Kein Ekel vor Erde

Intro-MenschGeophagie - das Erdessen

Alexander von Humboldt entdeckte 1800 am Orinoco, dass die Indios dort gerne „als Leckerbissen täglich“ nach Erde griffen. Vor allem wurden schwangere Frauen dabei beobachtet. Von Humboldt interpretierte dieses Verhalten als Notbehelf in kargen Zeiten, immerhin wurde auch in Europa in Hungersnöten Erde geschluckt. Dort wurden arme Menschen gerne als „Erdesser“ beschimpft.

1852 widerlegte der Pathologe Heusinger die Ansicht, Erde würde nur aus Not gegessen werden, nachdem inzwischen viele weitere Berichte über Erdesser in den Tropen nach Europa gelangten.

Gründe für das Erdeessen

Die Frage stellt sich, warum sowohl im europäischen Raum als auch vorwiegend in den Tropen und in Afrika Erde gegessen wird. Die Geophagie wird mit Suchverhalten begründet, aber auch als religiöses Ritual. Näher liegt vermutlich eine volksheilkundliche Überzeugung, in der die Erde als Heilmittel bei medizinischer Selbstbehandlung eingesetzt wird. Möglicherweise handelt es sich beim Erdeessen aber auch um instinktiv angegangene Stoffwechsel-Mangelerscheinungen (Spurenelemente) oder Besonderheiten im Ernährungsverlangen schwangerer Frauen.

Risiko Erde

Ein Übermaß an Erdaufnahme führt aber zur Bindung von Kalium und Eisen. Charakteristisch für den regelmäßigen Erdeesser ist der Hängebauch, allgemeine Abmagerung, Anschwellung der Leber und Milz. Risiken des Erdeessens liegen unter anderem in der Übertragung von Krankheiten, Aufnahme von Darmparasiten oder möglichen Vergiftungserscheinungen.

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Inhaltstoffe der Erde

Neben Silizium und Aluminium enthält Erde je nach Vorkommen unterschiedliche Zusammensetzungen von Mineralien und Spurenelementen. In der Erde enthaltende Bakterien sind für Menschen, die in Ermangelung tierischer Nahrungsquellen vegetarisch leben müssen, oft die einzige Vitamin B12 –Quelle („Dreck macht fett“). Vor allem Kinder neigen sehr oft dazu, Erde zu probieren und auch zu essen. In der Schwangerschaft wird der erhöhte Bedarf an Kalzium, Kupfer und Eisen im südlichen Afrika oft mit Erde gedeckt, die auf ganz normalen Märkten verkauft wird.

Zubereitung

Ob nun Erde aus Not heraus, rituell bedingt oder aus gesundheitlichen Gründen gegessen wird, in vielen Fällen wird lehmige Erde erst erhitzt und gebacken und anschließend abgekühlt verzehrt.

Verzehrt werden spezielle Erden, die essbare Erden genannt werden. Auch wenn der Gebrauch der Erde als Speise sich am häufigsten in tropischen Ländern findet, ist auch in unseren Zonen das Erdeessen nicht unbekannt. Eine Art des Alauns (Kaliumaluminiumsulfat), der sich ganz fett und weich anfühlt, wurde in den Sandsteingruben des Kyffhäuser (Bergrücken südöstlich des Unterharzes) und im Lüneburgischen abgebaut. Die sogenannte „Steinbutter“ wurde traditionell von den Arbeitern auf das Brot gestrichen.

Andere Gegenden Europas, in denen das Erdeessen vorkommt, sind die Steiermark, Oberitalien (Treviso), Sardinien, wo Erde wie andere Lebensmittel auf den Markt gebracht wird, der äußerste Norden von Schweden und die Halbinsel Kola, wo teilweise die Erde unter das Brot verbacken wird.

Aber nicht nur Kalkerden, sondern auch fette, schmierige und stark riechende Erde wird nach Erhitzung gegessen. Gelbliche Erde wird an der Küste von Guinea als Leckerbissen verzehrt. Auch auf Java, in Neukaledonien und auf Tigua wird Erde gegessen oder in das Essen gemischt. In Persien war das Erdeessen sehr verbreitet, bis es Ende des 19. Jahrhunderts verboten wurde. Ein weißer, feiner, etwas fettig anzufühlender Ton oder unregelmäßige, weiße, feste Knollen, die sich feinerdig anfühlen und etwas salzig schmecken, gelten dort als Delikatesse.

Heilerde

Die Heilerde ist ein fast in Vergessenheit geratenes Heilmittel, das für Jahrtausende bei bestimmten gesundheitlichen Problemen eine natürliche Hilfe darstellte. Heilerde besteht aus naturreiner Löss, entstanden aus Gesteinen, die mit den eiszeitlichen Gletschern aus dem Norden in unseren Raum gelangten. Durch Verwitterung verwandelte sich das Gestein in feines Pulver. Es wird getrocknet, gemahlen und gesiebt. In dieser Pulverform wird Heilerde eingesetzt, um störende Substanzen wie überschüssige Magen- und Gallensäure, Giftstoffe, Stoffwechselprodukte und schädliche Darmbakterien zu binden. Auch bei Durchfall soll Heilerde eine wohltuende Wirkung haben.

Russische Heilerde

Mumjo wird im tiefsten Russland gewonnen und ist eine Heilerde, der eine fast mystische Wirkung nachgesagt wird. Angeblich hätte ein Zar einst einen stolzen Hirsch angeschossen, der dann in eine Höhle geflohen sei, in der er das Mumjo von den Wänden geschleckt hätte und derart rasch geheilt wäre, dass der Zar ihn laufen lies und fortan Mumjo ernten lies.

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand