Eleganz im XXL-Format

Inhalt-RasseportraitDer Percheron auf dem Siegeszug

Edelstes arabisches Blut fließt durch seine Adern und doch gehört er zu den Größten und Schwersten seiner Zunft. Der Percheron macht dem Shire als angeblich größtes Pferd inzwischen ernsthaft Konkurrenz: Nach Elwyn Hartley Edwards, einem der renommiertesten englischen Pferdefachleute, hält eine australische Percheron Stute (!)

… den Zugleistungsweltrekord von 1545 Kilogramm auf einer vorgeschriebenen Strecke von 4,57 Metern und das größte Pferd der Welt - so Edwards - war der amerikanischen Percheron Hengst Dr. Le Gear mit 213 Zentimetern Stockmaß, der unglaubliche 1372 Kilogramm auf die Waage brachte. Kein Wunder, dass die beeindruckenden Franzosen mit ihrem orientalischen Überguss den Traum vieler Kaltblutfans in der ganzen Welt verkörpern.

Orientalischer Touch

In der Perche, einer Hügellandschaft, südwestlich von Paris, umgeben von den drei Staatsgestüten und Hengstdepots Le Pin, Angers und Blois liegt die züchterische Wiege dieser imposanten Tiere. Zentrum der Zucht ist das Tal von Huisne und darin die Stadt Nogent sur Rotrou. Mildes und feuchtes atlantisches Klima, hervorragende Weiden mit hohem Kalziumgehalt, züchterisches Fingerspitzengefühl sowie ungewöhnliche Veredler sorgten für die Entwicklung einer Pferderasse, die einmal zum „Stolz Frankreichs“ avancieren sollte.

Bereits im Jahre 732 tobte nahe der Perche in den Sümpfen zwischen Tours und Poitiers eine Schlacht gegen die Sarazenen. Der fränkischen Ritter Karl Martell verschaffte den islamischen Heeren Dank seiner berühmten „Panzerreiter“ eine verheerende Niederlage und erbeutete viele orientalische Hengste aus dem Nordafrikanischen Raum. Auch Robert, Graf von Rotrou von Perche brachte von dem 1.Kreuzzug 1096-1099 arabisch geprägte Beutepferde mit, die man mit den heimatlichen Landstuten paarte.

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Als vorzügliches Kavalleriepferd ging der Percheron durch die Jahrhunderte und wurde in der Renaissance und im Barock wie keine andere französische Rasse gezielt vom reichen Adel zunächst auf den herrschaftlichen Landsitzen, später auch in bäuerlichen Betrieben der fruchtbaren Landschaft mit kostbarstem Orientalischen und Spanischen Blut veredelt. Daran beteiligte sich seit ihrer Gründung durch Jean-Baptiste Colbert auch die französische Gestütsverwaltung in Gestalt des Marquis de Seignelay, seines Zeichens Finanzminister Ludwigs XIV. 1820 importierten sie u.a. die beiden Schimmel Gallipoli (Araber) und Godolphin (Berber), wobei ersterer vor allem über seinem 1830 geborenen Sohn Jean-Le–Blanc von sich reden machte. Dieser lebte 32 Jahre, wurde zum Stempelhengst der Percherons, brachte die Schimmelfarbe in die bis daher eher dunkle Zucht und sorgte dafür, dass sich die ungewöhnlich noble Abstammung der Rasse heute noch bemerkbar macht.

Die damaligen, sogenannten „Postier-Percherons“ waren ca. 1,57 Meter große, eher warmblütig geprägte, mittelschwere, agile und ungeheuer leistungsfähige Trabpferde. Sie dienten dem Menschen als bäuerliche Zugpferde oder beim Militär in der schweren Reiterei als Curassiers. Sie bewegten Geschütze, Feuerspritzen und Postkutschen. Ihr auffälliges, auch in der Dunkelheit gut auszumachendes, weißes Fell prädestinierte sie geradezu für den Einsatz im Straßenverkehr. Die 1850 gegründete Pariser Omnibusgesellschaft bespannte fast ihren ganzen Fuhrpark mit Percheronschimmeln, die von den Fahrgästen liebevoll „Les Dames Blanches“ genannt wurden. 1883 gab die „Société Hippique Percheronne“ ein erstes eigenes Stutbuch heraus.

