– wann hilft sie wirklich?
Als Bernd Ebert aus dem nordbadischen Dielheim in den Achtziger Jahren ein Pferdeergänzungsfutter mit getrocknetem Muschelfleisch entwickelte, schüttelten die Experten den Kopf. Kurz darauf nahm jedoch die renommierte Schweizer Firma Chassot seine Novität in den Vertrieb - mit glänzendem Erfolg.
Inzwischen gehört es fast schon zum Grundwissen: Die Grünlippmuschel kann Menschen und Tieren mit Bewegungsproblemen helfen. Wie wurde diese erstaunliche Eigenschaft entdeckt und welche Wirkungsweise liegt ihr zugrunde?
Eine halbe Erdkugel weiter
Es war vor mehr als dreißig Jahren als John Croft in Neuseeland beschloss, es herauszufinden: Warum können sich die dortigen Ureinwohner, die Maoris, bei traditioneller Lebensweise bis ins hohe Alter beschwerdefrei bewegen? Wieso gibt es bei ihnen kaum Zivilisationsleiden wie Rheuma oder Arthrose? Als Hauptursache machte der Meeresbiologe und Handelskapitän schließlich die angestammte Ernährung der Maoris aus. Sie enthält einen auffällig hohen Anteil an Meeresfrüchten, darunter auch die roh gegessene Grünlippmuschel (wiss. Name: perna canaliculus). Auf die Spur gekommen, brachte John Croft die Neuseeländischen Universitäten dazu, seine Entdeckung näher zu erforschen.
Inzwischen gibt es eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien darüber. Sie belegen, dass bei regelmäßigem Verzehr von Weichteilen der Grünlippmuschel viele Gelenksbeschwerden verringert oder beseitigt werden. In etlichen Fällen wird sogar eine Regeneration bereits geschädigter Gelenke eingeleitet.

Günstige Wirkung bei Entzündungen
Lahmheiten und Schmerzen im Bereich der Gelenke, Sehnen, Bänder und der Wirbelsäule des Pferdes sind sehr oft von Entzündungen begleitet. Zur Verbesserung der Situation ist es zunächst vordringlich, die Entzündungen zum Stillstand zu bringen.
In Tierstudien wurde gezeigt, dass sich entzündliche Gliedmaßenschwellungen zurückbilden, wenn man zuvor Grünlippmuschelextrakt (gefriergetrocknete Muschelweichteile) verfüttert. Dafür sind besondere Fettsäuren im Muschelfleisch verantwortlich. Aber auch für bestimmte Eiweiß- und Glycogenbestandteile der Muschel ist eine entzündungswidrige Wirkung belegt.
Effekte auf das Immunsystem
Entzündungsherde ziehen oft Scharen von immunaktiven Zellen an. Dies kann dazu führen, dass diese sogenannten „Neutrophilen“ und „Makrophagen“ ihre Aufgabe, unbrauchares Gewebe und schädliche Bakterien aufzulösen, „falsch verstehen“. Sie greifen dann auch wichtiges Funktionsgewebe zum Beispiel im Gelenksbereich an. Durch Dauerattacken dieser Art wird die notwendige Geweberegeneration schon im Ansatz verhindert.
Extrakte der Grünlippmuschel sind nachweislich imstande, die Anlockung solcher übereifrigen „Polizisten“ zu drosseln, so dass die Selbstreparatur im Gelenks- und Sehenbereich erleichtert wird (Miller, Antiinflammatory activity of glycogen extracted from perna canaliculus, 1993).
Unterstützung der Gelenksregeneration
Tatsächlich gibt es klare Hinweise, dass sich bei regelmäßigem Muschelverzehr bereits geschädigte Gelenkknorpel wieder erneuern können. Dies zeigen zum Beispiel die Röntgenuntersuchungen von Kendall bei 120 Patienten mit Kniegelenksarthrose. Nach täglichem Verzehr von Grünlippmuschelextrakt über ein Jahr ergab sich bei mehr als 90 Prozent dieser Patienten eine eindeutige Verbesserung der Beweglichkeit und eine Verringerung der Schmerzen. Bei zehn Patienten wurde sogar neues Knorpelwachstum im geschädigten Gelenk dokumentiert (Kendall, Green-lipped Mussel Effective Against Arthritis, 2000).
Die Regenerationseffekte gehen zum einen darauf zurück, dass die Grünlippmuschel zum Stillstand der Entzündungen beiträgt, wodurch spontane Aufbauprozesse erst möglich werden. Zum anderen kommen bestimmte Muschelbestandteile offenbar als Nahrungsbausteine der Knorpelreparatur zugute. Dazu gehören vor allem Eiweiß-Zuckerverbindungen, die sogenannten Glycosaminoglykane (GAGs).
Auch im Gelenksinneren gibt es GAGs, die vom Körper selbst hergestellt werden. Sie verleihen der Gelenksflüssigkeit ihre Gleiteigenschaften und dem Gelenksknorpel Druckbeständigkeit und Stoßdämpfereigenschaften. Bei der alterungstypischen Arthrose und Arthritis gehen in einem schleichenden Prozess sehr viele GAGs verloren. Die Gelenke werden dadurch allmählich steifer und weniger belastbar. Damit sich die Gelenke möglichst gut regenerieren können, müssen wieder mehr GAGs in Gelenksflüssigkeit und Knorpel eingebaut werden.
Die Grünlippmuschel steuert außer den GAGs noch weitere Aufbausubstanzen bei. Dazu gehören die wichtigen schwefelhaltigen Aminosäuren und organisch gebundene Mineralstoffe wie Kalzium, Magnesium, Zink und Silizium.
Wie die Muschel bei Pferden wirkt
Im Rahmen einer Doktorarbeit wurde der Fütterungseffekt von pulverisierten Grünlippmuschelweichteilen auf Bewegungsstörungen von Pferden untersucht (A. Dörrzapf, Dissertation München, 2001):
30 Pferden mit deutlicher Lahmheit aufgrund einer chronisch degenerativen Gelenkserkrankung wurde über sechs Monate entweder Grünlippmuschelpulver (Versuchsgruppe) oder ein Plazebo zugefüttert.
73 Prozent der Pferde in der Versuchsgruppe wiesen nach Ablauf des halben Jahres eine klinisch signifikante Lahmheitsbesserung auf, 47 Prozent waren sogar lahmheitsfrei.
Dabei konnte auch in „schweren Fällen“ geholfen werden. Die Pferde der Plazebogruppe erfuhren während der sechs Monate eher eine Verschlimmerung der Lahmheit.
Das positive Studienergebnis bestätigt die langjährige praktische Erfahrung, dass die Grünlippmuschel bei Pferden ähnlich gut wie bei Menschen und Hunden wirkt. Darüber hinaus sprechen Fallbeschreibungen, bei denen direkt ins Gelenk gesehen wurde auch bei Pferden für eine regenerationsfördernde Wirkung auf die Gelenkknorpel bzw. Bandscheiben.

