Was bisher harten Pharmadrogen vorbehalten blieb, geht jetzt auch auf natürlichem Weg: wirksame Hilfe für viele „Cushing“-Fälle. Immer mehr Pferdebesitzer werden mit der Diagnose „Equines Cushing-Syndrom“ (ECS) konfrontiert. Was wissen wir heute über diese Krankheit und wie kann man den betroffenen Pferden helfen?
Merkmale des Cushing-Syndroms
Es trifft vor allem ältere Pferde: Der Haarwechsel im Frühling verzögert sich von Jahr zu Jahr, das zunehmend gelockte Fell bleibt auch im Sommer lang. Die Pferde wirken oft matt, sie haben viel Durst, setzen vermehrt Urin ab und kommen leicht ins Schwitzen.

Das Equine Metabolische Syndrom kann
dem Cushing Syndrom vorausgehen.
Die Muskulatur und die gesamte Körpermasse nehmen allmählich ab, während sich an typischen Stellen - etwa am Mähnenkamm - feste Fettpolster bilden. Die Abwehrkraft gegen Infektionen schwindet zunehmend. Der Östrogenzyklus ist gestört, so dass betroffene Stuten oftmals unfruchtbar bleiben. Die Blutzuckertoleranz verschlechtert sich bis hin zum Diabetes mellitus. Das Risiko für eine Hufrehe nimmt enorm zu. Oft findet man bei einem Cushing-Pferd auch nur wenige dieser Symptome. So tritt das langhaarige Sommerfell zumeist erst im fortgeschrittenen Stadium auf.
Ob dann tatsächlich ein ECS vorliegt, kann der Tierarzt mit einem „Dexamethason-Hemmtest“ oder über erhöhte Blutspiegel des adrenocorticotropen Hormons (ACTH) feststellen. Damit wird das Cushing-Syndrom auch recht sicher vom „Equinen Metabolischen Syndrom“(EMS) abgegrenzt, das bei diesen Tests keine Normabweichungen zeigt. Ansonsten haben ECS und EMS viele gemeinsame Symptome (siehe Futterjournal Nr. 12). Das Metabolische Syndrom wird deshalb auch „peripheres Cushing-Syndrom“ genannt. Es wird sogar angenommen, dass sich das EMS in machen Fällen zum Cushing-Syndrom weiterentwickelt.
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Wie entsteht das ECS?
Die Fachwelt ist sich einig, dass das ECS durch eine Funktionsstörung der Hypophyse, also der Hirnanhangsdrüse verursacht wird. Dabei ist beim Pferd speziell das pars intermedia (der Zwischenlappen) der Hypophyse betroffen. Hier wird über ein Vorläuferhormon ACTH gebildet, das in der Nebennierenrinde die Bildung des aktiven Hormons Cortisol anregt.
Die Hormonproduktion des pars intermedia wird normalerweise über den Botenstoff Dopamin fein abgestimmt, so dass nur die wirklich benötigte ACTH-Menge entsteht. Beim Cushing-Syndrom ist aber das Gewebe des Hypophysenzwischenlappens so verändert, dass es für Dopamin nicht mehr genügend empfänglich ist. Dies kann zu einer ungeregelten Produktion des ACTH und letztlich auch des Cortisols führen.
Oftmals ist beim ECS auch die Wirksamkeit des Blutzuckerhormons Insulin herabgesetzt, was zu einer verschlechterten Blutzuckertoleranz führt. Man spricht dann von einer „Insulinresistenz“. Etliche Experten sehen in unkontrollierten Cortisolschüben und/oder der Insulinresistenz die Hauptursache für die Cushing-typische Hufrehe (siehe auch Futterjournal Nr.12 zum EMS).
Ob „Cushing“ beim Pferd ähnlich wie bei Mensch und Hund auf einen gutartigen Hypophysentumor zurückgeht, wird noch kontrovers diskutiert. Vieles spricht dafür, dass die dopaminempfänglichen Nervenkomplexe des pars intermedia zunächst durch „radikale Sauerstoffverbindungen“ geschädigt werden. (Mc Farlane, New Orleans 2003). Das Drüsengewebe würde sich demnach im Sinne einer Ausgleichsreaktion vergrößern, ähnlich wie bei einer Schilddrüsenhypertrophie.
In naturheilkundlichen Kreisen werden auch geopathische Störfelder bzw. Elektrosmog als mögliche Ursachen für das ECS diskutiert.
Ist „Cushing“ heilbar?
Ebenso wie das Metabolische Syndrom kann auch das ECS nicht geheilt werden. Anders als beim EMS ist beim ECS aber eine medikamentöse Symptombehandlung üblich:
Die von Tierärzten bevorzugten „Pergolide“ erreichen in vielen Fällen, dass Dopamin im Hypophysenzwischenlappen wieder besser anspricht. Solange das Medikament gegeben wird, erhält man deshalb eine effektivere Regulation der ACTH- und Cortisolproduktion. Einige Wochen oder Monate nach Therapiebeginn können sich dann Fellwechselstörungen und andere Symptome normalisieren. Das Medikament, das in der Regel lebenslang gegeben werden muss, ist allerdings für Pferde nicht zugelassen. Als mögliche Nebenwirkungen werden Kreislaufstörungen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Kolik genannt.
Gibt es eine natürliche Alternative?
