Ein Tag auf dem Zuchthof Klatte
Eine Reise in die Zuchtregion Oldenburg ist für jeden Pferdeliebhaber ein Ereignis. Dort findet man Tür an Tür die Namen Schockemöhle, Böckmann, Sprehe, Ramsbrock oder Klatte, die Pferdehaltung im großen Stil betreiben. Als Besucher fühlt man sich sofort am Nabel der Pferdewelt.
Wir übernachten in einem Landhotel in Damme, in der Nähe von Vechta. Kein Mensch würde hier auf dem flachen Land ein avantgardistisches Designerhotel vermuten, das mit familiärem Flair und fairen Preisen überrascht. Auf dem Weg nach Lastrup am nächsten Morgen erinnert uns der Geruch nach Schweinen an den jüngsten Gammelfleischskandal und die Tatsache, dass die landwirtschaftlich geprägte Gegend stark mit der Tierzucht verbunden ist.
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Inbegriff der Pferdezucht
Für Reiter ist Lastrup Inbegriff für gute Pferdezucht und damit eng verbunden der Name des Hauses Klatte. Die Jahrhunderthengste Grannus und Argentinus haben die moderne Pferdezucht geprägt und das Gestüt bekannt gemacht. Als wir ankommen, findet gerade das alle zwei Jahre organisierte Reitturnier auf dem Zuchthof statt. Im VIP-Zelt treffen wir Heinrich Klatte. Der sympathische Oldenburger ist gerne bereit, Rede und Antwort zu stehen und lädt uns zum Kohlrouladenessen ein. Mich bewegt vor allem die Frage, warum ein Hengst wie Argentinus mit über 26 Jahren eine so gewaltige Nachfrage bei einer durchaus hohen Decktaxe von über zweieinhalbtausend Euro haben kann.

Heinrich Klatte gehört zu den bekanntesten Pferdezüchtern Oldenburgs
Leistungsbetont
Klatte meint, dass man relativ spät erkannte, wie leistungsbetont die Nachfahren des Argentinus waren. Erst mit einer größeren Nachfahrenpopulation und höherem Alter der Kinder wurde erkennbar, um was für einen Stempelhengst es sich hier handelt.
Die Kohlrouladen schmecken fantastisch und ich muss erkennen, dass ich seit ewiger Zeit keine mehr gegessen habe, als unser Tischnachbar, der Hausveterinär Dr. Lemmermöhle, erklärt, dass die Stutenbasis vor 20 Jahren eine andere war als heute. Harry Klugmann, 1978 Vizeweltmeister in der Vielseitigkeit und selbst aktiver Züchter bestätigt das. Argentinus fand aufgrund seines kräftigen Fundaments anfänglich bei den damals noch schwereren Stuten nicht den gewünschten Anklang. Dr. Lemmermöhle kommt dabei ins Schwärmen: seine Argentinusnachfahren seiner Trakehnerstute Fabiola von Fahnenträger hätten sich als besonderes brauchbare Pferde in allen Disziplinen gezeigt. Übereinstimmend stellen er und Klatte fest, dass Argentinus Kinder leistungsstark, mit gutem Gebäude ausgestattet und von besonderer Charakterstärke sind.
Als ich die Kohlrouladen in der hervorragenden Soße wende, muss ich dann doch noch mal nachbohren. Charakterstark. Was heißt das bei einem Pferd? Nachdem ich selbst einen Sohn des Argentan besitze, der mir mit seiner Eigenwilligkeit den Nerv raubt, frage ich doch noch mal nach. Klatte druckst ein wenig herum, letztendlich seien charakterstarke Pferde leistungsbereit, aber nicht um jeden Preis. Sie sind keine Ja-Sager, sondern wollen überzeugt werden. Ein fairer und korrekter Umgang mit diesen Leistungspferden ist nötig, um sie zur Kooperation zu überzeugen.
Charakterstärke
Spätestens ein Blick auf die Website „Horse Gate“ gibt Antworten auf die Frage der Charakterstärke. Dort schreibt Julia Wentscher über Argentinus: Mit stolz gewölbtem Kragen tänzelt er an der Hand seines langjährigen Betreuers und Besamungswarts Werner Venekamp zur Deckstation. Ein herrisches Wiehern, ein aufgeregtes Schweifschlagen, Adern, die sich plastisch unter der Haut abzeichnen. Nur manchmal zaubert Argentinus seinem Vorführer kleine Schweißperlen auf die Stirn. Dann nämlich, wenn der Showman Publikum spürt. Venekamp: „Kein Trabtritt ist dann mehr möglich, auf der Stelle galoppierend, tänzelnd, piaffierend, wiehernd, schnaubend - so kennt man Argentinus auf unseren Hengstvorführungen und der Oldenburger Althengstparade. Dann macht er einfach was er will, verhält sich wie ein Dreijähriger, der das ganze Jahr nicht draußen war und dreht enorm auf“. Im Stall sei der Hengst ein Lamm. Bei Temperaturen über 15 Grad ziehe er sich die Decke selbst aus.
Härte
Argentinus ist der wohl bekannteste Sohn des Argentan, der über Absatz und Lateran ostpreussisches Blut in sich trägt. Auch hier sind sich Klatte und Lemmermöhle einig. Die Nachkommen des Argentinus sind hart und keinesfalls wehleidig. Wenn sie Schmerzen zeigen, dann sollte man es ernst nehmen. Sie sind von besonderer Schönheit, die mit hoher Garantie vererbt wird. Als Frau Klatte senior an unseren Tisch kommt, frage ich sie, ob Sie den stolzen Argentinus gerne hat. Ihre Augen leuchten und sie bestätigt, dass er ihr von der ersten Stunde an gefallen hat. Sie hat ihrem Mann zum Kauf des Hengstes zugeraten. Der junge Argentan-Sohn sei aus dem Stall herausgekommen, sie hätte sein Gesicht und die großen Augen gesehen und es wäre für sie Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Besuch bei seiner Majestät
Nun gehen wir in den Stall und statten seiner Hoheit einen Besuch ab. Argentinus riecht an mir, schnappt leicht nach meiner Hand und wendet dann - nicht ohne Arroganz - seinen Kopf zur Seite, so dass ich sein Profil betrachten darf. Mehr Ehre wird mit nicht zuteil. So stehen wir voreinander. Er zieht sich weder in den Stall zurück, noch sucht er Kontakt zu mir. Er hat es ja nicht nötig. Sein Fell glänzt, schimmert in leichtem Kupferton. Er sieht gut aus. Für ein Pferd in diesem Alter sieht er hinreißend aus.
Juniorchef Hendrik Klatte stellt uns noch weitere Hengste und Verkaufspferde vor, bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Wir fahren durch das kleine Wäldchen in Lastrup in Richtung Bremer Autobahn und stellen zufrieden fest: der Zuchthof Klatte ist allemal einen Besuch wert.
Unsere Reise setzen wir nach Lüneburg fort. Lüneburg ist schön. In der Ritterstraße kann man das Ostpreußische Landesmuseum besuchen. Das und Lüneburg selbst Stoff für eine neue Geschichte. Dazu aber ein anderes Mal.

Dr. Susanne Weyrauch










