Interview mit Jessica Kuerten
Schon von Kindesbeinen an liebt sie die Pferde. Jessica Kuerten, eine der besten 10 SpringreiterInnen der Welt, lebt und arbeitet hart für ihren Lebenstraum. Den ganzen Tag im Sattel sitzen ist anstrengend, aber genau das, was sie möchte und was ihr Spaß macht. Wenn Jessica Kuerten von den Pferden spricht, spürt man die große Liebe zu den Tieren und den Respekt, den sie ihnen entgegen bringt.
Auch auf dem Anwesen der Familie Kuerten, in der Nähe des rheinländischen Ortes Hünxe gelegen, herrscht eine arbeitsreiche aber entspannte Stimmung. Inmitten von weitläufigen Wiesen und Weiden gelegen, gibt es hier alles, was ein hochklassiges Sportpferd zur Entspannung braucht. Riesige Boxen mit Blick nach draußen, fürsorgliche Pferdepfleger, große Weiden, auf denen man, oder besser Pferd, sich von anstrengenden Turnierwochenenden erholen kann, mehrere Solarien, ein automatisch gesteuertes Laufband, eine Führanlage und eine neu angelegte Rennbahn, auf der man sich mal so richtig austoben kann. Bei unserer Ankunft herrscht geschäftiges Treiben auf dem großzügig angelegten Außenreitplatz. Mehrere Reitschüler auf ihren erstklassigen Pferden bekommen Anweisungen und vor allem viel Lob von der energischen, gutaussehenden Jessica Kuerten, die immer wieder die Trainingssprünge umstellt und sorgfältig die Entfernungen abmisst.
Eigentlich hat sie nicht viel Zeit, aber für uns macht die vielbeschäftigte Springreiterin eine Ausnahme, zeigt uns all ihre Schützlinge und lädt uns zu einem Kaffee auf die Terrasse mit Blick über die Weiden ein. Bis auf die etwas müde wirkenden Rückkehrer der letzten Nacht aus Rom, machen alle Pferde einen sehr relaxten und zufriedenen Eindruck, schauen sich neugierig die fremden Stallbesucher an und kommen zum Schmusen zu ihrer Chefin. Ehrfürchtig streichele ich all die Pferde, die die meisten Menschen nur zu Hause auf ihrem Bildschirm bewundern dürfen, wenn wieder mal ein internationales Turnier übertragen wird. Der sehr erfolgreiche Galopin du Biolay bleibt sogar in seiner Box liegen und lässt sich von mir kraulen. Bei all dem Training und dem Turnierstress merkt man den Pferden an, dass alles dafür getan wird, damit sie ausgeglichen und entspannt sind.
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Jessica Kuerten ist im großen Sport zu Hause
FutterJournal:
Sie können auf eine langjährige Turniererfahrung zurückblicken. Wie hat eine so erfolgreiche Springreiterin wie Jessica Kuerten einmal angefangen?
Jessica Kuerten:
Auf unserer Farm in Irland gab es viele Pferde und Ponys, da war es ganz natürlich, dass wir Kinder früh mit dem Reiten anfingen. Ich habe mit unserem Esel, Mr. Porridge, angefangen. Da er nie von alleine laufen wollte, habe ich ihn mit Leckerchen vom Haus weggelockt und bin immer wieder zurück geritten. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich das den ganzen Tag lang gemacht habe. Ich habe ihn sehr gerne gemocht und kann mich leider noch genau an den Tag erinnern, als er starb. Ich kam aus der Schule und meine Mutter sagte mir, dass er tot sei. Das war ein schlimmes Erlebnis für mich. Danach habe ich angefangen, Ponys zu reiten. Wir hatten immer viel Spaß beim Reiten und sind als Kinder nirgendwo hin gelaufen oder mit dem Rad gefahren, wir sind überall hin geritten.
FutterJournal:
Gibt es in der langen Liste der Siege und Platzierungen einen Erfolg, über den Sie sich besonders gefreut haben?
Jessica Kuerten:
Da ich sehr ehrgeizig bin, freue ich mich natürlich über einen Sieg oder eine gute Platzierung besonders. Als Teenie hat das Reiten einfach nur Spaß gemacht, aber mit Anfang 20 ist bei mir der Ehrgeiz erwacht und ich ärgere mich manchmal enorm über meine Fehler oder wenn wir Pech haben. Mein Mann hat mir beigebracht, meinen Ärger zu kontrollieren und mich wieder zu beruhigen, indem er mich auf meine eigenen Fehler hinweist. Er ist zwar kein Reiter, hat aber unheimlich viel Pferdeverstand und unterstützt mich enorm mit seinen Analysen der Pferde und Ritte. Wir ergänzen uns wunderbar, darüber bin ich sehr, sehr froh.
FutterJournal:
Trainieren Sie Ihre Spitzenpferde selber?
Jessica Kuerten:
Nach Möglichkeit trainiere ich die Pferde selber, das heißt 8 bis 9 Pferde pro Tag. Das ist zwar anstrengend, aber darauf habe ich mein ganzes Leben lang hin gearbeitet und es ist das, was ich auch in Zukunft hauptsächlich machen möchte. Natürlich habe ich auch einige höchst talentierte Reitschüler, die ich sehr gerne trainiere und auch die Bereiter müssen geschult werden, damit sie unsere hochsensiblen Pferde auch in meiner Abwesenheit fit halten können. Für mich muss ein Reiter viel Ehrgeiz besitzen, damit die Arbeit mit ihm Spaß macht und er weiter kommt.
FutterJournal:
Wie gehen Sie mit dem Turnierstress um?
