Rund gefüttert – krank gefüttert?

Inhalt-TitelDas Metabolische Syndrom der Pferde (EMS) und was wir dagegen tun können.

Mancher Pferdebesitzer betrachtet es als freudebringende Pflicht, seine Pferde schön rund zu füttern. Ein jeder kann erkennen: Hier herrscht keine Not, der gönnt seinen Pferden etwas. Missgünstige Zeitgenossen sehen dagegen in solchen Pferden Hufrehekandidaten. Führende Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang vom „Equinen Metabolischen Syndrom“ (EMS). Wie groß ist die Gefährdung durch das EMS wirklich und wie kann man das Risiko für die Pferde gering halten?

Die praktische Bedeutung des EMS

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Übertriebene Fettablagerungen im
Mähnenkamm sind mehr als nur ein
Schönheitsfehler

Gute Futterverwerter waren in früheren Zeiten beliebt, da sie auch bei karger Kost gesund und leistungsfähig blieben. Die meisten unserer heutigen Sport- und Freizeitpferde kennen dagegen keinen Hunger mehr und werden täglich nur für kurze Zeit gearbeitet. Man sieht deshalb immer mehr Pferde mit deutlichem Fettansatz, der optisch sogar gefällig wirken kann.

Die Wissenschaft hat nun entdeckt, dass bei vielen übergewichtigen Pferden der Zuckerstoffwechsel – genauer gesagt, die Insulinfunktiongestört ist. Solche Pferde haben nach der aus den USA übernommenen Definition ein Equines Metabolisches Syndrom (EMS).

Pferdeforscher schreiben dem EMS folgende Hauptrisiken zu:

  • Ein gehäuftes Auftreten der Hufrehe.
  • Fruchtbarkeitsstörungen bei Zuchtstuten.
  • Gelenkchips und andere Gliedmaßenanomalien
  • bei üppigen Fohlen mit gestörter Insulinfunktion.

Immer mehr Pferdebesitzer möchten sich deshalb Klarheit verschaffen, ob auch ihr eigenes Pferd vom Metabolisches Syndrom betroffen ist.

Wie man das EMS erkennt

Das einfachste Merkmal ist der deutliche Fettansatz. Er kann rundum verteilt oder auf wenige Stellen am Körper beschränkt sein: etwa auf den Mähnenkamm, den Schulterbereich, die Penisscheide bei Wallachen, die Oberseite der Kruppe oder auf einen kleinen Hügel oberhalb des Schweifansatzes.

Zusätzliche Gewissheit gibt ein erhöhter Nüchterninsulinspiegel im Blutplasma, der beim EMS über 300 picomol pro Deziliter liegt (vor der Blutentnahme: fünf Stunden Futterentzug!). Beim fortgeschrittenen Metabolischen Syndrom kann zusätzlich noch der Nüchternblutzucker erhöht sein.

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Manche ältere Pferde leiden am „Equinen Cushing – Syndrom“ (ECS), das dem EMS recht ähnlich ist und auf eine Funktionsstörung der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zurückgeht. Das ECS wird durch spezifische Hormonbestimmungen nachgewiesen und kann im Gegensatz zum EMS auch medikamentös behandelt werden.

Wie entsteht EMS?

Die Hauptursachen für das EMS sind wahrscheinlich erblich bedingte Leichtfuttrigkeit und Bewegungsmangel. Bei solchen Pferden bilden sich leicht Fettdepots, die es in sich haben! Ein Teil der fettspeichernden Zellen sendet nämlich an das umgebende Milieu aktive Hormone, die sogenannten „Adipokine“ aus. Dazu gehört das Stresshormon Cortisol und eine Reihe von entzündungsfördernden Botenstoffen. Die Adipokine können unter anderem eine „Insulinresistenz“ bewirken (siehe Kasten). Die dadurch herbeigeführte Behinderung der Blutzuckerspeicherung führt zur Blutüberzuckerung und gilt als ein zentrales Problem des EMS.

Eine Insulinresistenz wird bei entsprechend veranlagten Pferden auch dann begünstigt, wenn der individuelle Energiebedarf durch die Fütterung zwar nicht überschritten, aber in hohem Maß über Getreiderationen gedeckt wird. Auch häufiger Stress fördert über erhöhte Cortisol-Blutspiegel eine Abnahme der Insulinwirkung auf den Blutzucker. Beides kommt vor allem bei Sportpferden vor.

Auf lange Sicht kann die Abnahme der zellulären Blutzuckerspeicherung auch durch die Überproduktion von Insulin nicht mehr in jedem Fall ausgeglichen werden. Dann bleibt auch die Blutglucose dauerhaft erhöht. Die Blutüberzuckerung erreicht beim Pferd allerdings nur selten das Ausmaß eines Diabetes mellitus.

Kann das EMS eigenständig eine Hufrehe auslösen?