Immer mehr Therapeuten und Pferdebesitzer setzen beim Cushing-Syndrom auf „Mönchspfeffer“ (wiss. Name: Vitex agnus castus). Offenbar kann dieser pflanzliche Samenextrakt auf natürliche Weise die Signalfunktion von Dopamin wieder verbessern.Über verblüffende Erfolge berichtete die anerkannte britische Kräutermedizinerin Hilary Self auf der ENUCO 2007 in Wien: Im Rahmen einer dreimonatigen Studie wurden täglich zehn Milliliter eines Mönchspfefferextrakts an 15 Versuchspferde mit ECS gegeben.
Zehn vergleichbare ECS-Pferde (Kontrollpferde) erhielten nur ein Placebo. Nach Studienende zeigten sich bei mindestens 90 Prozent der betroffenen Versuchspferde eindeutige Verbesserungen im Hinblick auf die Fellbeschaffenheit, Vitalität, Fütterungskondition, übermäßiges Schwitzen, Zyklusstörungen und Laktationsprobleme. Mindestens 75 Prozent hatten deutlich weniger Rehesymptome. Die Kontrollpferde erfuhren nur bezüglich Reheanzeichen und Vitalität in 20 bzw. 25 Prozent der Fälle Verbesserungen.
Aus Langzeitbeobachtungen berichtet Hilary Selb, dass Cushing-Pferde unter ständiger Zufütterung von Mönchspfefferextrakt dauerhaft stabil blieben. Dabei konnte oftmals die Dosis reduziert werden. Vergleichbare Erfolge mit Mönchspfeffer wurden auch während einer Untersuchung in den USA erzielt. Hier wurde „Vitex“ über neun Monate verfüttert (Kellon, 2000 in Horse Journal 7). Nebenwirkungen durch den Extrakt sind bei Pferden bisher nicht bekannt.
Beim Metabolischen Syndrom sind mit Mönchspfeffer oder Pergolid dagegen keine Verbesserungen zu erwarten.

Das zunehmend gelockte Fell bleibt auch den ganzen Sommer
Wie füttert man Pferde mit ECS?
Zur Beherrschung des Cushing-Syndroms ist auch eine gezielte Fütterung notwendig. Im wesentlichen kann ähnlich wie beim EMS gefüttert werden. Besonders zu beachten sind beim ECS neben der Insulinresistenz und Rehegefahr der Muskelverlust, das übermäßige Schwitzen und Harnabsetzen sowie die Fellwechselprobleme.
Der Energie- und Eiweißgehalt der Gesamtfut-terration sollte individuell angepasst werden. Zu wenig oder qualitativ ungeeignetes Eiweiß würde dem Muskelabbau, der Immunschwäche und den Fellwechselproblemen noch Vorschub leisten.
Bei den Energieträgerstoffen sind vor allem faser-, pektin- und fettreiche Komponenten wie Heu, zuckerarme Rübenschnitzel, Ölsaaten und Getreidekeime vorteilhaft. Dagegen sollten die stärkelastigen Getreidekörner und -flocken wegen ihrer Blutzuckerwirksamkeit sparsam verwendet werden. Weidegang ist wegen der hohen Rehegefahr nur eingeschränkt möglich.
Eine besondere Rolle spielen beim ECS die Mineral- und Spurenstoffe, Vitamine, essentiellen Fettsäuren, natürlichen Kräuter und Vitalstoffe. Sie sind notwendig zur Unterstützung des Stoffwechsels, der Abwehrkräfte und der Gewebedurchblutung. Auch ein erhöhter Mineralverlust über Schweiß und Urin muss in der Futterration berücksichtigt werden.
Besonders wichtig ist die Zufütterung von antioxidativ wirksamen Vitaminen und Vitalstoffen, um einem Fortschreiten der Hypophysen- und Huflederhautschädigung entgegenzusteuern. Auch geeignete Kräuter dienen dem Gewebeschutz und können sogar die Blutzuckertoleranz verbessern. Zur sicheren Versorgung mit solchen Funktionsnährstoffen wird ein geeignetes Ergänzungsfutter empfohlen.
Ist eine Prophylaxe möglich?
Dies kann zumindest angestrebt werden. Falls die „Wohlstandskrankheit“ EMS tatsächlich ein späteres Cushing-Syndrom begünstigt, sollte zunächst das EMS vermieden oder begrenzt werden. Dafür wurden im letzten Futterjournal geeignete Fütterungs-, Haltungs- und Bewegungsmaßnahmen aufgezeigt. Ansonsten kann man versuchen, einer Hypophysenschädigung als wahrscheinlicher Hauptursache für das ECS durch Zufütterung vielfältiger Antioxidantien vorzubeugen.
Es gibt Grund zur Hoffnung
Als Fazit der neueren Erkenntnisse zeichnet sich ab, dass mit Mönchspfefferextrakt bei problemgerechter Ernährung für viele Cushing-Pferde eine befriedigende Lebensqualität zu erreichen ist. Wenn die natürlichen Maßnahmen nicht ausreichen, bieten Pergolid-Medikamente eine weitere Option.
Gesunde Pferde können möglicherweise durch eine wohlüberlegte Fütterung und Haltung vor dem Cushing-Syndrom bewahrt werden.
Dr. Eberhard Moll










