Stuten- und Fohlenfütterung – wissenschaftlich betrachtet
In der Pferdezucht werden aktuell große Erfolge gefeiert. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass die Konstitutionshärte vieler Pferde schlechter geworden ist. Bereits bei den Fohlen zeigen sich frühzeitig Beinprobleme wie Gelenkchips und Fehlstellungen, die aber nicht nur auf züchterische Versäumnisse zurückgehen. Vielmehr häufen sich die Hinweise aus der Wissenschaft, dass solche Probleme auch durch Fehler bei der Fütterung von Stute und Fohlen begünstigt werden.
Wie können nun orthopädische Entwicklungsstörungen durch eine angepasste Fütterung besser vermieden werden? Warum kommt dabei der Hochträchtigkeit eine besondere Bedeutung zu?
In der Pferdezucht werden aktuell große Erfolge gefeiert. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass die Konstitution vieler Pferde schlechter geworden ist. Bereits bei den Fohlen zeigen sich frühzeitig Beinprobleme wie Gelenkchips und Fehlstellungen, die aber nicht nur auf züchterische Versäumnisse zurückgehen. Vielmehr häufen sich die Hinweise aus der Wissenschaft, dass solche Probleme auch durch Fehler bei der Fütterung von Stute und Fohlen begünstigt werden. Wie können nun orthopädische Entwicklungs-störungen durch eine angepasste Fütterung besser vermieden werden? Warum kommt dabei der Hochträchtigkeit eine besondere Bedeutung zu?
Stutenfütterung nach Phasen
Die Mutterstutenfütterung kann in drei Phasen eingeteilt werden: die frühe Trächtigkeit bis zum Ende des sechsten Monats, danach die späte Trächtigkeit bis zum Abfohlen und schließlich die Laktationsphase bis zum Absetzen des Fohlens. Ab welchem Zeitpunkt sollte die normale Fütterung umgestellt werden?
Mehrbedarf erst in der späten Trächtigkeit
Bis zum Ende des sechsten Trächtigkeitsmonats erreicht das Fötusgewicht nicht mehr als 2% des Körpergewichts seiner Mutter. Bis dahin darf die Zuchtstute deshalb nur nach dem normalen Erhaltungsbedarf gefüttert werden. Erst mit der beschleunigten Fötusentwicklung ab dem siebten Trächtigkeitsmonat soll die Energiezufuhr bis zum Abfohlen um 23%, die Eiweißzufütterung um ca. 27% steigen.
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Foto: Feliks Horn
Der Bedarf an Kalzium (Ca) und Phosphor (P) nimmt sogar um mehr als 80% zu, bei einem Ca : P – Verhältnis von etwa 1,5 : 1 (NRC). Alle Steigerungen sollen fließend, nicht abrupt gestaltet werden, um Komplikationen wie Kolik und Hufrehe zu vermeiden. Die veränderten Mengenverhältnisse der Nährstoffe zueinander können am besten mit einem speziellen Zuchtstutenergänzungsfutter realisiert werden. Es sollte das zuvor verwendete normale Ergänzungskraftfutter bis zum neunten Trächtigkeitsmonat allmählich komplett ablösen.
Aktuell verbesserte Nährstoffempfehlungen zu allen Bedarfssituationen von Stuten und Fohlen gibt der amerikanische „Nationale Forschungsrat“ (NRC, Washington 2007). Unter (http://nrc88.nas.edu/nrh/) bietet der NRC neuerdings Zugriff zu einem kostenlosen Nährstoffberechnungsprogramm.
Spurenelemente – auch für die Trächtigkeit?
Spurenelemente wie Zink, Kupfer, Mangan, Eisen und Selen müssen ohne Ausnahme über die tägliche Nahrung aufgenommen werden. Sie spielen bei der Aktivierung bestimmter Vitamine und Hormone eine wichtige Rolle. Außerdem sind sie direkt in die Funktion einer Vielzahl von Enzymen eingebunden. Ohne Spurenelemente würde deshalb der gesamte Stoffwechsel der Pferde zum Erliegen kommen.
In Aufbausituationen des Organismus wie Leistungstraining, Haarwechsel, Trächtigkeit und Wachstum, müssen viele Stoffwechselvorgänge intensiver ablaufen, wodurch der hormonelle und der enzymatische Apparat stärker beansprucht werden. Dementsprechend ergibt sich ein Mehrbedarf für bestimmte Spurenelemente. Dies trifft auch für die Stute in der späten Trächtigkeitsstufe zu - insbesondere, wenn ab dem neuntenTrächtigkeitsmonat die Knochenmineralsierung des Fötus beginnt. Für diesen Vorgang, der bereits Weichen stellt für die spätere Gliedmaßenstabilität des Pferdes, werden unter anderem vermehrt Zink, Kupfer und Mangan benötigt. Ein weiterer Zusatzbedarf an Spurenelementen entsteht, weil der Embryo einen Vorrat für die ersten Lebensmonate des Fohlens anlegen muss (siehe spätere Abschnitte).
