Pura Raza Espanola
Spanische Pferde sind anders. Selbst mittelmäßige Exemplare kommen immer noch als echte „Hingucker“ daher, sind menschenbezogen und charmant, verzeihen auch als Hengst recht lange so manchen Fehler im Sattel und Umgang. Natürlich wollen und müssen auch diese Pferde geritten werden, aber sie lassen selbst schwächere Reiter irgendwie ein bisschen besser aussehen.
Dies kam jedem Herrscher, der sich vor dem Siegeszug des Automobils standesgerecht präsentieren wollte, mehr als entgegen und genau dafür sind diese Pferde am Ende auch gezüchtet worden.
Noch heute verkörpert jedoch der gemeinhin „Andalusier“ genannte, iberische Pferdetyp all das, was auch Laien unter einem schönen „Pferd“ verstehen: Mächtige, runde Hälse, langer Behang, große, dunkle Augen, spektakuläre Bewegungen, gepaart mit einem feurigen, aber stets gut regulierbaren Temperament. Dies betrifft auch oder gerade Hengste. Die Rasse scheint prädestiniert dazu, sich in Szene zu setzen und da ist der Bedarf trotz schwindender Königshäuser immer noch sehr groß! Kein Wunder, dass es inzwischen Mode wurde, einen Spanier zu besitzen, selbst wenn dabei viele Reiter bei der Klasse ihres Pferdes nicht immer mithalten können.
Kein Pferd für Jedermann
Deshalb war und ist Spanier kein Pferd für Jedermann. Hochintelligent lernt er Schlechtes leider genauso schnell wie Gutes. Bei ständiger Unterforderung oder gewöhnlichem „vorne halten und hinten Treiben“ können „Andalusier“ nach langem Dulden regelrecht explodieren oder entwickeln recht kreative Eigeninitiativen, die dann mit einem unerfahrenen Besitzer nicht mehr so recht harmonieren wollen. Kommt dann noch eine zu gehaltvolle Versorgung hinzu, die diesen leichtfuttrigen Pferden aus kargen, mediterranen Regionen wirklich nicht bekommt, dann kann einem die Freude an dem iberischen Traumpferd recht schnell vergehen - vor allem, wenn es ein Hengst ist! Dank unserer überwiegend auf Warmblüter zugeschnittenen, mitteleuropäische Umgangs-, Haltungs- und Reitformen sowie dem entgegenkommenden Wesen der Iberer, begegnet man hierzulande leider sehr oft schlecht gerittenen und falsch verstandenen Spaniern, die dann völlig zu Unrecht nicht selten als „Spielzeuge für Freizeitreiter“ abgetan werden.

Pferde reiner spanischer Rasse
“Andalusier” bedeutet in seiner Heimat nichts anderes, als ein Pferd ohne Papiere aus der entsprechenden spanischen Provinz. Die korrekte Bezeichnung lautet „Pferde reiner spanischer Rasse“, Pura Raza Espanola (P.R.E.). Alle diese, rund 35000 Tiere sind beim spanischen Verteidigungsministerium in der Abteilung “Cria Caballar (Pferdezucht)” registriert und eingetragen. Für Liebhaber und Kenner repräsentieren die Cartujanos eine Art Elitegruppe unter der P.R.E.-Population, weil sie innerhalb der Rasse historisch gesehen eine Sonderentwicklung durchlaufen haben. Auch wenn es heute fast kein P.R.E.- Pferd ohne das edle Cartujanoblut gibt, so sind doch nur rund 2,5 Prozent aller registrierten P.R.E.´s reine Cartujanos. Und doch gäbe es die gesamte Rasse nicht mehr ohne sie!
Eine der ältesten Rassen der Welt
Das Stutbuch wurde erst 1912 gegründet. Dennoch gilt die P.R.E. als eine der ältesten Rassen der Welt. Hervorgegangen aus regionalen iberischen Pony- und Pferdeschlägen, gemischt mit nordafrikanischem Berberblut, trug die Rasse erheblich zur Entstehung und Verbesserung vieler europäischer Schläge bei. Trotz vieler früherer Wurzeln entfaltete sich die spanische Pferdezucht zunächst im Mittelalter. Viele adelige Familien züchteten ohne einheitlichen Typ nach eigenen Vorstellungen. Eng verknüpft mit der wechselvollen Geschichte der Karthäusermönche begann damals auch die Zucht der Cartujanos oder Karthäuserpferde.
1446 vererbte ein Pferdezüchter und Gönner dem Orden in Jerez de la Frontera ca. 40 Quadratkilometer Land, auf dem die Mönche ihre bisher auch in Sevilla betriebene Zucht mit besonders qualitätsvollen andalusischen Pferden ausweiten konnten. Die Herden wuchsen an, als z.B. verarmte Edelleute ihre Schulden mit weiterem erlesenem Zuchtmaterial beglichen. Nach Plünderung und Zerstörung des Gestütes in Sevilla wachten die Mönche umso eifriger über ihre Pferde.
Barocke Glanzzeiten
Während der Barockzeit erlebte das Spanische Pferd an den Europäischen Fürstenhöfen seine absolute Glanzzeit. Als Prototypen des edlen Reitpferdes wurden die Tiere nahezu mit Gold aufgewogen. Wendigkeit, Intelligenz, Rittigkeit und Versammlungsfähigkeit boten ideale Voraussetzungen für Nahkampf und Hohe Schule. Mit der Erfindung der Handfeuerwaffen wurden die kompakten Iberer mehr und mehr von blutgeprägteren und größeren Pferdetypen abgelöst. Als Napoleon in Spanien einfiel, wollte er den Pferdebestand nutzen, um für seine Armee Remonten zu ziehen. Per königlichem Edikt untersagte er jegliche einheimische Zucht und ordnete an, größere Pferde einzukreuzen. So wäre die Rasse im 17. und 18. Jahrhundert fast gänzlich untergegangen. Nur die Mönche wagten es, sich diesem Befehl strikt zu widersetzen und heimlich weiterzuzüchten. Geschickt versteckten diese Puristen die Tiere und schafften es durch Sturheit und Einfallsreichtum tatsächlich, ihre “Karthäuserpferde” rein zu erhalten.

