Komplizierte Kieferchirurgie mit Manfred Stoll
Für den Pferdekenner gilt es als Supergau: Beim Pferd wurde ein Zahnproblem festgestellt, dessen Behebung die Entfernung des Zahnes erfordert. Eitrige Entzündung im Zahninnenraum, Zahnbrüche und Zahnkaries können eine Zahnextraktion erforderlich machen. Die Zahnentfernung ist im Allgemeinen bei Pferden sehr schwierig und gilt in manchen Fällen als unmöglich.
Oft werden Zahnprobleme beim Pferd vollkommen übersehen. Denn bis sich eine eitrige Zahnwurzel für den Pferdehalter bemerkbar macht, kann es monate-, sogar jahrelang dauern. Pferde sind sehr hart im Nehmen und „verschweigen“ den Schmerz lange. Daher ist es hoch sinnvoll, einmal im Jahr den Pferdedentisten kommen zu lassen. Das sind entweder auf Zähne spezialisierte Tierärzte oder Pferdedentalpraktiker, die auf diesem Gebiet eine spezielle Ausbildung erfahren haben. Im Allgemeinen werden scharfe Kanten oder Wolfszähne entfernt, aber auch Zahnfissuren (Anbrüche) oder Zahnkaries festgestellt.
Komplizierter Sachverhalt
Die Entfernung von Backenzähnen beim Pferd gilt als schwierig und riskant. Dies hängt einerseits mit dem geringen Platzangebot in der Maulhöhle zusammen und andererseits mit den langen Reservekronen, die in den Oberkiefer eingebettet liegen. Die Komplikationsrate nach Zahnextraktionen durch die Maulhöhle ist wesentlich kleiner als nach chirurgischen Zahneingriffen durch Entfernen des Zahnes mit der herkömmlichen Methode von außen durch den Kieferknochen. So sollte in den meisten Fällen zuerst versucht werden, die Zähne durch die Maulhöhle zu entfernen. Voraussetzung ist natürlich, dass man den Zahn mit der Extraktionszange gut fassen kann. Somit sind Pferde mit Zahnfrakturen oder ausgedehnter Karies schlechte Patienten. Auch ist das Platzangebot bei jungen Pferden viel schlechter als bei alten, hintere Backenzähne sind schwieriger zu ziehen als die vorderen. Eitrige Zahnwurzeln im Oberkiefer sind gefährlicher einzustufen als im Unterkiefer, da die Zahnwurzeln im Oberkiefer direkt an die Nebenhöhle grenzen.
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Herkömmliche Methode

Röntgenbild während der Arbeit an
einem vereiterten Backenzahn
Bislang wurden schlecht erreichbare Backenzähne von der Wurzel her durch den Schädelknochen des Pferdes entfernt. Dieser Vorgang wird in Fachkreisen als Ausstempeln bezeichnet. Beim Ausstempeln wird ein kleines Knochenstück über der Zahnwurzel entfernt und anschließend mit einem stempelförmigen Instrument der entsprechende Zahn herausgeschlagen. Der Nachteil dieses Verfahrens ist, dass das Pferd unter Vollnarkose abgelegt werden muss und die damit verbunden Risiken eingegangen werden müssen. Zudem wird der Schädelknochen in Mitleidenschaft gebracht. Eine verletzte Knochenstruktur und postoperative Knochenschmerzen sind die Folge. Später wird ein aufwendiges regelmäßiges Spülen des entstandenen Loches und der Nebenhöhle notwendig.
Die Komplikationsrate von solchen Zahnoperationen ist hoch und erreicht je nach Autor Zahlen von 20-60 %. Eine genaue Diagnosestellung, eine sorgfältige Planung der Operation und gutes postoperatives Management kann die Komplikationsrate reduzieren. Auch sollten mehrere Röntgenaufnahmen während der Operation gemacht werden, um den richtigen Zahn sicher zu lokalisieren und diesen auch vollständig zu entfernen.
