Was Pferde in Spanien erwartet
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen. Ganz besonders, wenn man nach Spanien fliegt. Das Land des fröhlichen Tourismus mal von der Pferdeseite aus zu besuchen ist ein Erlebnis der besonderen Art. Abgesehen von einer zwar günstigen, aber doch langwierigen Flugreise begrüßte uns Valencia in einer dunklen Dezembernacht bei ganzen zwölf Grad Celsius.
Ein Spaziergang am Strand mit einem großen Hallo zum nächtlichen Mittelmeer entschädigte für die umständliche Flugreise.
Spanien erlebt einen Wandel
Spanien ist im großen Aufbruch. Das erkennt der Laie spätestens beim Besuch des Flughafen WCs. Alles ist neu, meist sehr modern und stilvoll ausgestattet. Insbesondere Valencia ist eine neue Stadt. Alles wird renoviert, Hotels neu erbaut. So begann unser erster Tag in einem Cafe. Der Kaffee „con mucho leche“ war ein Gedicht, gekrönt von Ensaimada, unfassbar guten Hefeteilchen, während wir auf Carina Bierfreund warteten.
Carina Bierfreund ist Deutsche und handelt mit Futtermitteln. Ihr Mann Juan Jose Muñoz und sie sind autorisierte St. Hippolyt Großhändler in Spanien. Die gebürtige Deutsche ist vor zehn Jahren nach Spanien ausgewandert und hat dort Fuß gefasst. Dazu muss man - insbesondere als Frau - ziemlich taff sein. Die Sprache beherrscht sie mittlerweile einwandfrei.

Von Valencia nach Alicante
Wir fahren im Sonnenschein bei 20 Grad Celsius in Richtung Alicante. Spätestens jetzt wird mir klar, warum Menschen nach Spanien auswandern wollen. Es gibt dort keinen Winter. Meine Schwärmerei für die Sonne wird von Carina allerdings schnell abgebremst. Nach zehn Jahren Spanienaufenthalt geht ihr die Sonne bisweilen, insbesondere im Sommer, auf die Nerven. Sie trägt grundsätzlich immer die Sonnenbrille und ist bekennende Schattenparkerin.
Etwa 50 Kilometer vor Alicante ändert sich die Umgebung drastisch. Die mediterrane Vegetation weicht einer wüstenähnlichen Steppe. Weiden oder Wiesen sind absolute Fehlanzeige. Die gäbe es laut Carina Bierfreund nur im Norden Spaniens, wo es mehr regnet. In Alicante regnet es fast gar nicht. Der Bewuchs ist baumlos. Einzelne harte Grasbüschel wechseln sich mit Kräutern ab. Für Schafe die richtige Grundlage, um später in der Pfanne zu landen.
Pferdesport mal anders
Wir erreichen ein für die Gegend doch großes Springturnier in Alicante. Die Reiter kommen von weither angereist, teilweise aus dem 170 Kilometer entfernten Valencia oder mit der Fähre aus Mallorca. Einiges ist wie daheim: die Reitausrüstung weist internationalen Schick auf. Die meist aus Deutschland stammenden Pferde sind bestimmt von guter Qualität und Abstammung.
Was uns aber regelrecht erstaunt, ist die ist die Körperform der Pferde. Die Warmblutpferde wirken extrem trocken, hölzern, leicht mager. Zurückzuführen ist dies zumindest im Dezember unter anderem auf das Klima. Für die Pferde ist das nicht einfach: Tagsüber herrschen hier Temperaturen bis 24 Grad Celsius, während - nachdem die Sonne untergegangen ist - die Temperatur rapide auf vier bis acht Grad absinkt. Viele Pferde sind zur Schonung des Kreislaufs geschoren und werden nachts eingedeckt.
Rohfaser Mangelware
Ein Blick in die Ställe und die Stallzelte erschüttert den rohfaserverwöhnten Deutschen. Die Pferde stehen grundsätzlich auf Spänen, jeder Halm an Rohfaser ist gefressen. Über den Augen befinden sich tiefe Buchten, die im Allgemeinen mit Schmerz oder fehlender Lebensenergie in Zusammenhang gebracht werden. Den Augen selbst fehlt oft der Glanz, den Pferden der Ausdruck. Bietet man ein wenig Laub an, wird auch das regelrecht verschlungen. Die meisten Pferde sind extrem schlank, neigen, wie die Besitzer klagen zu Arthrose, die allerdings bei den warmen Temperaturen nicht so schwer ins Gewicht fällt wie bei uns.
Wir fragen nach, wie viel Heu denn gefüttert wird. Die Besitzer antworten mit der Selbstverständlichkeit, mit der man ein Ei aufschlägt, es würde ausschließlich Luzerne gefüttert. Ausschließlich? Die getrocknete ganze Pflanze mit bis zu 20 Prozent Rohprotein! Etwa vier Kilogramm pro Tag. Für ein 600 Kilogramm schweres Pferd. Und was noch, frage ich? Achselzucken. Manche Pferde haben das Glück, Luzerne mit Haferstroh gemischt zu bekommen, obwohl sich in Spanien das Gerücht fest verankert hat, dass Pferde durch Stroh Koliken bekommen. Vermutlich wurde schon oft zu viel Stroh ohne Heu oder ohne Luzerne gefüttert.
Traditionell wenig Raufutter
Wer in Spanien Heu füttern will, bzw. genug Raufutter (1 bis 1,5 kg Raufutter pro 100 Kilogramm Körpergewicht), der muss mindestens ebenso bereit sein, Geld zu investieren wie in Deutschland. Allerdings hat sich in Spanien eine andere Einstellung zur Rohfaser entwickelt. Da der Transport von Norden in den Süden fast undenkbar war und man Jahrhunderte lang mit den Gegebenheiten zurechtkommen musste, hat sich die geringe Raufuttermenge als Normalität eingebürgert. Schließlich geht man davon aus, dass es so sein müsste. Hier wird die Futterberatung schwierig. Was kann man sagen, wenn man es „schon immer so gemacht hat“.
Sehr schwer tun sich die vielen jungen deutschen Pferde, die raufutterverwöhnt über die Auktionen nach Spanien gelangen und hier im wahrsten Sinn des Wortes vor dem Nichts stehen. Oft sieht man schon sehr junge Pferde, die über den Augen deutlich eingefallen sind. An Kraftfutter allerdings wird nicht gespart. Die Getreiderationen sind oft unverhältnismäßig hoch. Zu wenig Raufutter, zu viel Kraftfutter. Das führt langfristig zu Störungen der Darmflora, schlechter Futterverwertung, Übersäuerung, Krankheiten des Bewegungapparates und frühem Ausscheiden. Das irritiert die fröhlichen Spanier nicht.