Sattgrüne Weiden findet der Andalusier in Spanien seltener
Fast ausgestorben
Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Karthäusermönche aus Spanien vertrieben und mussten den gesamten Pferdebestand abgeben. Von anderen Züchtern weitergeführt, blieben zunächst zwei bedeutende Linien, die von Don Antonio Abad Romanos und die der Gebrüder Zapata, erhalten. Viele der legendären “Zapatas”, überwiegend Braune und Rappen wurden nach Portugal verkauft und begründeten unter anderem die Altér Real-Zucht des gleichnamigen Gestüts. Obwohl das Gestüt Zapata 1854 verkauft wurde, existiert der damals bereits verwendete, berühmte Kandarenbrand (Hierro de Bocado) der Zapatas noch heute und repräsentiert damit nach wechselnden Besitzern und dem Hinzufügen des Buchstaben “C” über der Gebissstange, die einzige 100 Prozent rein gezogene Karthäuserzuchtlinie und damit eine der wertvollsten Grundlagen der heutigen P.R.E.-Zucht.
Nicht die Allergrößten
Heute präsentieren sich P.R.E.s als ca. 155-163 Zentimeter große, harmonische, edle und muskulöse Pferde mit viel Ausstrahlung und Charme. Die Nasenlinie des trockenen Kopfes mit beweglichen Ohren und mandelförmigen Augen ist relativ gerade und fällt nur gegen die Nüstern hin mehr oder weniger ab. Der Hals ist schön geformt mit hohem Aufsatz. Gute Sattellage und schräge Schulter münden in einen kräftigen, kompakten Rumpf. Der an der melonenförmigen Kruppe tief angesetzte Schweif wird kaum getragen. Die Fesseln sind relativ lang und schräg, die Hufe hart, aber bei spanischer Aufzucht bedingt durch lange Trockenperioden manchmal etwas eng. Die kadenzierten, erhabenen Gänge vereinen sowohl hohe Aktion als auch Raumgriff. Das „Bügeln“ der Vorderbeine ist als Relikt der Barockzeit in den letzten Jahren züchterisch zurückgedrängt worden. Schimmel überwiegen, Braune und Rappen sind seltener. Erst seit kurzem ist die Fuchsfarbe wieder in der Zucht zugelassen. Schecken sind unerwünscht.
Als Dressurpferd vermarktet
Die Rasse hat sich durch Liebhaber inzwischen auf der ganzen Welt verbreitet. Der spanische Markt tendiert daher dazu, die Pferde sportgerechter umzuzüchten und als Dressurpferde zu vermarkten. Viele Prospekte zeigen Hengste heute wie in Warmblutdeckanzeigen im englisch gerittenen Starken Trab. Ob das ein Schritt in die richtige Richtung ist bleibt abzuwarten, denn damit geht leider auch das verloren, was einen P.R.E. so unwiderstehlich macht: Das Anderssein

Christina Slawik










