Rappeldürr

Inhalt-TitelWenn Pferde zu mager sind

Ein Pferd ist mager, wenn man seine Rippen sieht und sich die Hüftknochen deutlich hervorheben. Es ist sehr mager, wenn im Lendenbereich deutlich einzelne Wirbel hervorstehen und sich tiefe Gruben seitlich des Schweifes eingraben. Kritisch wird der Zustand, wenn die Bemuskelung der Energieversorgung zum Opfer fällt. Im Gegensatz zu Pferden, die unter dem Metabolischen Syndrom (siehe dazu auch Futterjournal Ausgabe 12) leiden, wirkt ein mageres Pferd immer krank und schädigt den Ruf seines Besitzers.

Grundsätzlich gibt es Rasseunterschiede. Pferderassen mit hohem Blutanteil, wie Araber, Vollblüter, Achal Tekkiner oder Traber kann man sich nur schwer fett und mit rundem Bauch vorstellen. Schlimmer erscheinen uns aber ein mageres Fjordpferd oder ein abgehungerter Shetty, Pferderassen, von denen man von vorne herein ein rundliches Aussehen erwartet.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Pferde abmagern. Neben medizinischen Problemen wie Wurmbefall oder Stoffwechselerkrankungen ist der Mangel an Energie die Ursache für ein mageres Pferd. Nun hängt der Energieumsatz beim Pferd nicht unbedingt davon ab, wie viel gefüttert, sondern was gefüttert wird. Wichtig ist, ob die Zähne des Pferdes gesund sind. Auch das Alter spielt dabei eine Rolle, das oft mit Kauproblemen verbunden ist. Schlechte, unbehandelte Zähne können eine Abmagerung hervorrufen.

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Unwissenheit, Krankheit, Alter oder finanzielle Not sind die Ursachen für die Abmagerung

Raufuttermangel

An allererster Stelle ist der Raufuttermangel verantwortlich für das Abmagern von Pferden. Pferde können im Gegensatz zum Hund oder Menschen unverdauliche Pflanzenbestandteile aus Cellulose, Hemicellulose oder Pektin über die bakterielle Umsetzung im Dickdarm in flüchtige Fettsäuren umwandeln. Zu diesen gehören hauptsächlich Propion-, Butter- und Essigsäure. Der Gehalt an den einzelnen Säuren ist abhängig vom Verhältnis von Rau- zu Krippenfutter (z.B. Hafer), sowie von der Gesamtfuttermenge. Diese kurzkettigen Fettsäuren werden entweder direkt zur Energiegewinnung verwendet oder in Speicherfett umgewandelt. Auch ein Umbau von Propionsäure in Traubenzucker (Glucose) ist möglich. Da das Pferd mit der Darmflora in Symbiose lebt, ist die kontinuierliche Raufutterversorgung durch Heu, Gras und Stroh Bedingung für die Gesundheit des Pferdes. Raufuttermangel führt zur Beeinträchtigung der Darmflora und damit zu einer gestörten Nährstoffausbeute. Das Verhältnis von Raufutter zu Getreide ist wichtig und sollte – ganz grob gesagt - zwei zu eins (abhängig vom Getreideaufschluss) nicht unterschreiten. Ein Überschuss an Getreide stört das sensible Gleichgewicht im Darm. Dann wird langfristig auch ein angeblich gut gefüttertes Pferd mager.

Bewegung relativ

Stimmt das Verhältnis zwischen Energieaufnahme und körperlicher Betätigung nicht, dann wird ein Individuum entweder fett oder mager. Ein Pferd, das körperlich mehr leisten muss, als es dafür Futter bekommt, wird mit der Zeit abmagern. Die Anpassung der Fütterungsmenge an die Arbeitsleistung kann natürlich rein theoretisch berechnet werden. Dafür gibt es entsprechende Fütterungsempfehlungen. Faktoren wie Stress, Futterverwertung oder Darmtätigkeit sind jedoch unbekannte Variablen und erschweren einen mathematischen Ansatz. Auch die Einschätzung der tatsächlich erbrachten körperlichen Leistung ist eine relative Angelegenheit. Letztendlich gilt der Spruch „Das Auge des Herrn füttert das Pferd“. Dabei vorausgesetzt, der Herr hat Ahnung.

Stress als Nährstoffkiller

Stress kann zu Abmagerung führen. Sehr schnell beobachtet man das Abmagern bei Hengsten, die als Zuchttiere eingesetzt werden. Viele Turnierreiter kennen das Problem, dass man nach dem Wochenende, spätestens am Montag, das Pferd nicht mehr erkennt, weil Transport und Leistung auf dem Turnier das Pferd nicht nur sportlich, sondern auch psychisch beansprucht haben. In Stresssituationen steigt zudem der Bedarf an den Vitaminen des B-Komplexes, der Bedarf an Magnesium und den Spurenelementen Zink, Kupfer, Selen, Chrom und Mangan. Stress hat eine große Wirkung auf den Stoffwechsel und kann nicht alleine durch vermehrte Futtergabe wettgemacht werden.

