Sportpferden richtig Futter geben

Inhalt-TitelthemaLeistung und Erfolg

An das moderne Sportpferd werden heutzutage hohe Anforderungen gestellt. Neben ausgewogenem Exterieur, Charakterstärke und Gesundheit soll das Pferd mit spritzigem Temperament ausgestattet - voll leistungsbereit sein. Gleichzeitig werden Nervenstärke und Konzentrationsfähigkeit gefordert. Der lockere Bewegungsapparat soll großen Ausdaueranforderungen standhalten und eine möglichst schnell regenerationsfähige Muskulatur ist erwünscht.

Lange nach Einführung der Haferfütterung wurde nun wissenschaftlich belegt, dass eine von Getreide dominierte Fütterung nicht immer das Rezept für Erfolg im großen Sport ist.

Ernährungsforschung in den U.S.A.

Titelthema-ReiterbeinDas Kentucky Equine Research Institute (KER) in den Vereinigten Staaten untersucht den Zusammenhang zwischen hoher Leistungsfähigkeit und einer entsprechenden Ernährung. Das in Lexington (Kentucky) ansässige Institut unter der Leitung von Dr. Joe Pagan hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit des Pferdes zu verbessern. Eine Besonderheit ist die sehr praxisnahe Zusammenarbeit mit Pferdezüchtern und Futtermittelherstellern. So können die Erkenntnisse schnell am Pferd umgesetzt werden. Dass der „Blue Grass State“, wie die Gegend um Lexington genannt wird, zu den bekanntesten Vollblutzuchtgebieten mit der größten Anzahl von Vollblutpferden gehört, kommt dem Institut und der damit verbundenen Forschung mit einer hohen Anzahl von Probanden entgegen.

Das Institut verfügt über eine Ausstattung, die ihm ermöglicht, Blut- und Atemluftparameter zu messen, Knochendichtemessungen durchzuführen und Nährstoffbilanzen zu bestimmen. Ein Laufband ermöglicht die Messung der zu erbringenden Leistung.

Zahlreiche Studien des KER führten bereits zu interessanten Ergebnissen für die ernährungsbedingte Fohlentwicklung. Viel erstaunlicher aber waren die sportmedizinischen Erkenntnisse bezüglich der Gewichtung unterschiedlicher Energielieferanten und der Leistungsfähigkeit des Pferdes. Es konnten Ergebnisse erzielt werden, die die Entwicklung einer bedarfsangepassten Fütterung entscheidende Schritte vorangetrieben haben. Denn das Hochleistungspferd hat im Gegensatz zu seinen freizeitlich genutzten Gefährten nicht nur einen höheren Energiebedarf.

Titelthema-Sportpferd

Die energieliefernden Nährstoffe

Die klassische Pferdeernährung basiert vorwiegend auf der Fütterung von Raufutter (Heu und Stroh), sowie Getreide (traditionell Hafer). Mit der Fütterung von Raufutter, Kleien oder Rübenschnitzeln werden dem Pferd energieliefernde Nährstoffe gefüttert, deren Verdauung hauptsächlich im Dickdarm erfolgt. Diese Art der Energieumsetzung ist weitestgehend ohne Einfluss auf den Insulinhaushalt.

Die Fütterung von Getreide hingegen hat andere Ansprüche an den Stoffwechsel. Getreide verfügt über hohe Stärkegehalte (Hafer 45 Prozent, Gerste 60 Prozent, Mais 70 Prozent), die nach der enzymatischen Aufspaltung im Dünndarm als Glucose (Traubenzucker) ins Blut gelangen. Von dort aus kann der nun als Blutzucker bezeichnete Zucker mit Hilfe des Gewebehormons Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird, in den Wirkort, z.B. in die Muskulatur gelangen (das ist beim Menschen übrigens genauso). Ebenso insulinabhängig werden zuckerhaltige Futtermittel wie melassierte Rübenschnitzel, Karotten oder Melasse verstoffwechselt.

Eine weitere Möglichkeit, Energie zu liefern besteht in der Fütterung von Öl oder Ölfrüchten. Ob Lein- oder Maiskeimöl, Sonnenblumenkerne oder Borretschöl: das Pferd verfügt über eine gewisse Verdauungskapazität um Öle, bzw. chemisch gesehen Fette, enzymatisch im Dünndarm zu verdauen. Die energetische Wertigkeit eines Kilo Hafers wird durch 360 Milliliter Pflanzenöl ersetzt. So kann mit einer maßvollen Ölfütterung der Eiweiß- und Stärkegehalt der Gesamtfutterration gesenkt werden, was vor allem die Verdauung entlastet. Gleichzeitig liefern Öle oder auch Getreidekeime Energie für die aerobe, also ausdauernde Muskelarbeit. Die Aufnahme der Fettsäuren erhöht den Blutzucker nicht und erfolgt daher unabhängig vom Insulin. Allerdings sollte eine Beifütterung von Öl langsam und 100 Milliliterweise erfolgen. Eine Gesamtölmenge über 500 Milliliter am Tag sollte erfahrungsgemäß langfristig nicht überschritten werden.