Percheron4Das arabische Blut hatte verschiedene, regional unterschiedliche Typen entstehen lassen und die starke Vererbungskraft der Rasse verhalf dazu, diese jeweils zu einer neuen, soliden Zuchtbasis weiterzuentwickeln. Noch heute existieren in den französischen Staatsgestüten wegen einer „Eingemeindung“ der Zuchtgebiete in den übergeordneten Percheronverband einzelne Überbleibsel lokaler, kaum mehr vor dem Aussterben zu rettender Percheron-Schläge, wie dem Augeron, Berrichon, Bourbonnais, Maine und Nivernais. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich aber mit der zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft und dem damit einhergehenden, schwereren Gerät, die Anforderungen an Zugpferde geändert. Postier-Percherons waren von schnelleren englischen Kreuzungen ersetzt worden und so sahen einige clevere Percheronzüchter den Weg zum schweren Zugpferd als Ausweg an. Heftige Auseinandersetzungen zwischen den Züchtern des „alten, leichten“ und des „neuen, schweren“ Typs waren die Folge. Die Gestütsverwaltung bemühte sich, beide Richtungen zu unterstützen, damit der Postier-Percheron nicht völlig unterging- vergeblich: Im Herzen der Perche gab es bald nur noch den kräftigen Typ.

Siegeszug um die Welt

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen die Amerikaner und machten auf ihre Weise die staatlichen Versuche, den Postier zu retten, zu Nichte: Man brauchte Pferde. Möglichst schwer, möglichst groß, möglichst kräftig und bitteschön in pflegeleichtem Schwarz. Sie zahlten (damals wie heute...) ohne zu fragen jeden noch so unverschämten Preis für gute Tiere aus der neuen Zuchtrichtung, der man mit Hilfe von noch dunkel gebliebenen Percheron-Verwandten, wie den Nivernais, geschickt ein schwarze Fell verpasst hatte.

1839 kamen die ersten Pferde nach New Jersey, 1851 eroberte der Hengst Louis Napoleon in Ohio die Herzen der Züchter im Sturm und sorgte dafür, dass die Importzahlen rasant nach oben schnellten. Die Neue Welt wurde neben Südamerika, Russland, Australien und Südafrika zum stärksten Absatzmarkt der Rasse. Innerhalb von zehn Jahren importierte man alleine 5000 Hengste und 2500 Stuten!. 1867 veröffentlichte die Chicagoer „Breeders Association“ das erste „Percheron Stud Book of America“. Bis 1910 waren knapp 32000 Pferde ins Land gebracht worden, heute registriert man jährlich rund 2500 neue Percherons! Die „Kolosse“ begeistern, behängt mit überreich dekorierten, hochglanzpolierten Geschirren als vielbejubelte Stars im Showring oder bei Zugleistungen und Geschicklichkeitsfahrten. Ebenfalls sehr beliebt in den USA ist ein leichter, an den Postier angelehnter Percheron Typ. Man sieht ihn sogar regelmäßig in regulären Dressur- und Springprüfungen.

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Percheronhengst Sultan - ein temperamentvoller Kaltblüter

Der Stolz Frankreichs

Wie erklärt sich dieser Erfolg des Percherons, des „L´orgueil de la France“ (der Stolz Frankreichs), der zwischen 1880 und 1920 weltweit die führende Kaltblutrasse war? Die Pferde konnten sich sogar im überaus traditionsbewusst und national denkenden England etablieren, wo sie bald neben den einheimischen Rassen Clydesdale, Shire und Suffolk-Punch eine regulär anerkannte, vierte Kaltblutrasse bildeten!

Percherons haben gegenüber anderen, überwiegend in bäuerlicher Hand verbliebenen Kaltblutrassen, einen ganz entscheidenden Vorteil: Dank ihrer vielfältigen historischen Verwendungen auch unter dem Sattel und der dazugehörigen, von oberster Stelle mit Veredlern geförderter Zuchtgeschichte, können sie sich sehr gut an unterschiedliche Klimaverhältnisse anpassen. Dementsprechend leicht, lassen sich Percherons auch in alle Himmelsrichtungen „verpflanzen“. Ihre vielfältige Blutführung macht sie selber zu ausgezeichneten Veredlern lokaler Rassen oder man nutzt sie als Basis für neue Kreuzungen. So existieren zum Beispiel in Argentinien und auf den rauen Falkland-Inseln Zuchtversuche mit Criollos, um widerstandsfähige Saumpferde zu erhalten.