Spurenelemente und Beinentwicklung

Die spätere Fohlengesundheit ist abhängig
von der Fütterung in der Trächtigkeit
Während Mineralstoffe wie Kalzium, Phosphor und Magnesium als aushärtende Baustoffe in die Knochensubstanz eingehen, sind die Spurenmineralien eher als Mikroelemente des Produktions- und Steuerungsapparates am Aufbau der Gliedmaßen beteiligt. So ist Zink unter anderem ein Bestandteil des Wachstumshormons. Zinkmangel kann deshalb das Längenwachstum der Knochen und damit die Größenentwicklung des Pferdes hemmen. Zink ist über die Aktivierung von Vitamin D auch in die Regulierung der Knochenmineralisation eingeschaltet. Zinkdefizite könnten somit die Aushärtung der Knochen beeinträchtigen.
Kupfer ist ein Strukturelement des Enzyms Lysiloxidase, das verantwortlich ist für die Verknüpfung bestimmter Eiweißfäden. So werden Kollagenfasern in Knochen, Sehnen und Knorpeln zu kräftigen Bündeln verwoben, die ihren Geweben eine enorme Stabilität geben.
Mangan aktiviert die Glykosyltransferase, ein Enzym, das die Bildung von „Proteoglykanen“ im Gelenknorpel katalysiert. Diese schwammartigen, wassergefüllten Netzwerke haben eine schützende Stoßdämpferfunktion für das gesamte Gelenk. Manganmangel während der Gelenkreifung kann also mitverantwortlich sein, wenn sich Fohlen beim Herumtoben Gelenkschäden zuziehen.
Laktationsphase – Stutenfütterung für das Fohlen
Durch die Laktation erhöht sich der Bedarf der Stute an Nahrungsenergie, Eiweiß und Mineralstoffen nochmals deutlich (siehe NRC-Programm). Dem kann über die Frühjahrsweide und Luzerneheu, vor allem aber durch eine kontinuierliche Steigerung beim Zuchtstutenergänzungsfutter Rechnung getragen werden. Zwischen dem Bedarf des Saugfohlens an Spurenelementen und den relativ niedrigen Gehaltenin der Stutenmilch klafft nach dem heutigen Kenntnisstand eine erhebliche Lücke. Sie muss zunächst über die während der Embryonalphase angesammelten Mikromineralreserven des Fohlens geschlossen werden.
Vorbemerkungen zur Fohlenfütterung
Da die genannten Eigenvorräte des Neugeborenen extrem unterschiedlich sein können (van Weeren 2003), soll das Saugfohlen neben Weidegang und Heu von Anfang an Zugang zu einem Ergänzungsfutter mit genügend Spurenelementen bekommen. Spätestens mit Beginn des vierten Lebensmonats ist es sinnvoll, zu geregelten Rationen eines Fohlen-ergänzungsfutters überzugehen. Indem man die Fütterungsmenge allmählich steigert, kann ein gleitender Übergang zum Absetzen geschaffen werden, so dass eine Absetzkrise vermieden wird (vgl. NRC-Empfehlungen).
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Links: Kurve der Gewichtszunahme eines Vollblutfohlens (blaue Kreise) im Vergleich zur Referenzkurve (Quadrate). Die Eindellung nach 180 Tagen zeigt eine Absetzkrise an. Danach erfolgt ein problematischer Wachstumsspurt, der das Risiko für Osteochondrosis erhöht. Durch bessere Vorbereitung des Absetzens und rechtzeitige Mäßigung der Energiezufuhr kann ein gleichmäßigeres Wachstum erzielt werden.
Rechts: Nach Zufütterung von Kupfer an hochträchtige Stuten wiesen die daraus entstehenden Fohlen nach 150 Lebenstagen deutlich weniger Knorpelschäden auf (rechte Säule) als Fohlen, deren Mütter kein Kupfer erhalten hatten (linke Säule ).
Gesunde Fohlenbeine durch Futteroptimierung?
Ungünstige Erbanlagen, unzureichende Bewegung oder Überbelastung der Beine begünstigen orthopädische Entwicklungsstörungen wie die Osteochondrosis (Abk. OC).