Der Glykämische Index als Leistungsvariable

TitelthemaVerschwitztesFell
Die Fütterung entscheidet über
den Schweißverlust

Die Forschungen von KER basierten auf der Annahme, dass eine stärkereduzierte Fütterung Vorteile für das Leistungspferd bringt. Hinzugezogen wurde der Glykämische Index. Der Glykämische Index gibt in Zahlen die blutzuckersteigernde Wirkung eines kohlenhydrathaltigen Futtermittels an. Die blutzuckersteigernde Wirkung von Hafer dient als Referenzwert (100). Steigt der Blutzuckerspiegel nach der Aufnahme eines Futtermittels nur gering an, ist es als niederglykämisch zu beurteilen. Futter mit einem hohen Stärke- bzw. Zuckeranteil gelten als hochglykämisch. Futter mit einem hohen Fett, bzw. Faseranteil gelten als niederglykämisch.

Forschung am Pferd

Es wurde vermutet, dass mit der Fütterung niederglykämischer (stärkearmer) Futtermittel eine höhere Leistung erzielt werden kann, als mit einer vorwiegend stärkereichen Fütterung. Die Fütterungsversuche mit anschließendem Training auf dem Laufband mit Atemmaske bestätigten diese Annahme.

Der teilweise Ersatz von Stärke durch faserreiche Futtermittel mit leicht fermentierbaren Kohlenhydraten (Kleien und Rübenfasern) und durch Fette (zum Beispiel Sonnenblumenöl) führte zu einer Verringerung der Wärmebildung und Kohlendioxidproduktion. Für das Pferd bedeutet dies größere Atemreserven und eine Schonung der Energiereserven. Die Kohlendioxidausatmung gilt auch als Indikator für die Übersäuerung des Körpers.

Weitere Untersuchungen zeigten, dass sich eine niederglykämische Fütterung positiv auf Ausdauer und Spurtreserven auswirkt, da es zu einem geringeren Anstieg von Milchsäure (Laktat) im beanspruchten Muskel kommt. Wird Stärke in Abwesenheit von Sauerstoff, also unter anaeroben Stoffwechselbedingungen, zu Milchsäure abgebaut, kann diese in Muskelzellen Krämpfe und Verspannungen verursachen. Ebenso wurde festgestellt, dass die Glykogenreserven im Muskel (tierische Stärkereserven) geschont werden.

Eine der interessantesten Tatsachen war die Verringerung des Anstiegs des Stresshormons Cortisol im Blut des Leistungspferdes durch die niederglykämische Fütterung. Weniger Stress bedeutet für das Pferd mehr Gelassenheit und eine Schonung des Herzens. Für Turnierpferde ist die Herzüberlastung langfristig ein K.-o.-Kriterium.

Wenig Stärke für eine gute Verdauung

Auch das Verdauungssystem des Pferdes profitiert von einer stärkereduzierten Fütterung. Gerade das Sportpferd mit seinem hohen Energiebedarf läuft Gefahr, die hohen Stärkemengen herkömmlicher Futtermittel oder aus Getreide, nicht vollständig verdauen zu können. Selbst bei optimalem Aufschluss eines Futtermittels hat das Pferd nur begrenzte Möglichkeiten sehr hohe Stärkeanflutungen zu verdauen. Der enzymatische Aufschluss im Dünndarm ist überlastet, so dass unverdaute Stärkeanteile in den Dickdarmbereich gelangen. Es kann zu gefährlichen Fehlgährungen mit Koliken kommen.

Titelthema-Lexington
In Lexington wird zum Thema Pferdeernährung geforscht

Das Multitalent Faser

Der Ersatz von Stärke durch leichtfermentierbare Fasern kommt zudem dem Faserfresser Pferd entgegen. Nicht nur, dass das Pferd durchaus in der Lage ist, mithilfe der Dickdarmflora aus Fasern kurzkettige Fettsäuren zur Einschleusung in den Energiestoffwechsel zu bilden und damit Energie zu gewinnen. Wird die Faser in Form einer Häckselbeimischung mit dem Kraftfutter gegeben, wirkt sich das auch positiv auf die Fress-geschwindigkeit und damit die Magenfüllung aus. Das Futter wird sorgfältiger gekaut und eingespeichelt und sorgt damit für eine optimale Verdauung. Die Faser kann aber noch mehr: Durch die enorme Wasserbindungskapazität (ein Kilogramm Heu bindet circa zweieinhalb Kilogramm Wasser) bildet die Faser-Wasser-Füllung des Dickdarms ein Wasser- und Elektrolytreservoir, auf das das sportlich eingesetzte Pferd in Belastungssituationen zurückgreifen kann und so Austrocknung und Elektrolytverlusten entgegen wirkt. Die mechanische Funktion der Faser ist nicht außer Acht zu lassen: so stabilisiert faserreiches Futter die Darmwindungen und hemmt so die Gefahr der Entstehung von Koliken.