Selbst die Japaner haben den Percheron für sich entdeckt und zahlen inzwischen noch exotischere Preise, als seinerzeit die Amerikaner. Hunderte von Pferden gingen seit der Erdölkrise 1973 ins Land der aufgehenden Sonne. Das rohstoffarme Land sah sie wohl als „Reserve“ für schlechtere Zeiten an. Inzwischen sind die kreativen Asiaten regelrecht verrückt nach Percheron-Rennen. Ja, sie haben richtig gelesen: Die Riesen werden dort bei Rennen eingesetzt. Während am Totalisator unbeschreibliche Summen die Besitzer wechseln, treten bis zu zehn Kaltblüter mit 200 Kilo Zuggewicht auf einer Strecke von 200 Metern, gespickt mit über 1½ Meter hohen Hügeln, gegeneinander an.

Exterieur und Charakter

Von einem Experten wurden Percherons einmal als „Araber“ bezeichnet „die durch Klima und die Arbeit, die sie seit Jahrhunderten verrichten, dick geworden sind“. Na ja, etwas gröber als „dick“ sind sie vielleicht doch noch, aber insgesamt unterscheiden sich die harmonischen Franzosen tatsächlich in einigen Punkten von ihren kaltblütigen Kollegen. So fallen auf den ersten Blick die -für Kaltblüter- ungewöhnlich langen, relativ schrägen (Traber-) Schultern sowie der zwar unter Muskeln versteckte, aber doch recht ausgeprägte Wiederrist auf. Hier und an dem ausdrucksvollen, edlen Kopf mit breiter Stirn, lebhaften Augen und kräftigen Ganaschen zeigen sich die Einflüsse orientalischen und iberischen Blutes am besten. Die spezielle Schulterlage ermöglicht natürlich ganz andere Gänge, als die übliche steile Kaltblutkonstruktion des Skelettes. Der energische, flach ausgreifende Schritt und Trab wirkt trotz der Masse des Pferdes geschmeidig und leichtfüßig.

Der Kalkboden der Perche sorgt für überragende Knochenstärke mit bisweilen über 1,80 Meter Stockmaß und je nach Typ 500 bis 1200 Kilogramm Statur. Ein tiefer, geschlossener Rumpf mit ausladender Brust und guter Rippenwölbung, kurzer, muskulöser Rücken sowie lange, breite und natürlich gespaltene Kruppe vermitteln einen kraftvollen und doch eleganten Eindruck. Die trockenen Beine mit klar definierten, vorzüglichen Sehnen und Gelenken enden in großen, harten Hufen, die zu den besten gehören, was im schweren Kaltblutbereich zu finden ist. Der Röhrbeinumfang kann im Extremfall über 30 Zentimeter erreichen (Hengst Balou, ehemals im Besitz von Baptist Falter: 1,75 Meter Stockmaß, 34 Zentimeter Röhrbein). Fesselbehang ist kaum vorhanden. Die pflegeleichten Percherons sind nur wenig anfällig für Mauke. Das Langhaar ist von überraschend feiner Konsistenz. Schimmel und Rappen überwiegen deutlich, ganz selten kommen Füchse, Stichelhaarige oder Braune vor.

Angepasst an die hügelige Landschaft der Normandie, musste das Pferd der Perche lebhafter und beweglicher sein, als Kollegen in flacheren Landschaften mit ebenso schwerem, fruchtbaren Boden. Dennoch hat der sehr zugfeste Percheron einen lernwilligen, gutmütigen Charakter mit bisweilen übereifrigem Temperament und einer ausdauernden Trableistung. Nachdem sich die Rasse durch ihre Frühreife gut für die staatlich subventionierte Schlachtfohlenproduktion eignet, tauchen inzwischen leider immer mehr mastige, grobe Pferde auf. Hoffentlich verdrängen sie in Zukunft nicht den Originären, Adel und Kraft ausströmenden Percheron. Auch die Geburt dieser Fleischriesen bereitet den Stuten zunehmend Probleme. Auf den vielseitigen, drahtigen Postier, aus dessen Genetik sich die Rasse früher immer wieder aus sich selbst heraus regenerieren konnte, kann man aber leider nicht mehr zurückgreifen. Selbst wenn der französische Verband immer noch zwischen einem schweren Trait (= Zug) Percheron und einem leichten Typ, dem Diligencier (= Postkutschen) Percheron unterscheidet: Der Original Postier ist nach dem 2. Weltkrieg für immer ausgestorben. Stattdessen importierte man kürzlich einen elegan eleganten, schwarzen Hengst aus den USA und hofft, dass das frische Blut die Percherons wieder flott machen wird.

Christina Slawik