Praktische Empfehlungen für Pferde
In den meisten Fällen wird die Grünlippmuschel an Pferde mit Gelenk-, Sehnen- oder Rückenprobleme verfüttert. Nach erreichter Besserung gönnt man den Pferden in gewissen Abständen weitere Fütterungskuren (zum Beispiel während der Wettkampfsaison). Grundsätzlich ist es aber besser, Gelenke, Sehnen und Bänder vorbeugend zu kräftigen, schon bevor Bewegungsprobleme zu Tage treten. Dafür genügt es zumeist, die Muschel in halber Dosierung, z. B. zwei mal im Jahr für zwei bis drei Monate zu verfüttern. Erfahrungsberichte besagen, dass Fohlen, die täglich über ein Jahr zum Beispiel ein Drittel der normalen Großpferdedosis erhielten, deutlich gesündere Beine haben. Fohlen können sogar von einer Muschelverfütterung an die trächtige oder laktierende Mutterstute profitieren.
Grundlage sollte aber immer eine gut balancierte, natürlich hochwertige und vitalstoffreiche Normalfütterung sein.
Besondere Vorzüge der Grünlippmuschel
Als natürliches Nährstoffkonzentrat ist die Grünlippmuschel im Vergleich zu Arzneimitteln (Entzündungshemmern) wesentlich besser verträglich und kann auch über Jahre ohne Gefahr von Nebenwirkungen gegeben werden. Darüber hinaus bietet sie im Gegensatz zu Medikamenten die Perspektive der vorbeugenden Kräftigung des Bewegungsapparates. Isolierte bzw. chemisch synthetisierte Glycosaminoglykane wie Hyaluronsäure, Chondroitin oder Glucosamin werden ebenfalls für Pferde angeboten. Sie sind erst in erhöhter Dosierung wirksam. Auch dürften solche Monopräparate nicht dieselbe komplexe Wirkung auf verschiedenen physiologischen Ebenen aufweisen, wie sie Grünlippmuschelpräparate aufgrund ihrer naturstofflichen Vielfalt bieten. Mit der Muschel kann man deshalb vermutlich eine größere Bandbreite von Problemfällen ansprechen, so dass mehr Pferde davon Nutzen haben.
Qualitätsmerkmale
Hochwertige Muschelrohstoffe, die für Gesundheitszwecke zertifiziert sind, werden einer strengen Selektion unterworfen und zur Erreichung des Wirkungsoptimums gezielt angereichert. Zur Werterhaltung werden sie erntefrisch eingefroren und aufwändig gefriergetrocknet. Solche Spitzenqualitäten werden Lieferung für Lieferung von einem Universitätslabor in Neuseeland auf ihre Reinheit und biologische Aktivität geprüft (Bioassay). Nur so kann eine optimale und gleichbleibende Nährstoffeffizienz im Zielgewebe gewährleistet werden.
Eine geringere Menge von der Spitzenqualität ist deshalb mehr wert, als eine hohe Dosis von einer minderwertigen „Bulkqualität“, die zum Beispiel für Fischköder bestimmt sind. Die Bulkqualität ist bei vielen Anbietern von Ergänzungsfutter beliebt, weil sie zu minimalen Einkaufspreisen erhältlich ist. Die Angabe eines hohen Gehalts an „Muschelextrakt“ ist also nicht ohne weiteres aussagekräftig, zumal wenn es sich um ein Billigprodukt handelt. Wirkliche Premiumprodukte mit einer Aktivitätsbescheinigung sind ihren Preis wert. Sie können zusätzlich noch wertverbessernde Zutaten wie Vitamine, Spurenelemente, Algen und Kräuter enthalten.
Es lohnt sich deshalb, die Angebote kritisch zu prüfen. Unter dieser Voraussetzung kann man das volle Potential dieses Naturgeschenks ausschöpfen: für gesündere Beine und einen elastischen tragfähigen Pferderücken.

Dr. Eberhard Moll