Die ständig vertrocknete Landschaft liefert traditionell wenig Raufutter
Ganz anders kommen die Andalusier, die Hausrasse Spaniens, damit zu recht. Die stehen munter und gut proportioniert in ihren strohfreien Ställen und fressen eine Handvoll Luzerne, als wäre es das Normalste der Welt. Die Leichtfuttrigkeit der Andalusier wird auch gerne zur zur Schaustellung missbraucht. Man liebt deren gewaltige Hälse und den massigen Körper, der sich mit Getreide schnell hinfüttern lässt, ohne, dass nur irgendjemand auf dem Pferd geritten ist.
Luxus und Elend zugleich
So erstaunte mich der Besuch im luxuriösen Reitstall eines mehrfachen Barbesitzers. Der mit durchaus weniger Kenntnissen von der Pferdehaltung ausgestattete stolze Spanier liebte seine hochgetreidegefütterte Andalusier und beeindruckte durch schicke, saubere Boxen und ein Pferdeschwimmbad. Die meist jungen andalusischen Hengste hatten fette Mähnenkämme, die sogar zwischen den Ohren zur Stirn hervorquollen. Pferde, die bei dieser Art von Schönheitsmast vermutlich nicht alt werden.
Die teilweise Unkenntnis über die Raufutterfütterung, aber auch das Problem Lagerung von Heu und Stroh sowie der Mistentsorgung gipfelte in einem edlen Reitstall mitten in der Innenstadt von Valencia. Eine Reitanlage vom allerfeinsten mit einer Bar und Restaurant, das zu Tratsch und Plausch in bes-tem Ambiente einlädt. Wie von einem großen Glaspalast aus kann man auf die in der Sonne reitenden Sportler schauen, die konzentriert Dressur reiten oder sich Springunterricht geben lassen. In den langen Stallgassen ist es relativ dunkel, die Pferde sind mit Torf eingestreut. Hier gibt es weder Heu noch Stroh. Zweimal am Tag gibt es neben Kraftfutter Luzernepellets mit einem zehnprozentigen Strohanteil. Sonst nichts. Kein Halm. Die meisten Pferde Koppen und weben, wenn sie nicht geritten werden.
Im Open - Sportsclub Barcelona hingegen wird auf Wunsch Stroh und Heu gefüttert. Sicher zu horrenden Preisen, aber es wird möglich gemacht. Aber auch hier sind viele Reiter der Ansicht, dass Heu nicht unbedingt notwendig ist und eine Menge von vier Kilogramm für ein Großpferd reicht. Gut getroffen hat es eine Donnerhall – Alabaster – Stute einer Schwedin. Sie hat das Pferd als Preisspitze in Verden erworben. Die Stute stand in einer Fülle von Stroh.
Die Tierärzte einer der bedeutendsten Tierklinik im Bereich Verdauung in der Nähe von Alicante zeigten sich außerordentlich gesprächsbereit. Die Fütterungsproblematik bezüglich des Raufutters war und ist ihnen bekannt. Aber noch viel mehr. Fälle, in denen die Pferde einseitig Johannisbrot oder dicke Bohnen gefüttert bekommen. So wird uns allen klar, dass in Spanien, einem Land langjähriger Pferdezucht und -haltung nur langsam ein Umdenken stattfinden wird. Denn nicht alles glänzt in diesem sonnenverwöhnten Land.
Endlich zu Hause besuchte ich meinen Hengst und erklärte ihm ausdrücklich, wie gut er mit Heu und Stroh im Vergleich zu spanischen Pferden versorgt sei und er gar nicht wisse, wie gut es ihm ginge.

Andalusier sind extrem leichtfuttrig
Dr. Susanne Weyrauch