Zur OC, die etwa 25 – 35% der europäischen Warmblutfohlen heimsucht, gehören neben Gelenkchips („Osteochondritis dissecans“ = OCD) auch Knochenzysten, Entzündung der Wachstumsfugen, Fehlstellungen der Beine und Veränderungen der Halswirbelsäule („Wobblersyndrom“). Trotz hoher Spontanheilungsrate wird die OC dennoch als ernstzunehmender Risikofaktor für Beinprobleme im Erwachsenenalter angesehen. In dieser Situation geben jedoch eine Reihe von wissenschaftlichen Studien Anlass zur Hoffnung. Sie darauf schließen, dass durch frühzeitige Fütterungs-maßnahmen viele OC-Fälle vermieden oder leichter überwunden werden können.
Welche Fütterungsfehler schaffen Beinprobleme?
Übergewichtige und schnellwüchsige Fohlen neigen häufiger zur OC. Auch zeitweilige „Wachstumsspurts“ führen oft zu Knorpelveränderungen (siehe Abb. ). Solche Abweichungen von einem gesunden Entwicklungstempo können durch monatliches Wiegen erkannt und zumeist über eine Reduzierung der Futterenergie für laktierende Stuten und Fohlen korrigiert werden.
Aber auch die Art der Futterenergie scheint eine Rolle zu spielen. So zeigte Pagan (2001) an 218 Vollblutabsatzfohlen, dass bei identischer Gesamtenergieaufnahme diejenigen am häufigsten wegen Chips operiert werden mussten, die mehr Getreide erhalten hatten und deshalb erhöhte Blutzuckerwerte aufwiesen. Es ist denkbar, dass der resultierende Insulinüberschuss das System der Wachstumshormone überstimuliert, zu Ungunsten der Knochenreifungsprozesse. Es wird deshalb vorsorglich empfohlen, getreidelastige Fohlenkraftfutter mit einem Gehalt an Stärke und Zucker von mehr als 35% zu vermeiden. Im übrigen begünstigen auch Versorgungsmängel im Hinblick auf Futtereiweiß, Mineralstoffe und Spurenelemente orthopädische Fehlentwicklungen bei Fohlen.
Ein hohes Risiko besteht, wenn die genannten Faktoren zusammentreffen: Übermaß an Futterenergie und Getreide, schlechte Eiweiß-, Mineral- und Spurenstoffversorgung bei zu wenig oder zu heftiger Beinbeanspruchung. In diesem Fall treffen Übergewicht und mechanische Fehlbelastung auf eine schlecht entwickelte Knochen- und Knorpelstruktur. Es kommt zu Knorpelrissen, Entzündungen und Absprengung von Gelenkchips.

Neben Weidegang und Muttermilch müssen Fohlen beigefüttert werden
Bessere Gelenke durch Kupfer?
Studienbefunde
Nach Berechnungen von Coenen (2004) nimmt ein typisches deutsches Warmblutfohlen im dritten Lebensmonat über Muttermilch und Weidegras nur etwa 12 mg Kupfer und 75 mg Zink auf. Der Mindestbedarf liegt dagegen bei ca. 45 mg Kupfer und 180 mg Zink (NRC) .Da die Saugfohlen häufig erst spät genügend Ergänzungsfutter aufnehmen, sind sie zunächst auf einen guten Lebervorrat an Spurenelementen angewiesen. Dies setzt eine gute Versorgung der hochträchtigen Mutterstuten mit Mikromineralien voraus.
Eine wissenschaftliche Studie aus Neuseeland zeigt am Beispiel der Kupferzufütterung, dass eine bessere Stutenversorgung tatsächlich die Häufigkeit der Fohlen-OC verringern kann: Tragende Vollblutstuten auf der Dauerweide wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Je nach Gruppenzugehörigkeit erhielten sie vom 6. Trächtigkeitsmonat bis zur Fohlengeburt entweder zusätzlich Kupfer oder kein Kupfer. Auch andere Spurenelemente wurden zugefüttert, allerdings ohne Unterschiede hinsichtlich der Gruppen. Im Alter von fünf Monaten wiesen die Fohlen, deren Mütter nur Kupfer aus dem Weidegang aufgenommen hatten drei mal mehr Gelenkknorpelveränderungen auf, als diejenigen, deren Mütter zusätzlich Kupfer über Ergänzungsfutter erhalten hatten (Pearce 1998).
In einer Studie mit 30 holländischen Warmblutfohlen wurde gezeigt, dass nur solche Individuen, die als Embryonen überdurchschnittlich viel Kupfer in ihrer Leber gespeichert hatten, OCD- Schädigungen der Gelenkknorpel bis zum 11. Lebensmonat erfolgreich reparieren konnten (van Weeren 2003). Auch dies spricht dafür, hochträchtige Stuten großzügig mit Spurenelementen zu versorgen.
