Chance oder Scharlatanerie?
Angesichts der zunehmenden alternativen Heilmethoden auch in der Tiermedizin stellt die Akupunktur ganz gewiss eine Sonderolle dar. Sie ist als Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) tief verwurzelt im asiatischen Kulturkreis. Ihre Anfänge reichen bis ins 9 Jh. v. Chr. zurück. Aus dieser Zeit ist auch bekannt, dass es schon „Vollzeit-Tierärzte“ gab (zum Vergleich mag dienen, das Hippokrates um 400 v. Chr. gelebt hat).

Der Tierarzt Dr. Thomas Möhring
hat langjährige Erfahrung in der
Anwendung der Akupunktur
Um das Jahr 650 v. Chr. stammt der sog. „Kanon der Veterinärmedizin“, in dem besonderes Augenmerk auf die Akupunktur von Pferden gelegt wurde. Um 600 n. Chr. entstand ein Atlas der Meridiane und Akupunkturpunkte beim Pferd.
Dies macht schon deutlich, wie lange und intensiv diese Methode zur Therapie von Erkrankungen eingesetzt wird. Durch die enge Verzahnung von Medizin und Kultur über viele Jahrhunderte, ist das Auftreten im Vergleich zu unserer aktuellen technisierten westlichen Medizin eher fremdartig. Dort wird von Energieströmen und krankmachenden Faktoren gesprochen.
Lebenskraft im Fluss halten
Angesichts einer weit über 2000 Jahre alten Medizin ist es vermessen zu versuchen eine ausreichende Erklärung über die Theorie zu geben, die hinter der TCM steht. Aber ein wenig an der Oberfläche kratzen kann man schon.

Der Atlas der Akupunktur-Meridiane beim
Pferd umfasst 330 Akupunktur-Punkte
In der TCM geht man davon aus, dass eine Art universelle Energie alles formt und bewegt. Sie ist in allem und kann auch nicht zerstört, nur verändert, transformiert werden. Die Chinesen bezeichnen sie als QI (sprich Tschi). Leider ist dieser Begriff in unserer Zeit etwas abgenutzt und sehr in die Ecke von Wunderheilern und asiatischen Heilsbotschaftern gedrängt. Das QI strömt durch den Körper in festen Bahnen ähnlich dem Blut. Diese Bahnen werden auch Meridiane genannt. In ihnen fließt die Energie durch den ganzen Körper. Sowohl an der Körperoberfläche, als auch durch die inneren Organe. Es gibt auf jeder Körperhälfte 12 sog. Hauptmeridiane, die jeweils eine Gliedmaße entlang laufen und dabei aber auch eine Verbindung zu dem dazugehörigen inneren Organ herstellen, dessen Namen sie tragen. Sie heißen z.B. Blasen-, Lungen- oder Magen-Meridian. Dazu gibt es noch weitere Meridiane, die nicht einem Organ zugeordnet sind.
Hohe Dichte an Nervenbahnen in den Akupunkturpunkten
In den Meridianen fließt das QI und versorgt den ganzen Körper mit Energie. Eine Blockade dieses Flusses sorgt in den betreffenden Meridianen oder den damit verbundenen Organen zu Störungen, die dann vom Besitzer beispielsweise als Lahmheit oder vielleicht als Husten bemerkt werden. Die Akupunktur versucht nun, diese Energieblockaden durch Stimulation ganz bestimmter Punkte mit einer Nadel zu lösen. Es gibt allerdings keinen anatomischen Beweis für die Existenz dieser Energiebahnen, wohl aber für die Akupunkturpunkte. Bei anatomischen Untersuchungen konnten an Akupunkturpunkten eine hohe Dichte an Nervenfasern oder Nervenendigungen festgestellt werden. Bisher ist es nicht gelungen, eine westliche Erklärung für die Wirkungen der Akupunktur zu erstellen. Einzelne Reaktionen und Effekte konnten geklärt werden, aber vieles entzieht sich noch immer der Forschung. Dies macht es natürlich nicht einfacher für diejenigen, die sich mit der Akupunktur beschäftigen, sie zu vermitteln. Aber glücklicherweise ist es weder nötig, das Pferd von der Wirksamkeit der Methode zu überzeugen, noch muss es an die Wirksamkeit glauben, damit wir ihm helfen können.
