Mystischer Schmarotzer

Inhalt-KraeuterDie Mistel

Die immergrüne Mistel gilt seit alters her als symbolträchtige Kult- und Zauberpflanze. Den Helden der griechischen Mythologie verlieh sie die Kraft, die Pforten des Hades zu öffnen und den Totenfluss Styx zu überwinden.

Zauberpflanze des Miraculix

Aus den amüsanten Asterix & Obelix – Geschichten wissen wir, dass die in alten Baumkronen schmarotzende, kugelige Büschel bildende Pflanze ihren gallischen Landsleuten als Hauptzutat eines Zaubertranks übermenschliche Kräfte verlieh. Um sie mit einer eigens für diesen Zweck hergestellten goldenen Sichel zu ernten, kletterte Miraculix, der heilkundige Druide eines kleinen bretonischen Widerstandsdorfes, weißgekleidet am sechsten Tag nach dem ersten Vollmond auf alte Eichen und kochte den Trank anschließend nach einem streng geheimen Rezept und Ritual in einem großen Kupferkessel. Er verlieh den Galliern schier übermenschliche Kräfte - zum Schrecken aller römischen Invasoren.

Hexenkraut

Mistel01 Synonyme für die Mistel wie Drudenfuß, Hexenbesen, Hexenkraut und Donnerbesen zeugen von den ihr nachgesagten Eigenschaften. Den Kelten galt die Mistel als heilig, Heilmittel gegen jegliche Krankheit, gegen alles Gift, als Symbol des Friedens und als Schutz gegen böse Geister. Unter aufgehängten Mistelzweigen versöhnten sich Feinde und gaben sich den Friedenskuss. Beide Bräuche haben sich in manchen Teilen Europas bis heute gehalten. So zum Beispiel in Großbritannien und Skandinavien, wo man zur Weihnachtszeit bis heute Mistelbüsche über der Türschwelle aufhängt. Darunter durften sich Liebende bereits vor der Ehe ungestraft küssen.

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Misteln werden oft in der Nähe von Industrie oder Hochspannungsleitungen gesehen

Heilmittel seit der Antike

Mistel05Als Heilmittel wurde das Mistelkraut bereits in der Antike von Hippokrates und Plinius dem Älteren gegen „Milzsucht“, Epilepsie und Schwindel eingesetzt. Im Mittelalter war sie zum Beispiel als Leberheilmittel und im 19. Jahrhundert in Form von Tees, Kaltextrakten oder Presssäften als Blutdruck senkende Arznei bekannt. Mit dem Schleim der weißen, von Vögeln begehrten Mistelbeeren, aus dem die Römer einst Leim herstellten (daher der botanische Artname Viscum = Vogelleim) wurden entzündete Gelenke behandelt. Die im Jahr 2003 zur Heilpflanze des Jahres gekürte Mistel (Viscum album) wird bis heute zur Unterstützung des Blutdrucks, bei geschwächtem Herzmuskel und in der Homöopathie eingesetzt.

Umstrittene Bedeutung

Die größte, in Fachkreisen bislang jedoch noch umstrittene medizinische Bedeutung kommt der Mistel seit etwa 90 Jahren vor allem als immunstimulierendes Arzneimittel in der Krebsbegleittherapie bei Menschen und inzwischen auch bei Tieren zu. Sie kann jedoch eine Operation, Chemo- oder Strahlentherapie nicht ersetzen.

Bereits zu Beginn der wissenschaftlichen Mistelforschung Anfang des 20. Jahrhunderts, die maßgeblich auf den berühmten Anthroposophen Rudolf Steiner zurückgeht, wurde festgestellt, dass frisch gepresster Mistelbrei die Zellvermehrung beeinflusst.

Stärkung des Immunsystems

Mistel06Inzwischen haben Pharmakologen nachgewiesen, dass bestimmte Eiweißverbindungen (Lektine) und andere Inhaltsstoffe der Mistel (u.a. so genannte Viscotoxine) bereits in geringsten Konzentrationen eine aktivierende Wirkung auf das Immunsystem besitzen. Die Verabreichung von Mistelpräparaten steigert zudem die Zahl und Aktivität von so genannten Killerzellen, die für die körpereigene Krebsabwehr zuständig sind. Im Jahr 2002 konnte in einer Studie am Mensch mit 272 Brustkrebs-Patientinnen im Vergleich mit einer Placebo-Gruppe, die lediglich „Scheinpräparate“ erhielt, gezeigt werden, dass eine Mistel-Therapie die Nebenwirkungen einer Chemotherapie mildern und sich positiv auf das Allgemeinbefinden auswirken kann. Zum Beispiel werden so genannte Endorphine = Glückshormone freigesetzt, die sich positiv auf die Stimmung auswirken und so das Schmerzempfinden dämpfen können.

Stärkung des Immunsystems

Bei den Mistel-behandelten Patientinnen ließen vor allem Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen nach und das Immunsystem wurde aktiviert, so dass sie sich insgesamt deutlich besser fühlten, als die Vergleichs-Gruppe. Weitere Studien zeigen ebenfalls, dass die meisten Patienten die Therapie gut vertragen und ihr Allgemeinbefinden sowie die seelische Verfassung sich deutlich verbessern und sie an Körpergewicht zunehmen. Anfangs kann eine leicht erhöhte Körpertemperatur von 0,5 bis 1 ° Celsius, Hautrötungen sowie ein leichtes Anschwellen der nahen Lymphknoten auftreten, die darauf hinweisen, dass die Behandlung anschlägt.

Nebenwirkungen nicht auszuschließen

Mistel04Die Therapie erfolgt als Infusion und muss unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, da es zwar selten, aber eben doch zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, allergischen bis gefährlichen Reaktionen wie Schüttelforst und hohem Fieber bis hin zu einem Schock (in weniger als einem Fall von 10 000 Anwendungen) kurz nach der Injektion kommen kann. Die Präparate spritzt der Arzt oder – bei nachgewiesener Verträglichkeit - der Patient selbst mit einer ganz dünnen Nadel praktisch schmerzfrei, zweimal wöchentlich unter die Haut und zwar mindestens drei Monate lang. Vereinzelt appliziert der Arzt das Präparat auch direkt in Tumornähe oder intravenös, was eine intensivere Reaktion hervorruft. Zur Vermeidung einer Tumorneubildung kann die Therapie prophylaktisch mehrere Jahre lang erfolgen. Tabletten, Tropfen oder Misteltee helfen nicht gegen Krebs, die wirksamen Inhaltsstoffe werden im Magen zerstört.

Zukunft im Veterinärbereich?

Aufgrund der positiven Erfahrungen in der Humanmedizin wird die Misteltherapie als Infusion von einigen Tierarztpraxen inzwischen auch für Hunde, Katzen und Pferde angeboten. Ziel ist es, das körpereigene Abwehrsystem so zu stärken, dass es wieder in der Lage ist, neu entstandene Tumorzellen zu vernichten. Die biologische Methode ergänzt die operative Behandlung der Tumore und kann in bestimmten Fällen, z. B. bei Melanomen des Pferdes auch präoperativ eingesetzt werden.

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Dr. Christina Paulson