Auch die direkte Spurenstoffzufütterung an Saug- und Absatzfohlen kann zur Verhinderung von OC beitragen. In Ohio wurden 21 Fohlen zunächst durch ein Zufallsverfahren in zwei Gruppen eingeteilt und von Geburt an über das angebotene Festfutter unterschiedlich mit Kupfer versorgt.
Die tatsächliche Kupferaufnahme lag in der Kontrollgruppe leicht über der NRC-Empfehlung (mit ca. 80 mg Kupfer am 180. Lebenstag); in der Versuchsgruppe lag sie mit täglich ca. 180 mg Kupfer mehr als das Doppelte darüber. Am 180. Lebenstag wurden in der Kontrollgruppe insgesamt 25 Fälle von Knorpelveränderungen wie Gelenkchips und Verdickung der Wachsstumsfuge, in der Versuchsgruppe dagegen nur vier Fälle nachgewiesen (Knight 1990). Dies zeigt, dass durch Kupferzufütterung in einem Bereich oberhalb der Bedarfsempfehlung eine bessere Gelenkstabilität erzielt werden konnte. Nach den Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie der Haustiere (GEH) sollen entsprechende Fohlen lediglich ca. 38 bis 52 mg Kupfer pro Tag aufnehmen. Ob dies ausreichend ist, erscheint nach den vorliegenden Studienergebnissen sehr zweifelhaft.
Fazit der Fütterungsstudien
Insgesamt sprechen eine Reihe von Forschungsarbeiten für die Bedeutung einer rechtzeitigen und großzügigen Spurenelementzufütterung sowohl an hochträchtige Stuten als auch an Fohlen, wobei die Rolle von Zink und Mangan bisher noch weniger gut untersucht ist. Kupfer ist besonders wichtig, weil es über die Lysiloxidase die Knochen- und Knorpelstabilität offenbar sehr effektiv fördert. Wenn die richtigen Mengenverhältnisse beachtet werden, kann bei minimalem Risiko auch eine mehrmonatige Spurenversorgung mit dem Doppelten der NRC-Mindestbedarfswerte Vorteile bringen. Dies betrifft vor allem Risikofohlen (z.B. schnellwüchsige Fohlen mit ungünstiger erblicher Konstellation). Die besondere Bedeutung von Kupfer und die Tatsache, dass die Kupferaufnahme ins Blut durch Zink gehemmt werden kann, sprechen für ein relativ enges Kupfer - Zink - Verhältnis von 1:4 (nach NRC).
Das Kentucky Equine Research-Institut (KER) empfiehlt für Zuchtstuten und Fohlen sogar ein Kupfer-Zink-Verhältnis von 1:3. Die GEH (1994) schlägt dagegen 1:5 vor, was wohl Kupfer zu sehr unterbewerten dürfte. Davon abgesehen erscheint es möglich, die Verwertung der Spurenstoffe im Organismus zu verbessern, wenn sie in organischer Bindungsform – etwa als Aminosäurenchelate – zugesetzt werden. Gerade im Zuchtbereich werden damit nach eigenen Forschungsbefunden gute Erfolge erzielt (Marycz 2008 im Druck).
Warum sorgfältige Fütterung lohnenswert ist
Eine planmäßige Ernährung begünstigt die gesunde Entwicklung von Zuchtstuten und Fohlen ganz entscheidend. Dies schließt die Verwendung von spezifisch konzipiertem Stuten- und Fohlenergänzungsfutter ein. Durch das Beharren auf veralteten Vorstellungen, die sich im Wesentlichen auf Weide-Heu-Hafer beschränken, werden neuere wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert und zu viele Fohlen der Gefahr frühzeitiger Beinprobleme ausgesetzt.
Insgesamt kommt es darauf an, mit rechtzeitigen kontinuierlichen Futterumstellungen auf die jeweilige Bedarfssituation von Zuchtstuten und Fohlen zu reagieren. Mit einer natürlich ausgewogenen Fütterung, die Futterenergie, hochwertiges Eiweiß, Mineral- und Spurenstoffe, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe in angemessenen Mengen enthält, werden die Zuchtstuten vor frühzeitiger Auszehrung bewahrt. Die Fohlen können ihr Erbpotential voll verwirklichen und erhalten die Ausgangsbasis für ein langes gesundes Pferdeleben.
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Die Spurenelementversorgung ist für alle Rassen wichtig
Dr. Eberhard Moll