Mager ins Alter

Magern ältere Pferde ab, hat auch das typische Ursachen. Oft schleichen sich Zahnprobleme ein und der Stoffwechsel macht nicht mehr so mit. In vielen Fällen hat sich ein Zinkmangel über die Jahre manifestiert, der zur Abmagerung oder Mäkeligkeit in der Futteraufnahme führen kann. Zink ist von großer Bedeutung für den Aufbau der Darmschleimhaut. Ebenso kann ein Mangel an Vitamin B12 zu Störungen der Darmflora führen und den Nährstoffaufschluss behindern.

Zahnarzt und Wurmkur

Wenn das Pferd von Tag zu Tag beobachtbar magerer wird, sollte als erstes die Raufutterration überprüft werden. Erhält das Pferd mindestens 1,2 Kilogramm Heu je 100 Kilogramm Körpergewicht pro Tag? Ist auch Stroh zur freien Verfügung vorhanden? Schließlich sollte der Tierarzt zur Kontrolle der Zähne und zum etwaigen Verabreichen einer Wurmkur beauftragt werden. Turniergestresste Pferde reagieren positiv auf die Gaben von Magnesium. Ältere oder mäkelige Pferde sollten auf Zink im Blut untersucht werden.

Kein gedankenloses Aufmästen!

Stimmt das Verhältnis Leistung: Futter nicht, also wird vom Pferd mehr gefordert, als es Futter bekommt, so kann der Anteil an energiereichen Futtermitteln erhöht werden. Vorausgesetzt, die ursprüngliche Ration in Bezug auf Mineralien und Vitamine stimmt. Abzuraten ist die alleinige Fütterung von Futtermitteln wie Mais, Brot oder Öl, um das Pferd aufzumästen. Die Fütterung von Mais wird problematisch, wenn der Mais nur gebrochen oder schlimmstenfalls ganz verfüttert wird. Besser sind hochaufgeschlossene Maisflocken. Im Allgemeinen gilt: je höher der Getreideaufschluss, desto geringer die Darmbelastung. Unbehandeltes Getreide, insbesondere Gerste, Mais, Weizen oder Dinkel können den Dickdarm übersäuern und zur Bildung von Gasen führen. Schlimmstenfalls kommt es zur Bildung von Giften im Darm, die die Hufrehe auslösen können.

Brot ist aufgeschlossen, gehört aber auch zur Praxis der Kohlenhydratmast und belastet bei großen Mengen neben dem Darm auch die Muskulatur und die Leistungsfähigkeit des Pferdes.

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Zahnprobleme können schnell zur raschen Abmagerung des Pferdes führen

Fermentierte Energie

Leicht verdaulich ist fermentiertes Getreide. Getreideeigene Enzyme werden während des Wässerns und Keimens aktiv. Entstandene Kohlenhydratfragmente werden ohne weiteres verdaut und blitzschnell aufgenommen. Eines der feinsten und wohlschmeckendsten Getreideprodukte ist die bei der Bierbrauerei entstehende Maische. Maische entsteht, indem man Malz (gekeimtes, anschließend getrocknetes Getreide) mit Wasser langsam auf 80°C erhitzt. Während stärke- und eiweißspaltende Enzyme aktiv werden, entsteht eine alkoholfreie Biersuppe, die schon weit vor dem 16. Jahrhundert aufgrund ihrer Energieverfügbarkeit Hauptmahlzeit vieler Familien war. Nicht mehr zu toppen in Bezug auf die Verdaulichkeit ist Malzextrakt. Malzextrakt ist die Voraussetzung zur Produktion von Malzbier. Malzbier ist eine der besten Nahrungsmittel auch im Humanbereich, um Lebewesen aufzupeppen und rund zu füttern.

Ölfütterung

Öle sind interessant als eiweißfreie, kohlenhydratfreie Energiequelle. Immerhin liefert ein Liter Öl 9000 Kalorien. Eine übermäßige Ölfütterung (mehr als 0,5 Liter pro Tag) darf nur schrittweise und mit entsprechenden Antioxidantien, wie zum Beispiel Vitamin E und den Nährstoffen für den Fettstoffwechsel Selen und Cholinchlorid erfolgen. Eine maßlose Ölfütterung steht im Verdacht, in Folge Selen- und Zinkmängel zu forcieren. Eine Zulage von faserreichen Futtermitteln in Richtung Zuckerrübenschnitzeln und Kleien sind wesentlich problemloser für die Verdauung. Letztendlich muss eine Auffütterung ausgewogen und schonend erfolgen. Sanfte Zulagen von Getreide und Ölen sind vertretbar, sofern keine Übertreibungen in die eine oder andere Richtung erfolgen und die Gesamtration auf mehrere kleinere Mahlzeiten verteilt wird, denn dann könnten gegenteilige Effekte wie Verdauungsbeschwerden oder nur kurzfristiger Nutzen resultieren.

