Boxenruhe

Inhalt-PraxisWie man an Stehtagen richtig füttert

Frust und Verzweiflung erfassen den Pferdehalter, wenn der Tierarzt die Anweisung „Ihr Pferd hat für lange Zeit Boxenruhe“ gibt. Vorausgegangen sind Verletzungen, Sehnenschäden, Knochenbrüche oder Operationen als Ursache für den Verbleib des Pferdes in seiner Box. Ab jetzt kann das Lauftier Pferd nicht mehr bewegt werden. Das erfordert viel Geduld. Vom Reiter wie vom Pferd.

Ab dem Zeitpunkt, vom dem aus ein Pferd die Box nicht mehr verlassen darf, muss die Fütterung umgestellt werden.

Getreide – ein Tabu

Boxenruhe02Wer sich nicht bewegen darf, hat einen sehr geringen Energiebedarf. Während der erzwungenen Stallruhe gilt als Energiebedarf höchstens der Erhaltungsbedarf. Der Erhaltungsbedarf setzt sich aus Minimalbedarf und Energiebedarf für die Futteraufnahme, Wärmeregulation, Verdauungstätigkeit und Muskelarbeit zusammen.

Leider gibt es immer wieder Pferdehalter, die aus Angst vor dem Masseverlust des Pferdes weiter Kraftfutter füttern. Man sollte den Tatsachen in die Augen schauen: das Pferd wird nach spätestens 2 Monaten seine Muskeln umgebaut bzw. den größten Teil abgebaut haben. Muskeln sind das Resultat aus Bewegung und die entfällt nun mal jetzt. Muskelversprechen ohne Bewegung sind Phantasien.

Der Erhaltungsbedarf liegt bei einem 600 Kilogramm schweren Warmblutpferd um die 70 MegaJoule. Bei einer Fütterung von acht Kilogramm Heu und drei Kilogramm Stroh ist der Erhaltungsbedarf rein energetisch gedeckt.

Bei einem Energieüberschuss würde das Pferd nicht nur verfetten, sondern würde unruhig und nervös, sowie später schlecht zu handhaben sein. Luftsprünge in der Box tun niemandem gut, am wenigsten dem Patienten. Daher ist eine Fütterung ohne Kraftfutter, weistestgehend ohne Getreide, angesagt.

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Knochenentkalzifizierung

Während der Stehphase des Pferdes kommt es durch eine zu geringe Belastung des Bewegungsapparates unweigerlich zur Entkalzifizierung der Knochen. Knochen sind Gewebe mit besonders hoher Stoffwechselrate und enormer Durchblutung.

Die regelmäßige muskuläre Belastung ist für Erhalt und Aufbau des Knochengewebes von größter Bedeutung. Knochen werden laufend auf und wieder abgebaut. Verantwortlich dafür sind spezielle Knochenzellen, die Osteoklasten und die Osteoblasten.

Die Aktivität der Knochenzellen und damit die Entscheidung über eine positive oder negative Knochenbilanz wird in erster Linie durch die Belastung des Knochens über den Einfluss der Muskulatur gefällt. Hierdurch wird entscheidend die Aktivität der Hormone reguliert, die den Knochenstoffwechsel steuern. Damit kann die Muskulatur als das bedeutendste Organ für die Mineralisation des Knochens gesehen werden (Dr. Franz-Josef Linnenbaum, Facharzt für Orthopädie, Bielefeld).

Eine Unterbelastung der Muskulatur führt zu einer raschen Reaktion des Knochens. Es folgt ein rasanter Verlust an Calcium im Skelett, der sich allerdings bei Wiederbelastung der Muskulatur rasch ausgleicht. Dieser Entkalzifizierung durch Bewegungsarmut kann mit Calciumgaben nicht entgegengewirkt werden. Abgesehen davon ist der Calciumbedarf von circa 30 Gramm beim 600 Kilogramm schweren Pferd mit oben genannter Raufutterfütterung (etwa 5Gramm Calcium pro Kilogramm Heu/Stroh) ausreichend gedeckt. Sobald das Pferd wieder bewegt wird und – was nicht unwichtig ist - die übrigen Nährstoffbedarfe gedeckt sind, steht einer Kalzifizierung der Knochen in der Phase des Trainingsbeginns nichts im Wege.

Die chemischen Elemente Fluorid und Strontium stimulieren angeblich die Osteoblasten, die den Knochen aufbauen. Umgekehrt soll Strontium den Knochenabbau hemmen, indem es die Tätigkeit der Osteoklasten, also der knochenabbauenden Zellen bremst. Dies fällt aber nicht in den Bereich der Ernährung sondern in den medizinischen Bereich.