Jessica Kuerten:
Der Stress ist gewollt. Ich ärgere mich zwar manchmal darüber, aber genieße ihn meistens. Mein Ausgleich in den Trainings- oder Turnierpausen ist Laufen und Schwimmen. Wir sind auf unseren Reisen immer in sehr luxuriösen Hotels untergebracht, in denen wir uns zwischendurch immer etwas Wellness gönnen. Das ist fast wie Urlaub.
FutterJournal:
Wie wichtig ist, Ihrer Meinung nach, die Fütterung und Haltung von Pferden, die im hochklassigen Sport laufen und extremen Stresssituationen ausgesetzt sind?
Jessica Kuerten:
Die Ernährung eines Hochleistungssportlers ist mit das Wichtigste, um ihn topfit zu halten. Unsere Pferde bekommen ein sehr hochwertiges Futter und jeder für sich hat einen eigenen Ernährungsplan, der speziell auf die besonderen Bedürfnisse abgestimmt wird. Wenn ich zum Beispiel im Training eine Veränderung bemerke, passe ich, in Zusammenarbeit mit den Pferdepflegern, die Ration dementsprechend an. Als Stressausgleich dürfen die Pferde, die es gewohnt sind, natürlich auch auf die Weide oder einen Ausflug ins Gelände machen. Die Tiere, bei denen das etwas problematisch ist, dürfen entweder kontrolliert grasen oder werden auf unserer Rennbahn bewegt, um ihnen einen sicheren Ausgleich zu ermöglichen, der einem Ausritt ähnelt. Für die Hengste gibt es spezielle Paddocks, damit sie natürlich auch draußen sein können.
FutterJournal:
Und wie wichtig ist Ihnen Ihre eigene Ernährung?
Jessica Kuerten:
Meine eigene Ernährung ist mir selbstverständlich auch sehr wichtig, ich ernähre mich sehr gesund, obwohl ich ganz gerne mal mit Schokolade oder Champagner sündige. Bei einer ausgewogenen Ernährung sollte das aber durchaus ab und zu mal erlaubt sein.
FutterJournal:
Wie würden Sie die Beziehung zu Ihren „Arbeitskollegen“ beschreiben, haben Sie einen bestimmten Liebling?
Jessica Kuerten:
Alle Pferde, die in unserem Stall stehen, sind etwas Besonderes. Sie zeichnen sich schon alleine durch ihre sportlichen Leistungen und ihre eigene Persönlichkeit aus. Diese muss man individuell fördern, die Tiere sollen sich freuen und Spaß an der Arbeit haben. Wenn es keinen Spaß macht, ist ein Pferd auch nicht bereit, freiwillig Höchstleistungen zu erbringen.
FutterJournal:
Gibt es ein Geheimnis für Ihren Erfolg, zum Beispiel bestimmte Pferde in bestimmten Prüfungen einsetzen?
Jessica Kuerten:
Natürlich müssen die Pferde sorgfältig ausgebildet werden. In der Ausbildung merkt man dann, was dem Pferd liegt und was es nicht gerne mag. Manche Pferde mögen zum Beispiel keine Rasenplätze oder manche keinen Lärm. Man sollte natürlich die Pferde so einsetzen, damit sie sich nach Möglichkeit wohl fühlen, sonst kann es schwierig werden, einen guten Durchgang zu absolvieren. Eine Stute hatte als Fohlen einen Unfall und lag verletzt im Wasser. Wir sind mit ihr zu einem Turnier gefahren, auf dem der Abreiteplatz direkt neben einem See lag. Das war so schlimm für sie, dass ich nicht vernünftig mit ihr arbeiten konnte.
FutterJournal:
Gab es am Anfang Ihrer Karriere ein reiterliches Vorbild für Sie und hatten Sie einen bestimmten Trainer?
Jessica Kuerten:
Eigentlich gab es kein bestimmtes Vorbild für mich. Ich habe mir alle gerne angesehen, da ich den Springsport einfach sehr gerne mag. Meine Eltern haben mich anfangs trainiert und natürlich habe ich Lehrgänge besucht, aber das Meiste habe ich während meinem eigenen Training gelernt. Jetzt trainiere ich, so oft ich Zeit habe, mit Johann Hinnemann, der für mich ein ganz besonderer Trainer ist und mir enorm viel beibringt.
FutterJournal:
Die Pflege und Haltung Ihrer Pferde liegt Ihnen offensichtlich sehr am Herzen. Welche Voraussetzungen müssen die Mitarbeiter des Teams mitbringen?
Jessica Kuerten:
Absolute Voraussetzung ist, dass sie Pferde lieben. Und natürlich ihrer Chefin gehorchen (zwinker), also diszipliniert sind. Sie müssen ehrlich sein und in Ruhe mit den Pferden umgehen. Am besten funktioniert das bei Menschen, die mit Pferden aufgewachsen sind, da sie ein ganz natürliches Verhältnis zu Pferden haben.
FutterJournal:
Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Jessica Kuerten:
Ich möchte auch in Zukunft hauptsächlich reiten, könnte mir aber vorstellen mehr Medienarbeit zu machen, vielleicht als Kommentatorin, da mir das sehr viel Spaß macht. Natürlich trainiere ich auch weiterhin meine Schüler, das wird aber sicherlich nicht meine Hauptaufgabe werden, da ich lieber selber im Sattel sitze.
Wir bedanken uns herzlich bei Jessica Kuerten für das Interview und wünschen ihr weiterhin so viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft.
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Die Liebe zum Pferd zeigt sich in Haltung und Fütterung
Daniela Haas










