Getreidestroh ist wert es zu ernten
Vor hundert Jahren war Getreidestroh ein wertvoller Rohstoff. Stroh wurde nicht nur für Tiere genutzt, sondern diente auch dem Menschen in vielen Lebensbereichen. Während Pferde im Stall mit Laub eingestreut wurden, diente Stroh dem Menschen als wärmende Matratzenfüllung. Seit Pferde vornehmlich mit Getreidestroh eingestreut werden, dient Stroh sowohl als Liegeuntergrund, als auch als zusätzlich willkommene Raufutterquelle.
Fakt ist: zu jeder Zeit war Stroh Futtermittel für alle Nutztiere vom Schwein bis zum Pferd. Da Pferde in der Natur selten länger als vier Stunden mit dem Fressen pausieren, können sie sich bei Stroheinstreu auch unter nicht naturkonformen Bedingungen artgemäß aus sauberer Einstreu bedienen. Dadurch wird ihr immenses Kaubedürfnis befriedigt, die Stalleinrichtung wird weniger angeknabbert und Verhaltensstörungen treten seltener auf.
Abfallprodukt der Agrarindustrie
Die industriell praktizierte Landwirtschaft hat aus Stroh ein Abfallprodukt der Getreideproduktion gemacht. Die Intensivlandwirtschaft heutiger Ausprägung führt zur Auslaugung und Verdichtung der Böden. Herbizide und Halmverkürzer sollen das schnell wachsende ertragreiche Getreide schützen. Dabei bleibt Stroh auf der Strecke. Das Einbringen von Stroh erfolgt ohne die entsprechende Wertschätzung. Zu niedrig eingestellte Pick-Up-Technik oder zu starkes Pressen verursachen schädliche „Dreckbeimischung“, wie es heutzutage oft zu beklagen ist. Das war nicht immer so.
Stroh muss geerntet werden
Bis vor 40 Jahren noch war Stroh als Futtermittel in der gesamten Landwirtschaft nicht wegzudenken. Gehäckselte Rohfaserprodukte wie Heu und Stroh, auch im Gemisch mit Rüben oder Hafer waren Beiträge zu einer gesunden und schmackhaften Pferdeernährung. Diese Fütterung kam den spezifischen Anforderungen des Pferdes in Bezug auf die Mikroorganismentätigkeit im Dickdarm entgegen. Übersäuerungen wurde dadurch vorgebeugt.
Mit Kalk und Strohmist gedüngt, wuchsen Getreidepflanzen langsamer, hatten jedoch mehr Zeit, sich auszuwachsen und mit Nähr-, Wirk- und Vitalstoffen aus einem gesunden humusreichen Boden anzureichern. Viel Handarbeit oder schonende Maschinenarbeit beim Wenden des Strohs ergab sehr hochwertige Strohqualitäten. Insbesondere Haferstroh war ein wichtiges und interessantes Grundfutter.

Haferstroh als Grundfutter
Zu jener Zeit brachten Mähwiesen und Weiden aufgrund geringerer Düngung nicht ausreichende Erträge. Das für Pferde ernährungsphysiologisch wertvollste Stroh, das Haferstroh, wurde ergänzend eingesetzt und machte sogar einen Großteil des Grundfutters aus. Roggenstroh hingegen wurde als Einstreu eingesetzt und ebenfalls gerne gefressen. Heute wird Stroh leider nur noch als Einstreu betrachtet.
Ein weiches Bett
An sich ist Stroh nach wie vor die ideale Pferdeeinstreu, weshalb sauberem Getreidestroh grundsätzlich immer der Vorzug zu geben ist. Das früher der langen Grannen wegen verpönte Gerstenstroh kann heute bedenkenlos eingesetzt werden, da durch moderne Erntetechnik die langen Grannen stärker abbröckeln als früher.
Probleme bei Stroheinstreu
Probleme mit der Einstreu von Stroh kann es allerdings auch geben. Dies trifft auf Pferde zu, die in Staubsaugermanier – aufgrund eines Rohfasermangels oder Mineralstoffdefiziten – bis zum Platzen ihre Stroheinstreu fressen. Beschäftigungs- und Bewegungsdefizite tun ihr übriges. Zu viel Stroh (über 0,8 kg Stroh je 100 kg Körpergewicht) kann dann zu Kolik, meist Verstopfungskolik führen.
Ebenso steigt der Anteil an Allergikern, die auf Stroh reagieren und daher auf andere Einstreu wie zum Beispiel Weichholzspäne ausweichen müssen.
Auf Stroh sollte sowohl als Einstreu als auch als Futter verzichtet werden, wenn dieses nur unterdurchschnittlichen Qualitätsanforderungen genügt. Minderwertiges Stroh mag zwar aus Sicht mancher Landwirte für Rinder noch ohne erkennbare Gesundheitsfolgen ausreichen, bringt aber Pferden schnell krank machende Effekte, vor allem Atemwegs- und Darmerkrankungen.
Hohe Qualitätsanforderungen
Getreidestroh muss in der Farbe gold-gelb, nicht fahl-grau, im Geruch frisch-strohig, nicht muffig-staubig und im Griff trocken-sperrig und nicht klamm-weich sein. Beimischungen wie Ratten- oder Mäusekot, Hühnerfedern und sonstige Fremdpartikel wie Dreckklumpen, Hunde- oder Katzenkot, Kadaver, dubiose WC-Papierreste usw. disqualifizieren jedes Stroh für den Einsatz im Pferdestall.
Minderwertiges, kontaminiertes Stroh kann Salmonellen, aber auch Botulismus-Toxine und andere gefährliche Keime und Parasiten enthalten, die ernste Erkrankungen bei Pferden verursachen können. Achtsamkeit lohnt sich deshalb immer vor dem Kauf und beim obligatorischen Aufschütteln vor jeder Verwendung bzw. Zuteilung.
Strohernte