In dieser Frage ist die Wissenschaft noch unsicher. Die „klassische“ fütterungsbedingte Hufrehe wird bekanntlich nicht durch das EMS sondern durch eine bakterielle Giftüberflutung aus dem Darm ausgelöst. Die Ursache dafür ist zumeist eine Fehlgärung, ausgelöst durch Überfrachtung des Dickdarms mit zu viel Stärke, Fructan oder Zucker. Diese Art der Hufrehe, die mit heftigen Schmerzen, Lahmheit oder gar Ausschuhen einhergeht, tritt in vielen Fällen schon ein bis zwei Tage nach Getreideüberfütterung oder nach zu ausgiebigem Weidegang ein.

Bei etlichen EMS-Pferden da-gegen werden fortgeschrittene rehetypische Hufveränderungen entdeckt, ohne dass eine klare Schmerzsymptomatik erkennbar ist. Dies kann als Hinweis auf einen eigenständigen „schleichenden“ Weg zur Hufrehe gesehen werden, der für das EMS charakteristisch ist. Natürlich ist bei vielen Rehefällen auch ein Zusammentreffen unterschiedlicher Ursachen denkbar.

Auf welche Weise begünstigt das EMS die Hufrehe?

In der wissenschaftlichen Diskussion werden dafür vor allem drei Ursachen genannt : Insulinresistenz, Blutüberzuckerung und Einflüsse des Fettgewebes.

Diese drei Hauptfaktoren begünstigen auf unterschiedliche Weise

  • eine Verengung der Blutgefäße im Hufbereich
  • die Verdickung des Blutes, das die Huflederhaut durchströmt
  • die Produktion von Sauerstoffradikalen und entzündungsfördernden
    Botenstoffen
  • die Gewebeauflösung durch Cortisol und Abbauenzyme.

Die Reheentwicklung wird demnach durch eine Behinderung der Blutzirkulation in der Huflederhaut vorangetrieben, ferner durch eine Begünstigung von entzündlichen und Zersetzungsprozessen im Bereich der Verbindungsstrukturen zwischen Hufbein und Hufhornkapsel.

EMS als Ursache weiterer Probleme

Hormonelle Fehlsteuerungen durch das EMS werden nach US-Studien für eine Veränderung des Östrogenzyklus verantwortlich gemacht. Dies kann bei übergewichtigen Stuten zu Fruchtbarkeitsstörungen führen. Hormonelle Ungleichgewichte aufgrund einer Insulinresistenz beeinträchtigen offenbar auch die Gelenk- und Sehnenentwicklung bei bestimmten Jungpferden im Sinn einer „Orthopädischen Entwicklungsstörung“.

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Dieses Pferd ist defintiv zu üppig gefüttert. Es erkrankte 14 Tage nachdem dieses Foto gemacht wu,rde an Hufrehe.

Obwohl die einschlägige Forschung bei Pferden noch ziemlich am Anfang steht, erscheint das bisher bekannte Gefährdungspotential bereits als schwerwiegend genug um nach Möglichkeiten zur Vermeidung und Eindämmung des EMS zu suchen.

Wege zur Beherrschung des EMS

Eine Reihe von Interventionsstudien lässt die Vermutung zu, dass man ein vorhandenes Metabolisches Syndrom zumindest weitgehend zurückdrängen kann. Die Hauptziele Verbesserung der Insulinwirksamkeit, Abbau der Fettdepots, Vermeidung der Hufrehe und anderer Folgeprobleme sind wahrscheinlich erreichbar.

Dafür bietet sich sowohl ein Fütterungs- als auch ein Bewegungsprogramm an. Jedes dieser Programme kann schon nach wenigen Wochen zu einem spürbaren Abbau der Insulinresistenz führen. Am effektivsten ist die Kombination der beiden Maßnahmen.

Wie soll gefüttert werden?

Der Abbau von Fettdepots wird am sichersten durch eine knappe Deckung des individuellen Energiebedarfs erreicht.

Da Heu bzw. Weidegang zumeist die Basis der Energieversorgung sind, sollte während der Phase des Abnehmens täglich nicht viel mehr als ca. 1% des Körpergewichts an Heu gegeben werden. Auch das Ergänzungsfutter sollte für leichtfuttrige Pferde eher kalorienarm sein. Die gesamte Energie- und Nährstoffzufuhr kann zunächst grob berechnet und gemäß der tatsächlich erzielten Fettgewebereduktion angepasst werden.

Ebenso wichtig wie das Gewichtsmanagement ist die Verringerung des Anteils von Stärke plus Zucker in der Gesamtration auf Werte unter ca. 10%. Damit kann die Insulinwirksamkeit nachweislich verbessert werden.

Beim Heu sollten deshalb Ernten vor der Blüte sowie Klee und Luzerne gemieden werden. Silage und Weidegang sind hinsichtlich der Energie- und Kohlenhydratlieferung schwer kalkulierbar und deshalb weitestgehend zu vermeiden.

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Zu rund gefüttert birgt viele Gefahren in sich.

Die Beschränkung von Stärke und Zucker ist auch für Pferde mit Cushing-Syndrom, Tying up, Polysaccharidspeichermyopathie, Magengeschwüren und bereits bestehender Hufrehe von großer Bedeutung.