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An dem Meridianen findet man oft eine hohe Dichte an Nervenfasern
Vorgeschichte bei der Therapie beachten
Das Konzept bei der Therapie eines Patienten unterscheidet sich nicht im Geringsten von dem der westlichen Medizin, denn auch hier beginnt man mit einer gründlichen Untersuchung und der Aufnahme der Vorgeschichte. Die Vorgeschichte beinhaltet nicht nur den Krankheitsverlauf, sondern ebenso etwaige Eigenarten und Verhaltensweisen. Dies kann sich als hilfreich bei der Diagnose erweisen. Die Untersuchung umfasst in jedem Falle das gesamte Tier. Es wird der Puls gefühlt und die Zunge beurteilt, da hierdurch Hinweise auf das Allgemeinbefinden zu erlangen sind. Weiterhin wird auf die Reaktionen beim Abtasten bestimmter Meridiane, sowie besonderer diagnostischer Punkte geachtet, um Störungen in den jeweiligen Meridianen erkennen zu können.
Diagnose stellen
Die Diagnose setzt sich aus dem Erfragten und den Befunden am Tier zusammen und klingt alles andere als wissenschaftlich. Sie ist womöglich durchsetzt mit chinesischen Bezeichnungen oder besteht aus Formulierungen wie „Leere in der Milz“, „Hitze-Fülle in der Leber“. Doch wie absonderlich sich das auch anhören mag, so hilft es uns die richtige Punktekombination für das jeweilige Problem zu finden. Auch manche westliche Diagnosen hören sich vermutlich eher chinesisch an.
Therapie beginnen

Bei Lahmheiten und Verspannungen kann
Akupunktur die Heilung beschleunigen
Die Therapie besteht in dem Setzen von Akupunkturnadeln. Wobei die Auswahl und Kombination der Punkte entscheidend für die Wirksamkeit der Therapie ist. Bei rund 330 Punkten, die zur Verfügung stehen ergeben, sich schier unendliche Kombinationsmöglichkeiten. Idealerweise sollte die Zahl der Nadeln so gering wie möglich gehalten werden (4 – 8). So geht man davon aus, dass der Körper zum Zeitpunkt der Behandlung über 100% QI verfügt und jede eingesetzte Nadel diese Energie bewegt, um die Blockaden zu lösen. Beim Einsatz von nur 4 Nadeln kann also jede einzelne Nadel mit 25% der Energie „arbeiten“. Sollten allerdings 20 Nadeln gesetzt werden, so schwächt das die Wirkung der einzelnen Nadel ganz erheblich. Zudem stellt sich in solch einem Fall auch die Frage, ob die Diagnose wirklich richtig gestellt ist. Die Erfahrung zeigt, dass man mit 3 bis 6 Nadeln in der Regel völlig auskommt. Diese Nadeln verbleiben für 15 – 20 Minuten im Tier und werden dann gezogen. Während dieser Zeit beginnen sich die Tiere in der Regel zu entspannen. Es ist aber auch möglich, dass es, hervorgerufen durch die Nadel, zu Kribbeln, oder Taubheitsgefühlen kommt, was durchaus auch zur Unruhe der Tiere führen kann.
Wiederholung nach 14 Tagen
Die Häufigkeit der Akupunktursitzungen schwankt stark je nach Dauer der Erkrankung, aber auch nach dem „energetischen“ Status des Tieres (ist das Tier alt oder ausgezehrt). Ebenso aber auch nach Art der Erkrankung. So bedürfen Innere Erkrankungen (Husten/Chronisch obstruktive Bronchitis oder Durchfall) oft mehreren Behandlungen, als eher oberflächlichere Probleme wie Lahmheiten, Verspannungen oder Taktfehler. Im Allgemeinen reicht es, die Behandlung nach 14 Tagen zu wiederholen, damit der Körper eine Chance hat, sich auf die Veränderungen einzustellen. In akuten Fällen kann man auch kürzere Abstände wählen.