Öl ist nicht gleich Öl

Der Ersatz von Stärke durch Öle bringt weit mehr als nur hochkalorische Energie. Fette, die zum Beispiel die auch aus der Humanernährung bekannten Omega-3-Fettsäuren enthalten, hemmen die Blutgerinnung und erhöhen die Verformbarkeit der roten Blutkörperchen. Dies zeigt sich in einer Verbesserung der Blutfließeigenschaften bzw. Durchblutung der kleinsten Gefäße in den Geweben. Sie sind außerdem ein unentbehrlicher Bestandteil bei der Bildung von neuen Zellen und spielen eine wichtige Rolle im Ablauf von Entzündungen und allergischen Reaktionen durch die Bildung von hormonähnlichen Molekülen mit entzündungshemmender Wirkung, den sogenannten Prostaglandinen. Besonders reich an diesen Omega-3-Fettsäuren ist zum Beispiel Leinöl. Um einen Einfluss auf das empfindliche Gleichgewicht der Dickdarmflora auszuschließen, sollte der maximale Fettanteil der Gesamtkrippenfutterration zehn Prozent aber nicht überschreiten.

Öle brauchen Begleitung

Es genügt auch nicht, die normale Hafer-Heu-Ration durch die Fütterung von Ölen aufzuwerten, da diese zu einem erhöhten Verschleiß von Vitamin E, Vitamin C und Glutathion - einer Aminosäureverbindung aus Glutaminsäure, Cystein und Glycin - führen. Weiterhin benötigt ein erhöhter Fettstoffwechsel höhere Mengen an Selen, ß-Carotin und Cholin, einem Wirkstoff mit vitaminähnlichem Charakter. Bei der Produktion von Sportpferdeergänzungsfutter ist dies ausdrücklich zu berücksichtigen.

Mehr Eiweiß aber in Maßen

Pferde im Leistungssport benötigen mehr Eiweiß in der Ernährung als Pferde im Erhaltungsbedarf. Der Grund für einen steigenden Eiweißbedarf arbeitender Pferde ist vielschichtig: natürlich nimmt das Muskelwachstum mit Aufnahme des Trainings zu und erfordert damit eine erhöhte Aminosäurezufuhr. Daneben wird bei höherem Energiebedarf mehr Futter aufgenommen, wodurch der Umsatz des Eiweiß in der Darmwand und damit die Verluste steigen. Um vermehrungsfähig zu bleiben, benötigen außerdem die Dickdarmbakterien ein bestimmtes Energie-/Eiweißverhältnis. Nicht zuletzt werden bei schwerer Arbeit im Energiestoffwechsel Aminosäuren umgesetzt und gehen zudem über den Schweiß in Form von Harnstoff verloren. Um einem gestiegenen Bedarf gerecht zu werden, steht aber nun nicht der Eiweißgehalt eines Futtermittels im Vordergrund. Vielmehr kommt es auf ein hochwertiges Aminosäuremuster an. Das bedeutet, dass vor allem jede einzelne Aminosäure ihrem Bedarf entsprechend im Futtermittel enthalten sein sollte, um eine Überversorgung und damit unnötige Belastung zu vermeiden.

Langfristige Überversorgungen mit Eiweiß belasten vor allem die Nieren. Wird die Leber dauerhaft mit Eiweiß überlastet, arbeitet sie permanent im Grenzbereich ihrer Leistungsfähigkeit. Kommt es dann zu einer weiteren Inanspruchnahme des Stoffwechsels z.B. durch gesteigerte Arbeit mit erhöhter Milchsäurebildung, ist eine effektive Entgiftung des Organismus oder eine zusätzliche Energiebereitstellung nicht mehr möglich. Eine Eiweißüberversorgung schränkt damit die Leistungsfähigkeit des Pferdes ein.

