vierbeinigen Pflanzenfresser wichtig, das Problem „Giftpflanzen“ und entsprechende Notfall-Maßnahmen zu kennen. Vorab leisten gut bebilderte Bestimmungsbücher, das Internet (zum Beispiel: www.vetpharm.unizh.ch/giftdb/giftf.htm) und Pflanzen-Experten wertvolle Aufklärung, die jeder Pferdehalter im Zweifelsfall zu Rate ziehen kann. Insbesondere dann, wenn im Stall schon einmal scheinbar rätselhafte Erkrankungen, schwere Koliken, Lähmungen, Krämpfe oder schwere Durchfälle bei den Tieren aufgetreten sind.
Vorsichtshalber sollten Pferdehalter folgende allgemeine Maßnahmen beherzigen:
- Bitten Sie Nachbarn Ihrer Weidefläche, keinen Hecken- oder Rasenschnitt sowie keine Gartenabfälle auf die Weide zu entsorgen.
- Entfernen Sie unbekannten Heckenschnitt, Rasenschnitt sowie Gartenabfälle von der Weide.
- Lassen Sie im Zweifelsfall Ihre Weide und deren Umgebung sowie häufige Wege beim Ausritt durch einen Pflanzenkenner auf Giftpflanzen begutachten.
- Vermeiden Sie bei der Bepflanzung von Reitanlagen oder der Weidebegrenzung immergrüne, fremdländische Bäume und Sträucher, diese sind oft giftig.
- Verwenden Sie stattdessen vor allem einheimische Gehölze. Sie leisten damit gleichzeitig einen Beitrag zum Naturschutz.
- Binden Sie Ihr Pferd nie an unbekannten Hecken, Büschen oder Bäumen fest.
- Grenzen Sie Ihre Weidefläche großzügig vom eventuell benachbartem Waldrand oder immergrünen Hecken ab.
- Lassen Sie Ihr Pferd nicht auf unbekannten Koppeln laufen und nicht an unbekannten Bäumen, Sträuchern oder Kräutern fressen.
- Verfüttern Sie Heu nur von einem Lieferanten Ihres Vertrauens.
- Halten Sie für den Notfall immer die Telefonnummer Ihres Tierarztes sowie eine Notfallapotheke bereit.
Ist der Notfall dennoch eingetreten, stellen Sie nach Möglichkeit Teile des gefressenen Pflanzenmaterials sicher und rufen Sie sofort Ihren Tierarzt zur Hilfe. Bis zu dessen Eintreffen muss die weitere Giftaufnahme unterbunden werden. Stellen Sie Ihr Pferd in eine gut eingestreute, sichere Box, um Verletzungen bei möglichen Koliken oder Krampfanfällen zu vermeiden. Versuchen Sie, es zum Beispiel mit einer sanften Gesichtsmassage mit dem Haarstrich und mit einigen Tropfen unverdünntem Lavendelöl zu beruhigen. Füttern Sie es nicht, sondern bieten Sie Wasser oder einen zum Symptom passenden Heilkräuter-Tee an und flößen Sie dem Tier, wenn möglich, mittels einer großen Spritze in Wasser gelöste Tierkohle ein, um die Giftstoffe zu binden.
Dr. Christina Paulson


































