Der Tennessee Walker
Tennessee Walker sind einfach grandios. Handliche Größe, freundliche Ausstrahlung, angenehm im Umgang, herrlich unkompliziert und superbequem zu reiten. Etwas für Genuss-menschen. Wahre Antistresspferde. Sie laufen nicht durch die Gegend, sondern walken mehr oder weniger gemächlich vor sich hin. Das tun sie immer. Egal ob unterm Sattel oder vor einem Sulky oder frei auf der Koppel. Sie kommen damit auf die Welt und kennen es nicht anders.
Tennessee Walker kann man kaum aus dem Rhythmus bringen. Lässt man sie, solide ausgebildet, in Ruhe „ihr“ Tempo gehen, kann auch ein weniger versierter Reiter bequem „auf Wolken schwebend“ das Glück der Erde auf dem Rücken eines solchen Pferdes genießen. Draufsetzen, losreiten und wohlfühlen. Alles nach der Devise: „Ride one today, you´ll own one tomorrow“. Das gilt zumindest für den klassischen Freizeitreiter. Dafür ist die Rasse ideal. Und wer sich unbedingt mit anderen messen will, kann das ja auf einem Gangpferdetreffen tun. Die gibt es mittlerweile auch in Europa speziell für Tennessee Walker.
Gangveranlagung genetisch stark fixiert
Der erste kam Mitte der 70er Jahre über den großen Teich. Inzwischen walken rund 1000 dieser umgänglichen US-Gangpferde durch die „alte Welt“. Mit rund 400 000 eingetragenen Pferden gehören sie in den USA zu den zehn beliebtesten Rassen mit höchsten Zuwachsraten. Das verdankt der Tennessee Walker nicht nur einer guten Vermarktung mit entsprechender Showszene durch die „Tennessee Walking Horse Breeders and Exhibitors Association“ (TWHBEA) sondern auch seiner einzigartigen Selektion nach „gutem Charakter und Weichheit der Gänge“.
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Anfänge in den Plantagen
Das war Mitte des 19. Jahrhunderts auch das erklärte Ziel der wohlhabenden ersten Siedler von Tennessee. Sie wünschten sich ein ausdauerndes und praktisches Gebrauchspferd. Es musste nicht besonders schnell sein, seinen Reiter jedoch den ganzen Tag lang zuverlässig, ausdauernd und bequem über die weiten Ländereien tragen. Man nannte diese Tiere „Plantation walking Horses“ oder „Turn–Rows“, weil sie am Ende der Pflanzenreihen problemlos wieder in die Gegenrichtung umdrehen konnten ohne die Setzlinge zu beschädigen. Wie alle US-Gangpferde stammt auch das Walking Horse vom Vollblüter, Standardbred (Traber), Morgan Horse, American Saddlebred, Narragansett Pacer und Canadian Pacer ab. Die Rassen mischten sich samt ihrer verschiedenen Gangveranlagungen. Während des Bürgerkrieges kam es kurzeitig zu einer Mischung der Konföderierten Traber und den Südstaaten-Passgängern zum Tennessee Pacer.
Ein Versager für die Zukunft
Diese Pferde kombiniert mit dem 1886 geborenen Black Allan ergaben das heutige Tennessee Walking Horse. Vor dem Sulky war dieser Hengst vom Traber Allendorf aus einer Morganstute ein kompletter Versager, denn er wollte einfach nicht traben. Dafür vererbte er seinen seltsamen, bequem zu sitzenden Gang zuverlässig an alle Nachkommen. 1935 beschloss man in Lewisburg/Tennessee, Allen F-1 im neugegründeten Stutbuch als „Foundation Hengst“ des Tennessee Walkers einzutragen.
Berühmte Pferde des US-Fernsehens, wie Roy Roger´s Trigger oder der Lone Rider Hengst Silver förderten den Bekanntheitsgrad der Rasse. Unschlagbar war jedoch das Argument ihrer wunderbar weichen, gleitenden Gangarten. Werbesprüche wie: “Können Sie auf einem Stuhl sitzen oder Radfahren? Dann können Sie auch einen Tennessee Walker reiten“ machten die Pferde populär. Der Walk, den außer den Walkern nur noch Elefanten beherrschen (!) ist wirklich eine tolle Sache.