Getreidestroh muss goldgelb aussehen,
strohig und nicht muffig riechen, sich
sperrig und nicht klamm anfühlen
Die Qualitätsprobleme zeigen leider, dass Getreidestroh heute in manchen Ackerbaugegenden aufgrund unsauberer Ernte- und Lagermethoden nicht mehr für Pferde geeignet ist, obwohl es im Grundsatz immer vorzuziehen wäre. Eine gute Strohernte würde viele Pferde vor Schaden bewahren.
Im besten Falle sollte Futterstroh zuerst ausreichend auf dem Acker getrocknet werden. Ein einmaliges sorgsames Wenden und das sogenannte Schwaden-Ziehen sind Vorbereitung für die Pressung. Dabei ist die Pressung kleiner, lockerer 15-Kilo-Ballen sinnvoll. Die beste Lagerung erfolgt unter Dach in trockenen, aber luftigen Scheunen.
Ballen aus Freilandlagerung
Die Lagerung von Rundballen-Getreidestroh unter Planen im Freiland ist nicht ungefährlich. Nur selten sind alle typisch negativen Witterungseinflüsse tatsächlich ohne qualitätsmindernde Auswirkungen. Zudem siedelt sich dort viel kleines und großes Ungeziefer an (von Asseln bis Ratten), wobei deren Exkremente das Stroh kontaminieren. Dadurch wird – in Verbindung mit Kriechfeuchte – letztlich auch die Schimmelpilz- und damit die Aflatoxinbelastung im Stroh enorm forciert. Atemwegserkrankungen der Pferde werden bei Verwendung solchen Strohs geradezu provoziert.
Biostroh
Dem Zeittrend entsprechend und im Hinblick auf Schadstofffreiheit sind Bio-Erzeugnisse ohne Halmverkürzungsmittel und Herbizide im Pferdebereich sicher eine gute Wahl. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Biostroh aufgrund fehlenden Herbizideinsatzes viel mehr Gräseranteil enthält als konventionelles Stroh. Diese Gräser benötigen aber wegen ihres höheren Wassergehaltes längere Trocknungszeiten als die Getreidehalme. Wird Bio-Stroh nicht wenigstens einen Tag lang bei 30°C Außentemperatur nachgetrocknet und mindestens einmal schwadengewendet, so gelingt keine vollständige Konservierung. Die grünen Halme beginnen nach dem Pressen zu schimmeln.
Wird allerdings sorgsam getrocknet, geerntet und luftig gelagert, dann ist Bio-Stroh als erste Wahl anzusehen, zumal, wenn man gute Einstreu und hochwertiges Futter möchte.
Strohhäcksel
Strohprodukte, die mechanisch verkürzt wurden und im Handel als „Strohhäcksel“ oder „Strohmehl“ angeboten werden verfügen über eine gute Saugkraft und werden gerne als Einstreu eingesetzt.
Häcksel mit mindestens drei bis etwa fünf Zentimeter Länge eignen sich zum Untermischen unter das Krippenfutter. Kürzere Häcksel können zu Schlundverstopfungen führen. Eine entstaubte Qualität ist selbstverständlich Pflicht.
Stroh in der Fütterung
Natürlich sollte man in der Pferdefütterung die Erkenntnisse der neuesten Forschungen berücksichtigen, im Interesse des Pferdes aber sollten auch traditionelle Fütterungs- und Erntetechniken nicht vergessen und übernommen werden, soweit sie pferdegerecht und akzeptabel übertragbar sind. Die hohen, sich über Stunden hinziehenden Tagesleistungen der ehemaligen Wirtschaftspferde gibt es heute in der Sport- und Freizeitpferdenutzung nicht mehr. Deshalb sollte man sich wieder stärker an gesunder, vitalstoffreicher und kauintensiver Rohfaser orientieren. Nur diese bringt statt Langeweile und „Ernährungsfrust“ mangels ausreichend Bewegungsarbeit die nötige Beschäftigung für Kaumuskulatur und Magen-Darm-Trakt. Hohe pferdegerechte Qualität und Schadstofffreiheit des Grundfutters sind hierbei unerlässlich.

Stroh – das Ur-Mineralfutter
Die Fütterung von Strohhäcksel aus Haferstroh stellte für die bäuerlichen Pferde mehr als nur eine Rohfaserversorgung dar. Immerhin haben zwei Kilogramm Stroh den Energiegehalt von fast einem Kilogramm Hafer und das bei geringster Eiweißbelastung. Der hohe Zinkgehalt im Haferstroh liegt bei 70 Milligramm je Kilo und war, auch wenn der schwierige Aufschluss im Darm nicht alles verfügbar macht, eine gewisse Zinksubstitution für das Arbeitspferd.
Christina Slawik