Finanzielle Not

Die finanzielle Notsituation mancher Pferdehalter kann dazu führen, dass Pferde abmagern. Es ist eine langsame Entwicklung, die oft durch die Sommermonate, in denen noch Wiesengras zur Verfügung steht, aufgehalten oder verzögert wird. Pferde, die sehr nahe am Hungern sind, wirken sehr verspannt. Es fehlt an Geschmeidigkeit. Die Bewegungen wirken trotz Kraftlosigkeit sehr hölzern. Der Stoffwechsel arbeitet auf Sparflamme, dadurch werden auch die Entgiftungsvorgänge im Körper blockiert. Reservefett und Muskeleiweiß werden in den Energiestoffwechsel eingeschleust. Ketone, Harnstoff aus dem Eiweißabbau und andere Stoffwechselmetabolite belasten und übersäuern den Körper.

Vernünftig bleiben

Wer ein solches Pferd kauft, sollte ganz vernünftig bleiben. Dem Wunsch, das Pferd jetzt ordentlich aufzupäppeln, darf nicht ohne weiteres nachgegeben werden. An erster Stelle ist Raufutter in Form von Heu oder guter Silage zu füttern. Liegen Probleme bei der Aufnahme, wie z.B. „Röllchenbildung“ vor, sollten sofort die Zähne kontrolliert werden. Mit der Wurmkur darf noch gewartet werden, bis das Pferd ein wenig gestärkt ist. Als erstes Krippenfutter dürfen nur kleine Mengen Hafer, bzw. hochaufschlossene Getreidemischungen gefüttert werden. Besser sind Ergänzungsfutter mit einem geringen Getreideanteil oder Mash. Ideal an dieser Stelle ist die zusätzliche Auffütterung mit Malzextrakt, da so vom „entwöhnten“ Verdauungstrakt keine große Verdauungsleistung verlangt wird. Die Fütterungsfrequenz sollte auf 5 bis 6 Mahlzeiten erhöht werden, um die Verdauung nicht zu belasten.

Mineraliendefizite ausgleichen

Nur langsam dürfen Arbeitsleistung und schließlich Getreidefütterung gesteigert werden. An größere Getreidemengen muss das Pferd erst allmählich gewöhnt werden. Was nicht vergessen werden darf: in der Zeit des Hungers hatte das Pferd nicht nur eine defizitäre Energieversorgung, sondern auch eine äußerst knappe Versorgung mit Nährstoffen wie Mineralien, Vitaminen oder Spurenelementen. Diese durchaus lange Zeit ohne korrekte Versorgung führt zu Mangelzuständen, die später durch eine „normale“ Fütterung rechnerisch nicht ausgeglichen werden können. Hier ist ein Mineralfutter gefragt, das besonders hochwertig und reichhaltig ist. Da hier nicht unbedingt eine spezifische Mangelsituation (z.B. Zinkmangel) oder eine Situation wie in der Zucht (erhöhter Calciumbedarf) vorliegt, muss allgemein der Mineral- und Spurenelementbedarf gedeckt werden. Daher eignen sich hier, was manchen verwundern mag, hochwertige Hufkuren in großzügiger Menge.

Appetitlosigkeit

Manchen Pferden wird Fressen angeboten, aber es herrscht Appetitlosigkeit. Hier können Leberprobleme, Magengeschwüre oder Darmentzündungen vorliegen, was durch den Tierarzt abzuklären ist. Beim Vorliegen eines Vitamin B12- oder Zinkmangels können Appetitlosigkeit oder „Mäkeligkeit“ auftreten. Die Pferde fressen das eine, und das andere bleibt liegen, am nächsten Tag wird gewechselt. In vielen Fällen konnte auch hier die Verabreichung von Malzgetränken die Fresslust fördern und die Darmsituation unterstützen.

Fellwechsel

Manche Pferde magern regelmäßig im Frühjahr oder Herbst aufgrund des eintretenden Fellwechsels ab. Hier sollte der Pferdehalter aktiv werden. Neben der regelmäßigen Fütterung von Mash, eventuell unter Zulage von Öl sollte auch eine spezielle Spurenelementversorgung (Richtwert 300 Milligramm Zink Zulage pro Tag) geleistet werden.

Ein mageres Pferd muss also heutzutage nicht sein. Auch wenn man verschiedene Ursachen abklären muss.

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Wer ein solches Pferd auffüttern will, muss dies mit Bedacht machen.
Keine Überlastung mit Getreide, aber genügend Rohfaser. Das ist die Regel

Dr. Susanne Weyrauch