Auf dem neusten Stand
Um diese Risiken zu vermeiden und dem Pferd zusätzliche Schmerzen zu ersparen, hat sich der Tierarzt Manfred Stoll aus Hohenstein im Taunus auf die intraorale Zahnentfernung, also die Entfernung von Zähnen durch die Maulhöhle spezialisiert. Im Rahmen seiner Ausbildung gelangte der heute 42jährige nach Michigan, wo er für sich erstaunliche Erfahrungen im Bezug auf Zahnbehandlungen machte. Fortan bewegte ihn das Thema, so dass er mittlerweile selbst in den USA doziert und europaweit Vorträge hält. Als Mitglied der American Association of Equine Practicioners (AAEP) verfügt er über das Wissen neuer Behandlungsverfahren, die bei ihm schnellstmöglich zum Einsatz kommen.

Die Praxis von Manfred Stoll im ländlichen Hohenstein im Taunus
Weniger ist mehr
Seine Spezialität ist die „minimal invasive Buccotomie“. Unter Lokalanästhesie wird eine Art Schraube in den zu ziehenden Zahn bis in die Zahnwurzeln hineingeschraubt. Durch eine seitliche Öffnung durch die Wange des Pferdes wird ein Hebel angesetzt. Auf diesen Hebel wird dann Druck auf die mit der Zahnwurzel verbundenen Schraube ausgelöst. Mit Hammerschlägen wird dann von außen der zuvor gelockerte Zahn bzw. die Zahnwurzel herausbefördert. Was hier so leicht klingt, erfordert eine lange Vorbereitung. Röntgenaufnahmen, endoskopische Untersuchungen und Zahnspülungen sind erforderlich, damit sich Manfred Stoll ein ausreichendes Bild von der Situation machen kann.
Nach und während der Entfernung der Zahnwurzel wird endoskopisch untersucht. Nach der Wundtoilette wird eine Silikonfüllung auf das entstandene Loch angebracht. Diese wird im 14tägigen Rhythmus von der Zahndentistin gewechselt und die Wunde sauber gespült. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt in den geringeren Risiken für das Pferd. Ebenso kann ein Pferd, das mit den Folgen des Eingriffs gut zurecht kommt, am nächsten Tag wieder mit nach Hause genommen und geritten werden. Was nach außen hin sichtbar ist, ist ein kleiner Schnitt in der Wange des Pferdes, der rasch abheilt.
Risiken bleiben
Natürlich birgt auch die minimal invasive Buccotomie Risiken. Die Lokalanästhesie kann zu Verletzungen von Nerven im Kopfbereich führen, die im schlimmsten Fall zur Erblindung führen können. Da die Vollnarkose für Pferde lebensgefährlich werden kann, ist ein minimalinvasiver Eingriff mit Teilnarkose vorzuziehen.
Fütterung nach der OP
Pferde sollten bereits vor der Operation über eine genügende Menge von Magnesium und Vitamin E verfügen, da ein Mangel etwaige Herz-Kreislaufprobleme verschlimmern kann. Die Wundheilung wird durch eine genügende Zinkzufuhr unterstützt. Die Fütterung nach dem Eingriff ist grundsätzlich erstmal hochwertiges Heu. Hartgepresstes Futter oder ganze Getreidekörner sind zu vermeiden. Empfehlenswert ist die Fütterung von Mash, Malzbier zur Stärkung und eingeweichten Grascobs oder Luzernehäcksel.
Vielleicht hat mit diesem neuen Verfahren die Tiermedizin einen großen Schritt getan, der vielen Pferden und Pferdebesitzern Leid ersparen kann und auch ein wenig die Angst vor der jährlichen Zahnuntersuchung nimmt.
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Checkliste Pferdezähne
- Spuckt das Pferd Futterröllchen aus?
- Hat es veränderte Trink- oder Fressgewohnheiten?
- Kaut und mahlt es das Futter langsam?
- Hat es Maulgeruch oder Maulblutungen?
- Finden sich ganze, unverdaute Futterreste im Mist?
- Schlägt das Pferd beim Reiten mit dem Kopf?
- Ist es mager, trotz ausreichender Fütterung und Wurmkuren?
- Ist das Fell stumpf und matt?
- Neigt das Pferd zu Verstopfungskoliken?
- Bemerken Sie Leistungsabfall oder Konditionsverlust?
- Ist das Pferd beim Reiten maulig oder verspannt im Rücken?
Dr. Susanne Weyrauch