Der Flatwalk
Flatwalk oder Flat footed Walk entspricht mit sechs bis acht Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit in etwa dem Jog der Westernpferde. Er ist ein sehr raumgreifender, effizienter und gleichmäßiger Viertaktschritt mit weit übergreifender Hinterhand, dem sogenannten „Overstride“. Die Bewegung soll gerade und locker vorwärts schreitend sein. Erhöht sich das Tempo bei identischer Fussfolge auf zwölf bis sechszehn Kilometer pro Stunde spricht man vom Running Walk, der beschleunigtes Trabtempo erreichen kann. Der Overstride, das Übertreten der Hinterbeine über die Spur der Vorderhufe hinaus, beträgt je nach Geschwindigkeit, Veranlagung und Training zwischen 15 und 50 Zentimeter! Im Unterschied zum Tölt nicken die Pferde beim korrekten Walk immer mit dem Kopf. Der Bewegungsablauf „fließt“ regelrecht von der stark untertretenden, schiebenden Hinterhand über lockere Hüfte, entspannten Rücken und die das Pferd vorwärtsziehende Schulter bis in den Hals und Kopf und endet zwangsläufig im typische Walker-Kopfnicken. Dieses Nicken entsteht jedoch nur, wenn sich das Pferd völlig relaxt und natürlich bewegt. Im Running Walk ist das Nicken aufgrund der schnelleren Bewegung etwas reduziert, gipfelt dabei aber vor lauter Lockerheit manchmal in einem regelrechten „Zähneklappern“. Jede Art von Verspannung im Pferd blockiert die Energie der Hinterhand, damit das Kopfnicken und natürlich die Qualität des Walks, der sich dann meistens zum Pass verschiebt: „If he ain´t noddin´, he ain´t walkin´!“.
Canter wird bevorzugt
Galoppieren können Walker natürlich auch - schließlich stammen sie ursprünglich von Rennpferden ab. Nachdem jedoch der Komfortgedanke bei Zucht und Ausbildung nach wie vor ausschlaggebend ist, bevorzugt man einen extrem rund und versammelt gesprungenen Canter, der auch gerne als „Schaukelpferdgalopp“ bezeichnet wird. Geritten wird meistens im Westernoutfit. Als Gebiss bevorzugt man in den USA eine Trense mit kleinen Anzügen, damit die Zügel aufgrund der leichten Anlehnung beim Nicken nicht gegen den Pferdekopf schlagen.

Der gute Charakter der Walker lädt zum Fahren ein
Anything goes
Noch um 1930 herum hatten Tennessee Walker relativ derbe Köpfe. Seit dem Deckeinsatz von Pride of Midnight in den fünfziger Jahren hat sich das etwas geändert. Heute findet man immer noch viele einfache, aber auch durchaus ausdrucksstarke, leicht geramste Gesichter. Die Selektion rein auf Gang und Charakter bedingt ein recht uneinheitliches aber geschlossenes Erscheinungsbild mit Größen von 140 bis 170 Zentimeter bei kräftigem Fundament. Der Hals ist stark und gebogen, sitzt auf einer schrägen Schulter und breiten Brust. Der Widerrist ist nicht besonders ausgeprägt, der Rücken kurz und die Hinterhand muskulös. Ihre Farbenvielfalt wird nur durch die Fantasie begrenzt. Anything goes! Sämtliche Grundfarben, Palominos, Falben, Champagner, Weißgeborene, Roans, selbst Schecken in allen Tobiano-, Overo- und Sabinovarianten kommen vor. 1947 wurde das Stutbuch geschlossen und die Rasse offiziell vom US-Landwirtschaftsministerium anerkannt. Die meisten Walker gehören Freizeit-, Trail- oder Wanderreitern. Es sind gutmütige, vertrauenerweckende Familienpferde für Jung und Alt. Sie benötigen keine spezielle Ausrüstung, sind normal beschlagen oder gehen barfuß.
Eigene Art der Ausbildung
Eine klassische Walkerausbildung beginnt schon als Fohlen mit dem Stretchen oder Parken mit weggestreckten Hinterbeinen. Es hilft, dass das Pferd beim Aufsitzen ruhig steht. Zweijährig werden die Pferde longiert und vor dem Sulky trainiert. Nach dem Einreiten bewegt man sie anfangs ausschließlich im angeborenen Flat Foot Walk, möglichst in bekanntem Terrain, damit sich das Pferd sicher fühlt und seinen eigenen, relaxten Rhythmus findet. Langsam steigert man dann den Flat Walk bis zum Running Walk. Erst wenn beide Gänge stabil sind, geht es an den Galopp. Mit der Erfahrung der bisherigen, ruhigen Ausbildung wird der Canter meistens auch besonders langsam und komfortabel für Reiter und Pferd sein.