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Die Auswahl und die Kombination der Punkte ist ausschlaggebend für die Wirksamkeit
Erfolgreich therapiert
So wurde mir der damals 14-jährige Schimmelwallach „Pesla“ vorgestellt, mit immer wiederkehrendendem Husten seit über 10 Jahren. In den letzten 5 Jahren mit regelmäßigen asthmatischen Anfällen, die konventionell behandelt wurden. Er wurde seit über 8 Jahren ganzjährig im Offenstall mit Unterstand gehalten und bekam gewässertes Heu oder Silage. Eine Lungenspülung in der Klinik hatte keine nachhaltige Verbesserung gebracht. In Ruhe war eine angestrengte Atmung und Nüsternblähen zu beobachten. Die damals gestellte Diagnose lautete chronischer Lungen-QI-Mangel der durch einen Nieren-Yin-Mangel verursacht wurde. Die Therapie sollte Lunge und Niere stärken. Nach vier Behandlungen ließen sich erste leichte Verbesserungen am Tier feststellen. Nach neun Behandlungen und fast drei Monaten Therapie waren keine Befunde mehr feststellbar. Seit dem komme ich einmal im Jahr zur Kontrolle, meist ohne etwas zu machen. Pesla wird wieder geritten und hat seit dem keinen „Anfall“ mehr gehabt. Eine Bronchoskopie zur Kontrolle wurde leider nie mehr gemacht.
Erst kürzlich wurde mir der 8-jährige Araberwallach „Garay“ vorgestellt, weil er seit Wochen müde und nicht leistungsbereit ist (Distanzpferd). Er zeigte wechselnde geringe Lahmheiten, ohne dass ein klarer Befund gestellt werden konnte. So konnte es auch mal einen Tag ohne Lahmheit geben, aber am nächsten war sie wieder da. Die Untersuchung ergab ein Blockade in einem Sondermeridian dem „Gürtelgefäß“ (chinesisch DaiMai), sehr gespannte Rückenmuskulatur und ein Blockade im Magenmeridian. Unter erheblichen Widersetzlichkeiten, habe ich dem Tier vier Nadeln setzen können, da es unter dem Nadeln sehr lebhaft wurde. Was sich aber dann legte. Nach einer Woche kam die Rückmeldung, dass sämtliche Müdigkeit und Lahmheit verschwunden sei und es dem Pferd schon am nächsten Tag deutlich besser ging. Ein Kontrolltermin nach zwei Wochen bestätigte die Beurteilung der Besitzerin und das Tier wurde nicht mehr genadelt. Eine Kontrolluntersuchung in einem halben Jahr wurde vereinbart. Bei einem Rückfall natürlich früher.
Keine Wunder, sondern tausende Jahre Erfahrung
Derartige „Wunderheilungen“ sind sicherlich nicht die Regel, wenngleich ich sie mir natürlich immer wünsche. Aber beide Fälle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zeigen die vielfältigen Möglichkeiten dieser Therapie. An dieser Stelle muss ich aber auch anmerken, dass es ganz klare Grenzen der Akupunktur gibt. So sind naturgemäß alle Arten von Verletzungen, Brüche und schwere Organschäden keine Indikation für die Akupunktur. Es ist keine Wundermedizin! Trotzdem verbleiben viele Fälle von Lahmheiten, Verspannungen und Störungen der inneren Organe, die nicht auf schwere Schäden, sondern auf eine Art Fehlregulierung beruhen. Niemand will die westliche Medizin durch die Akupunktur ersetzt wissen. Im Gegenteil: nur ein Nebeneinander vieler unterschiedlicher Therapiemethoden kann die gegebenen Möglichkeiten voll ausschöpfen zum Wohle der Patienten. Und egal was man an Skepsis und Zweifeln der Akupunktur entgegenbringen mag, es kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass die Geschichte der TCM und ihr Fortbestehen seit fast 3000 Jahren Beweis genug sein sollte, welch weiteres potentes Mittel zur Therapie unserer Tiere zur Verfügung steht.
Dr. Thomas Möllring










