Hund und Mensch

Intro-HundJahrtausende alte Symbiose

Haushunde, Hütehunde, Schutzhunde, Rettungshunde, Therapiehunde – der Hund teilt mit uns sein Leben und verfügt über so viele Fähigkeiten, die wird nutzen dürfen. Wie kommt es eigentlich, dass sich uns diese Tierart angeschlossen hat und eine solche Vielfalt an Gebrauchshunden entstanden ist.

Hund-RodesianEs gibt viele verschiedene Thesen, wie ich in den letzten Tagen feststellen konnte, als ich für diesen Artikel recherchiert habe. Interessant und logisch sind die Thesen von Erik Ziemen, Dr. Dorit Feddersen-Petersen, Eberhard Trumler und Konrad Lorenz.

Zumindest ist heute sicher, dass tatsächlich der Wolf der wilde Urahn aller Bernhardiner, Dackel, Pekinesen etc. ist. Aber in 25.000 Jahren können sich eine Menge kleiner Besonderheiten manifestieren und weiterentwickeln, so dass aus Wölfen, die einheitlich grau, weiss oder rotbraun waren und je nach Lebensraum zwischen 20 und 70 kg wiegen, durchaus über viele Generationen hinweg ein Dalmatimer entstehen kann.

Hund-Frau-und-Hund

Die Annäherung

Nach der letzten Eiszeit vor 25 – 20.000 Jahren starben viele Säugetierarten, auch Fleischfresser aus. Der Mensch und der Wolf überlebten. Was aber veranlasste nun diese beiden Arten, die als Nahrungs- und Lebensraumkonkurrenten ja eigentlich Feinde waren, sich einander anzunähern?

Beide jagten die gleiche Beute, um zu überleben. Beide bildeten ein ausgeprägtes Sozialwesen aus, indem sich einzelne Familienverbände zu Rudeln zusammenschlossen. Sie zogen in einem abgegrenzten Revier ihr Jungen auf und machten die Erfahrung, dass je stärker - größer - das Rudel, desto größer die Überlebenschance und die der Nachkommen war.

Die Wölfe waren ursprünglich scheu und mieden die Menschen, wenn deren Rudel groß genug war, um gefährlich sein zu können. Aber irgendwann muss der Wolf festgestellt haben, dass die Jagdfähigkeit des Menschen aufgrund dessen Lernfähigkeit und Ausbau seiner Intelligenz der des Wolfs immer überlegener wurde, so dass er dem Wolf immer eine Nasen- oder Schnauzspitze voraus war. „Pariawölfe“ schlossen sich den Menschen an und ernährten sich von deren Abfällen. Dabei lernte der Mensch, diese Wölfe zu dulden, da sie seine Lager sauber hielten, indem sie Reste fraßen. Eine erste Symbiose entstand.

Domestikation das Resultat weiblicher Tugend?

Die weitere Prägung einiger Wolfswelpen als erste“ Hauswölfe“ wird aber den Frauen zugeschrieben. Männer und ältere Knaben waren auf Jagd- und Kriegszügen oft lange unterwegs. Ihre Aufgaben waren Verteidigung und Ernährung der Frauen und Nachkommen, ihre Stärken mußten Jagdgeschick, Mut, Ausdauer, Kenntnisse der Beuteverhalten und Kriegslisten sein. Die Frauen blieben zurück, sorgten für Heim und Nachwuchs, warteten auf die Männer. Hier sieht man den wahrscheinlichsten Beginn des Zusammenlebens, indem eine Frau ein verwaistes Wolfjunges annahm, als Kindersatz oder als Spielgefährten für ihr eigenes Kind. Somit hätten Frauen Wölfe nicht zum Zweck späterer Nutzung gezähmt, sondern aus Mutterinstinkt.

Der Hund ist kein Wolf mehr

Im Lauf der weiteren Entwicklung über die Jahrtausende gingen viele Verhaltensmerkmale des Wolfs verloren. Sicher haben unsere Hunde vieles nicht mehr nötig, was der Wolf zum Überleben brauchte, was an der Gebissform zu nachzuvollziehen ist. Er wird heute kaum noch und wenn im kleinen Rudel gehalten, der Mensch gibt ihm Nahrung. Seine ursprünglichen sozialen Fähigkeiten sind dabei verkümmert bzw. total andere geworden. Der Hund hat sich auf Kosten seiner Identität angepasst. Er ist Kind- oder Partnerersatz, Sport- und Spielkamerad … oder einfach bester Freund. Im Gegensatz zum Wolf hat ein Hund gelernt, Nähe nicht nur zu tolerieren, sondern sogar zu genießen. Bei Kälte zusammenkuscheln wäre für den Wolf auch im Hinblick auf die Hierarchie undenkbar.

Spezielle Verhaltensmuster angezüchtet

Der Wolf setzt in seinem meist großen Revier seine Häufchen ab, wo er gerade ist. Unwahrscheinlich, dass er sich Stunden später dort seinen Schlafplatz wählt. Der Hund hat in seinem kleinen Revier Garten gelernt, dass es für ihn nicht gut ist, überall den Kot fallen zu lassen, da er beim Spielen hineintreten könnte. Daher bevorzugt er eine Ecke, richtet sich also so etwas wie sein Hundeklo ein.

Das Jagdverhalten hat der Mensch im Laufe der Zeit mit mehr oder weniger großem Erfolg versucht zu kanalisieren. Die ursprünglich zum Jagen gehörenden Verhaltensabschnitte Witterung aufnehmen, jagen, stellen, packen, töten, fressen sind teilweise weg gezüchtet. Wir wollen Jagdhunde, die nur die Beute anzeigen, Apportierhunde bringen die Beute zurück, ohne davon zu fressen.

Manchmal funktioniert diese Konditionierung nicht so ganz, wenn ein Hund ein Beutetier jagt und stellt und dann nicht mehr weiß, was es damit weiter tun sollte …

Keine geschlechtlich getrennte Rangordnung mehr

Im Wolfsrudel herrscht ganz klare Hierarchie, eigentlich zwei, nämlich die männliche und die weibliche Linie. Dabei ist der Leitwolf eher der friedlichste Rüde im ganzen Rudel. Er will Ruhe und Ordnung haben. Er ist souverän und hält sich aus dem Gerangel niederer Tiere heraus, solange nicht die Sicherheit des Rudels auf dem Spiel steht. Der Betarüde, also der Rüde, der die Positon des Leitrüden anstrebt, ist der eigentlich aggressive im Rudel. Oft schließt sich die Alphahündin mit ihm zusammen und beide entthronen den langjährigen Leitrüden. Die Alphahündin steuert auch die natürliche Selektion, in dem sie den Rüden aussucht, von dem sie sich decken lässt. Das ist ihr Alpharüde.

Beim Hund ist die geschlechtlich getrennte Rangordnung nur noch bedingt vorhanden deshalb gibt es viel mehr zwischengeschlechtliche Rangeleien. Die Hündin akzeptiert als Vater ihrer Welpen den Rüden, der zuerst kommt. Die Selektion hat der Mensch übernommen.

Ich wünschte mir, dass wir – was das Sozialverhalten angeht –, noch ein Stück vom Wolf übrig lassen würden, denn das war gar nicht so schlecht.

Hund-Wolfshund

Cordula Becker