Showpferde
Natürlich starten Tennessee Walker auch auf Shows. Es gibt unzählige zwei- (Flat und Running Walk) und dreigängige (zusätzlich Canter) Klassen, die sich vor allem durch Ausrüstung und Aktion des Pferdes sowie durch den Beschlag unterscheiden. Lite oder Flat Shod (Leichte / flache Eisen) Klassen werden recht natürlich mit Hufeisen vorgestellt, die nicht höher als 3/8 Inch sind. Leichte Kunststoffeinlagen beeinflussen mitunter die Hufstellung. Die Plantation Klassen erfordern einen etwas dickerem Beschlag und mehr Aktion.

Bequem über die Ländereien – ein amerikanischer Traum
Die dunkle Seite
Problematisch wird es für europäischen Geschmack bei der „Königsklasse“, den Performance- oder „Big Lick“-Pferden. Ausnahmeerscheinungen, die nur rund 10 Prozent der Rasse ausmachen, jedoch für jedes Logo oder Werbung Modell stehen. Diese Showstars haben ihren Ursprung im herausragenden Hengst Midnight Sun, der 1945 und 1946 mit unglaublicher Knieaktion Weltmeister in einer regulären Flat Shod Klasse wurde. Jeder Trainer wollte einen ähnlichen Bewegungsablauf auch bei seinen Pferden. Schnell verbreiteten sich „Hilfsmittel“, sogenannte „Action Devices“ wie Plateaueisen oder Ketten in den Ställen. 1950 wurde das „Soring“ populär. Aggressive Chemikalien ermöglichten es auch schwachen Trainern weniger talentierte Pferde noch dazu in deutlich kürzerer Zeit erfolgreich in einer „Big Lick“ Klasse vorzustellen. Offiziell sollen die Tiere nur ihre Gangveranlagung „in voller Größe“ zeigen, aber wenn man Performance Videos betrachtet, wird schnell klar, dass es da nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Diese völlig überzogenen, unnatürlichen Bewegungsabläufe widersprechen komplett der Idee des ausdauernden Pferdes mit natürlicher, unaufwändiger Gangveranlagung. Zwei- bis dreifach genagelte Plateaus, sogenannte „Stacks“ mit gut zehn bis fünfzehn Zentimeter Höhe werden unter die Hufe montiert, um Gewicht, Höhe und Stellung zu verändern. Ketten an den Vorderbeinen veranlassen die Pferde, die Beine noch höher zu nehmen, wobei wir nicht wissen wollen, wie gereizt die Haut darunter eventuell durch das Soring ist.
Tierschützer protestierten
Nach anhaltenden Protesten engagierter Tierschützer hat das Landwirtschaftministerium (USDA) eingegriffen und schickt inzwischen punktuell Inspekteure auf die Shows. 2006 wurden bei der seit 1939 alljährlich am Wochenende vor Labor-Day stattfindenden, zehntägigen Tennessee Walking Horse Celebration in Shelbyville/Tennessee, sechs der zehn Finalisten wegen unerlaubter Trainingsmethoden disqualifiziert. Die Trainer protestierten. Die Klasse wurde abgesagt, später jedoch nachgeholt.
Auch in Europa befriedigt man menschliche Eitelkeiten und finanzielle Interessen bei allen Arten von Reit-Wettbewerben bisweilen auf Kosten der Pferde. Look und Bewegungsablauf eines Performance Walkers brauchen jedoch mit Sicherheit ein durch und durch amerikanisches Publikum, um sich etablieren zu können. In der alten Welt wird sich wahrscheinlich –im Gegensatz zu den natürlich vorgestellten Tennessee Walkern- so schnell niemand für diese „Big Lick“ Pferde begeistern.
Wenn eine Showszene einer Rasse schadet
Selbst im Heimatland wächst der Widerstand in den eigenen Reihen: Einige US Trainer und Reiter haben sich strikt gegen die gängigen „Trainingsmethoden“ gestellt und präsentieren ihre Pferde ausschließlich in „Flat Shod“ Klassen auf sehr natürliche und ansprechende Weise. Alternativen Organisationen, wie die National Walking Horse Association (NWHA) oder die „Freunde gesunder Pferde“ (Friends of Sound Horses, FOSH) sind zum Glück der „naturally gaited pleasure walking horses“ auf dem Vormarsch.
Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Auch bei einer Pferderasse. Tennessee Walker sind in jedem Fall interessante Gangpferde für Reiter, denen der Isländer zu klein oder ein Paso zu temperamentvoll ist, die Vertrauen zum Pferd aufbauen müssen oder noch nicht so viel Erfahrung haben. Es ist eine Rasse, die auch in Europa eine Zukunft hat und deren Fangemeinde in den nächsten Jahren weiter wachsen wird.
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Der Tennessee Walker soll die menschliche Eitelkeit befriedigen
Christiane Slawik