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Mineralienverluste

Nur wenige Pferdebesitzer haben je darüber nachgedacht, dass ihr stehendes Pferd, das ja nun auch nur mit einer geringeren Futtermenge gefüttert wird, unter einer Unterversorgung mit wichtigen Mineralien leiden könnte. Und das insbesondere in einer Zeit, in der das Pferd eigentlich gesund werden, heilen sollte. Bei allem Respekt vor der Medizin, der Körper muss in der Lage sein, die Reparaturmechnanismen selbst vorzunehmen und das geht nur unter genügender Anwesenheit bestimmter Mineralien. Dabei spielt die Zusammensetzung des Mineralfutters eine große Rolle. Calciumreiche Mineralfutter, die zum Ausgleich hoher Getreidemengen oder für Zucht und Laktation gefüttert werden, sind unangebracht. Da der Calciumbedarf weitestgehend durch Raufutter gedeckt ist kann ein Überangebot zur Verdrängung wichtiger Spurenelemente wie Zink, Mangan oder Kupfer führen. Letztere beide sind für die Regeneration des Bindegewebes (z.B. Sehnengewebe) und des Knochens unentbehrlich.

Energiearm, aber hochwertig

Die alleinige Fütterung mit Heu und Stroh kann zu Defiziten im Bereich essentieller Fettsäuren führen. In hochwertigen Ölsaaten befinden sich reichlich Omega-3-Fettsäuren zur Bildung entzündungshemmender Prostaglandine. Diese sind gerade in der Zeit der Rekonvaleszenz von wichtiger Bedeutung. Das in den Grassamen vorkommende Öl wäre sicher ausreichend, wäre solches Heu heute noch erhältlich. Da wir allerdings von gewöhnlicher Heuqualität ausgehen müssen, ist eine Beifütterung von etwa 100 Milliliter Leinöl oder Ölsaaten sinnvoll.

Verdauung

Die Verdauung des Pferdes wird durch Bewegung stimuliert. Das plötzliche Stehenlassen und die gleichzeitige Verfütterung von Getreide kann die Kolikanfälligkeit erhöhen. Sensible Pferde sollten täglich oder zweitägig Mash erhalten, das mit Weizenkleie und Leinsamen die Verdauung befördert.

Ganz anders kommen die Andalusier, die Hausrasse Spaniens, damit zu recht. Die stehen munter und gut proportioniert in ihren strohfreien Ställen und fressen eine Handvoll Luzerne, als wäre es das Normalste der Welt. Die Leichtfuttrigkeit der Andalusier wird auch gerne zur zur Schaustellung missbraucht. Man liebt deren gewaltige Hälse und den massigen Körper, der sich mit Getreide schnell hinfüttern lässt, ohne, dass nur irgendjemand auf dem Pferd geritten ist.

Frischfutter

Neben Heu und Stroh sollte in der Stehphase wenn möglich auch Frischfutter (zum Beispiel eine Schubkarre frisch gemähtes Gras über 30 Zentimeter Länge) oder täglich 1 bis 2 Kilogramm Karotten gefüttert werden. Wer wirklich Bedenken hat, das Pferd könnte zu mager werden oder sollte der anderen Pferde wegen nicht ganz ohne Krippenration dastehen kann die Ration mit 1 bis 2 Kilogramm Luzerne oder Grascobs gestalten. Künstlich getrocknete Grasprodukte gelten als entsäuernd (im Vergleich zu Getreide) und liefern Energie, die nicht zu Kopf steigt.

Kräuter nicht vergessen

Boxenruhe04Die Ration mit ordentlich Kräutern anzureichern, ist kein Fehler. Kräuter unterstützen den Körper, die Verdauung, den Stoffwechsel, die Leber- und Nierenfunktion oder die Atemwege anzuregen. Damit kann auch die Heilung unterstützt werden. Kräuter liefern ebenso hochwertige Sekundäre Pflanzenstoffe und Antioxidantien. Sie sind in der Lage Entzündungen abzubauen. Wertvolle Mineralien und Spurenelemente werden aus Kräutern besonders gut aufgenommen. Die hochwertige Mineralisierung ist eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau gesunden neuen Gewebes. Den Mineralien der Kräuter wird nachgesagt, den Körper von Schlacken und Säuren zu befreien (Katharina Vanselow-Leisen, L. Feist, „Die Leisenkur“) und damit den Körper zu regenerieren.

Zink für die Wundheilung

Pferde, die eine arge Verletzung hatten oder nach Operationen gefüttert werden sollen, sollten ausreichend Zink für das Immunsystem und die Wundheilung erhalten. Begründet wird das mit dem hohen Gehalt an Zink im Wundwasser und der Bedeutung von Zink für die Zellregeneration.