Auch beim Ergänzungsfutter ist ein Anteil von Stärke plus Zucker unter 10% anzustreben. Hafer, Gerste, Mais und Dinkel sind deshalb tabu, ebenso Müslis mit Getreideanteilen im zweistelligen Prozentbereich. Die notwendige Zusatzenergie für Pferde im Training kann problemlos durch angemessene Mengen an Ölsaaten, Pflanzenöl und hochverdaulichen Faserstoffen wie Rübenschnitzel, Obsttrester oder Reiskleie geliefert werden.

Auch eine vielfältige und gut ausgewogene Versorgung mit Mineral- und Vitalstoffen ist unabdingbar zur Optimierung des Fett- und Zuckerstoffwechsels. Da die Gehalte im Heu schwer abzuschätzen sind, müssen diese physiologischen Funktionsstoffe zu einem großen Teil über hochwertige Ergänzungsfuttermittel zugeführt werden.

Mineral- und Spurenstoffe, die zur Verbesserung der Zucker- und Insulinproblematik eine herausragende Rolle spielen, sind Magnesium (oft im Mangel!), Kalium, Zink, Mangan, dreiwertiges Chrom und Vanadium.

Eine wichtige Funktion bei der Regulierung des Zuckerhaushalts erfüllen außerdem die Vitamine B2, B6, Niacin, Pantothensäure und Biotin. Auch Bierhefe, die den natürlichen Glucosetoleranzfaktor und Chrom enthält, gehört zu einer EMS–Diät.

Bei der Vorbeugung gegen rehefördernde Entzündungen und Gewebeschäden kommt unter anderem Zink, Mangan, Kupfer, Selen, Vitamin E, Vitamin C, ß-Carotin, pflanzlichen Phenolen und Omega-3-Fettsäuren eine besondere Bedeutung zu.

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Mineralstoffdefizite unterstützen die Entstehung von Stoffwechselkrankheiten

Wie viel Bewegung ist notwendig?

Ein täglich strikt durchgeführtes Training kann die Insulinwirksamkeit signifikant verbessern. Nach Studienergebnissen genügen dafür zum Beispiel täglich 30 Minuten lockerer Trab an der Longe. Die Bewegung stimuliert offenbar die Glucoseaufnahme in die Muskulatur. Negativer Stress und gespannte, forcierte Bewegungen sind dagegen kontraproduktiv. Die spontane Bewegung des Pferdes auf Auslauf und Koppel ist zumeist nicht ausreichend für einen deutlichen Effekt auf den Blutzucker.

Kann der Erfolg garantiert werden?

Inwieweit durch das empfohlene Fütterungs- und Bewegungsprogramm tatsächlich eine Hufrehe, die Unfruchtbarkeit von Stuten oder Gelenkchips bei Fohlen verhindert werden können, ist wissenschaftlich noch nicht bewiesen.

Eine Reihe von Forschungsbefunden belegen aber, dass sich damit die Insulinfunktion, die Blutüberzuckerung und der Fettabbau günstig beeinflussen lassen. Deshalb erscheint es folgerichtig, dass auf diese Weise der Entstehung des Metabolischen Syndroms schon im Vorfeld vorgebeugt werden kann.

Strikte Kontrolle der Zufuhr von Energie, Stärke und Zucker bei gut bemessener Versorgung mit Mineral- und Vitalstoffen sowie konsequente tägliche Bewegung sind auch bei bereits bestehendem EMS sinnvolle Maßnahmen, um die Folgerisiken möglichst gering zu halten.

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Was ist eine Insulinresistenz?

Gibt man einem Pferd stärkereiches Futter, also etwa eine Ration Hafer oder ein getreidereiches Müsli, so steigt nach kurzer Zeit der Blutzuckerspiegel deutlich an. Praktisch gleichzeitig nimmt auch die Konzentration des „Blutzuckerhormons“ Insulin erheblich zu. Das Insulin veranlasst bestimmte „Zielgewebe“, vor allem die Muskulatur, das Fettgewebe und die Leber, vermehrt Blutzucker (=Glucose) in die Zellen aufzunehmen. Dort wird er zu Energiespeicherstoffen wie Glycogen und Fett umgewandelt. Der Blutzucker sinkt deshalb etwa eineinhalb Stunden nach der Futteraufnahme allmählich wieder auf Normalwerte, ebenso das Insulin, das seine Arbeit getan hat.

EMS-Pferde brauchen aber für eine bestimmte Menge an aufgenommener Stärke überdurchschnittlich viel Insulin um den entstehenden Blutzucker in die Gewebe zu schaffen. Dies wird auf eine „Insulinresistenz der Zielgewebe“ zurückgeführt. Damit ist eine gewisse Abstumpfung der glucoseaufnehmenden Gewebe gegenüber der Insulinwirkung gemeint.

Bei Pferden mit EMS sinkt das Blutinsulin auch im nüchternen Zustand nicht mehr ganz auf den Normalwert ab. Daher eignet sich der erhöhte Nüchterninsulinspiegel im Plasma auch als diagnostischer Hinweis auf das EMS.

Dr. Eberhard Moll