Elektrolytverluste

Zu den Elektrolyten zählen hauptsächlich Natrium, Chlor und Kalium. Der Wasserbedarf kann bei einem Höchstleistungspferd auf bis zu 15 Liter in einer Vielseitigkeitsprüfung ansteigen. Der Verlust von vor allem Natriumchlorid über den Schweiß kann daher beim Sportpferd stark ansteigen (auf bis zu 200 Gramm) und erfordert eine Ergänzung neben dem Salzleckstein. Der Kaliumverlust stellt höchstens im Renn- oder Vielseitigkeitssport ein Problem dar, wenn zu wenig Heu gefüttert wird oder ein melassehaltiges Futter fehlt. Das Sportpferd benötigt für Höchstleistungen aber noch weitere wichtige Mineralstoffe und Spurenelemente.

Vitamine für den Sport

Bei sportlicher Belastung ist die antioxidative Wirkung von Vitamin E von großer Bedeutung. Vitamin E stört die Synthese von Peroxiden und schützt die Zellmembranen vor dem Angriff von freien Radikalen. So schützt es die Muskelzellen und trägt zur Erhaltung des Muskeltonus durch eine verbesserte Sauerstoffzufuhr bei. Der Bedarf von Pferden im Leistungssport ist um ein Vielfaches höher als in einer normalen Heu-Hafer-Ration enthalten ist. Werden zum Ausgleich des Stärkegehaltes in der Ration Fette supplementiert, steigt der Vitamin E Bedarf ebenfalls, da hier bei der Verstoffwechselung Antioxidantien benötigt werden, um gebildete freie Radikale abzufangen. Studien haben gezeigt, dass die Effizienz des natürlichen Vitamin E doppelt so hoch ist, wie die eines synthetisch hergestellten. Es lohnt sich also, hier nicht nur den Vitamin-E-Gehalt eines Futtermittels unter die Lupe zu nehmen. Die gleichzeitige Anwesenheit von Vitamin C fördert die Regeneration von Vitamin E. Daher ist eine Kombination beider Vitamine beim Sportpferd immer sinnvoll.

Der beim Leistungspferd hoch beanspruchte Muskelstoffwechsel profitiert auch von den oben genannten Antioxidantien wie Vitamin E, ß-Carotin, Vitamin C und Selen. Magnesium und Mangan unterstützen den Laktatabbau (Milchsäureabbau) und sind damit wesentliche Faktoren für eine lockere Muskulatur. Auch hier kann der Bedarf ganz deutlich ansteigen.

Fehlender Appetit

Titelthema-Turnierfoto
Eine gezielte Fütterung gehört zu den
Voraussetzungen für sportlichen Erfolg

Was aber tun, wenn das gute Sportpferd seinem Besitzer das Leben schwer macht, weil es sich der gut gemeinten Ernährung verweigert? Der Stress zehrt an seinen Nerven und schlägt buchstäblich auf den Magen. Hier ist Einfühlvermögen gefragt. Der Klassiker in diesem Fall ist das Mash, am besten gemischt mit einem Malzgetränk. So finden Pferde wieder zu Appetit. Oft kann eine solche Abendmahlzeit nach einem anstrengenden Turniertag energetisch genügen und die Kraftfutterration des Abends ersetzen. Über Nacht kann das Pferd zur Ruhe kommen und ausreichend Heu aufnehmen. Gute Chancen hat man dann auch für das morgendliche Frühstück, wenn auch hier ein Schuss Malzgetränk den Appetit anregt.

Gesamtfuttermenge

Die beim Sportpferd eingesetzte Gesamtfuttermenge ist klassischerweise abhängig von der zu erbringenden Leistung, der Futterverwertung des Pferdes und der Verdaulichkeit der Ration. Allerdings variiert der Bedarf an Kraftfutter beim Hochleistungspferd von Zusammensetzung zu Zusammensetzung. Die Empfehlungen des KER deuten auf Kraftfuttermengen von allerhöchstens 6 Kilogramm pro Tag hin, die sogar eher unterschritten werden. Vorausgesetzt wird eine Raufutterversorgung von 1,2 Kilogramm Heu pro 100 Kilogramm Körpergewicht und Tag. Viele herkömmliche Futterempfehlungen überschreiten diese Krippenfuttermenge. Die Belastung für den Verdauungsapparat des Pferdes ist dabei aber nicht unerheblich und auf Dauer zu überdenken.

Die Futtermenge sinkt mit der Nährstoffvielfalt und dem Aufschlussverfahren des Futters. Erfahrungsgemäß kann ein hoch aufgeschlossenes, dabei aber in seiner Zusammensetzung vielfältiges Futter den Krippenfutterbedarf senken. Das ist schwierig für den nachzuvollziehen, der nur in Energieeinheiten denkt, aber gut, für den, der es zu verdauen hat und dabei Sport treibt.

Titelthema-Training

Sarai Fauerbach / Dr. Susanne Weyrauch