Spezielle Fütterung bei Knochenbrüchen

Es gehört zu den guten Nachrichten, dass Knochenbrüche heutzutage nicht mehr die Tragödie darstellen, wie vor 30 Jahren. Was damals der Schlussstrich im Leben eines Pferdes war, wird heute dank großer Fortschritte der Medizin und ihrer Operationstechniken oft „nur“ zu einer langen Stehzeit. Eine weitere positive Meldung ist, dass die Heilung von Knochenschäden erfahrungsgemäß durch die Ernährung beeinflussbar ist. Wenn nun aber ein Pferd aufgrund eines Hufbeinbruchs zum Stehen verurteilt ist, wirft sich die Frage auf, wie der Knochen heilen soll, wenn doch dem Calciumeinbau die mangelnde Bewegung entgegensteht. Dazu ist prinzipiell anzumerken, dass Knochen nicht alleine aus Calcium bestehen. Phosphor, Magnesium, Kupfer und Mangan sind von wichtiger Bedeutung, vielleicht in Anbetracht der wirklich ausreichenden Calciummengen von noch größerer Bedeutung als man zunächst glauben will. Pferde mit einem Knochenbruch sollten hochspeziell mineralisiert werden. Dabei ist auf eine wirklich gute Zulage von Kupfer und Mangan zu achten. Allerdings dürfen die Relationen zu Zink und den anderen Spurenelementen nicht außer Acht gelassen werden. Der Bedarf an Magnesium kann zunächst durch Heu gedeckt werden. Man hat aber festgestellt, dass viele Pferde bereits mit einem Magnesiummangel in den Zustand des Patienten geraten.

Wichtig für den Knochen ist auch das Spurenelement Bor. Der bislang nur als pflanzenrelevant betrachtete Nährstoff ist vor allem in Traubenschalen und Taubenkernextrakten enthalten. Der Bedarf an Vitamin K wird beim Pferd durch frisches Grün gedeckt, der Bedarf an Vitamin B6, das auch eine große Bedeutung beim Knochenaufbau hat, durch eine gesunde Darmflora des Pferdes.Homöopathisch empfiehlt sich die Gabe der Calciumsalze und Silicea. Dabei gibt es hervorragende homöopathische Fertigpräparate aus der Apotheke, die ihr Können in diesen Fällen bereits mehrfach unter Beweis gestellt haben.

Sehnenschäden

Boxenruhe05Der allgemeinen Ansicht, man müsse ein Pferd wegen eines Sehnenschadens nur stehen lassen, stimmt schon lange nicht mehr. Renommierte Tierärzte wissen mittlerweile die Entzündung zu lindern und die Heilung zu unterstützen. Der moderne dänische Tierarzt Jens Quest empfiehlt, Pferde mit Sehnenproblemen auch vom Physiotherapeuten untersuchen zu lassen, um Fehlstellungen auszuschließen, die sonst immer wieder das Problem auslösen könnten. Auch der Laie kann selbst einiges leisten. Wasseranwendungen, feuchtwarme Wickel mit einer kolloidalen Kräuterlösung oder homöopathischen Salben unterstützen den Entzündungsverlauf und transportieren Schlacken ab. Insbesondere sollte der Fütterung eine besondere Beachtung geschenkt werden.

Ute Leuchtenberg, Physiotherapeutin für Menschen und Pferdeosteopathin aus Dannstadt, bestätigt: „Pferde haben längere Sehnen als Menschen. Das ist einer der Gründe, warum Pferde sich gut und schnell fortbewegen können. Sehnen sorgen für eine bessere Kraftübertragung. Muskeln enden immer in einer Sehne. Die Sehne befestigt den Muskel am Knochen. Dabei wird das Gewebe vom Muskel ausgehend zum Knochen über die Sehnen immer fester, um somit einen Übergang vom weichen zum festen Gewebe zu finden. Wenn der Muskel jedoch bereits im Ruhezustand verspannt ist, übt er Zug auf die Sehne aus und der Heilvorgang wird verhindert.“

Für die Fütterung bedeutet dies eine ausreichende Beifütterung von Magnesium, Vitamin E, Selen und vor allem Mangan, um für eine lockere Muskulatur zu sorgen. Der Extrakt aus der Grünlippigen Neuseelandmuschel, spezielle Meeresalgen und viele Kräuter wie Schachtelhalm oder Birke haben sich bei Sehnenproblemen seit mittlerweile Jahrzehnten bewährt.

Fazit

Die Ernährung von Pferden, die stehen müssen, sollte reich an nichtenergieliefernden Nährstoffen, die Heilungsprozess und Regeneration befördern, aber arm an energieliefernden Nährstoffen, vor allem kohlenhydrathaltigen, wie Getreide sein. Sollte der schlimmste Fall eintreten und ein Pferd zum Stehen verurteilt sein, dann sollte man sich in dieser Zeit Gedanken um die Ernährung machen, um vor allem nach der Regeneration ohne negative Folgen gut durchstarten zu können.

Dr. Susanne Weyrauch