Das heimliche Leben der Blutegel
Wenn er hungrig geworden ist, durchpflügt er in eleganten Sinusschwingungen das Wasser seines Teiches oder er ruht, wartend und beobachtend auf einem Blatt an der Wasseroberfläche. Plötzlich schmeckt er mit seinen über den Körper verteilten Sinnesknospen Schweiß, vielleicht auch Blut und hält darauf zu. Er nimmt jede veränderte Wasserbewegung wahr, spürt die Richtung der Verursachung und orientiert sich mit seinen 5 Augenpaaren an den bewegten Schatten.
Es ist Hirudo, ein Medizinischer Blutegel, seines Zeichens Ringelwurm. Hat er sein Opfer gefunden, beginnt er mit der Feinortung. Dazu ist er ideal gebaut: der hintere, viel größere der beiden Saugnäpfe, dient einzig und allein der Festheftung und der spannerraupenartigen Fortbewegung am Boden. Der kleine Vordere dient darüber hinaus dem Sondieren der Opferhaut sowie dem Zersägen derselben. 80, fast identische Sägezähne befinden sich auf einem Halbkreis. Die Kalkzähnchen sind fest verankert in einem Kiefer aus verfestigter Muskelmasse auf einer Länge von einem halben Millimeter. Drei „Zahnleisten“ sind mit einem Winkel von je 120 Grad wie ein Mercedes-Stern angeordnet.
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Hochsensibel aber schmerzunempfindlich
Hat er sich einmal mit einem der Saugnäpfe festgesaugt, will er sich nicht mehr abstreifen lassen. Wenn er sein Blut noch nicht bekommen hat so bleibt er hartnäckig. Dann heftet er seine beiden Saugnäpfe je nach Bedarf im Wechsel an. Er will nicht weg, und diesen Wunsch verteidigt er mit einer erstaunlichen Verbissenheit. Paradox ist dabei seine Schmerzempfindlichkeit: zum Einen besitzt er Schmerzmelder sowie Sinneszellen, um sehr subtile Reize wahrnehmen zu können, zum anderen eigene zelluläre Vorrichtungen, um eigens produzierte, morphinähnliche Substanzen zur Schmerzlinderung einzusetzen, um sehr groben Attacken standhalten zu können.
Beim Saugakt nimmt der Egel Blut in einer Menge des fünffachen seines etwa 1-2 Gramm schweren Körpers auf. Aber Hirudo ist ein moderater Parasit. Er möchte niemandem Schaden zufügen. Sein Überlebenskonzept ist so einfach wie wirkungsvoll: er nutzt seinem Opfer mehr, als dass er schadet. Wenn er satt ist, begiebt er sich in eine lange Ruhephase, die über ein Jahr dauern kann.
Die Dimensionsverteilung zwischen Opfer und Angreifer ist etwas paradox und könnte den Egel das Leben kosten. Aber die geniale Krönung parasitärer Raffinesse ist das therapeutisch Hilfreiche des Blutegels, das seine Opfer zur Rückkehr bewegt, wenn sie den Nutzen des Bisses gespürt und dadurch Erleichterung erfahren haben.
Geniale Krönung parasitärer Raffinesse
Egel sind auf der ganzen Welt verbreitet, leben aber überwiegend im sauberen Wasser. Von den über 600 Arten zählen nur 8 zu den medizinisch genutzten Blutegeln, die zum Teil unter Artenschutz stehen. Blutegel werden seit über 3000 Jahren medizinisch erfolgreich eingesetzt. Ihr therapeutischer Einsatz bei Mensch und Tier reicht von Schmerzbehandlungen, Entzündungen, Furunkel, bis hin zu Krampfaderbeschwerden. Wer jetzt an „mittelalterliche Quacksalberei“ denkt, ist falsch gewickelt, denn heute gibt es mehr und mehr klinische Studien über die Verwendungen dieses Tierchens, die Wirksamkeiten werden nachgewiesen, so zuletzt geschehen bei Arthroseschmerzen.

Die Kalkzähnchen sind fest auf dem Kiefer verankert
Die Gefühle ändern sich
Anfängliche „Ekelwallungen“, die der Mensch gegenüber den Egeln oft hat, wandeln sich nach dem erfreuten Wahrnehmen einer deutlichen Schmerzlinderung in zärtliche „Egelwallungen“. Man beginnt aus Dankbarkeit in einer inneren Umkehr die Tiere regelrecht zu mögen. Wenn das Opfer nun – vielleicht sogar gesünder oder schmerzfreier – von dem Biss nicht geschädigt oder belästigt wird, so kehrt es auch zurück. Das nämlich ist die Technik der klugen Parasiten: wenn er seinem Wirt im Gegenzug für sein Blut etwas zurückgibt, kommt sein „Tauschpartner“ gerne zu weiterem Aderlass zurück. Also tut er, was er kann und befreit ihn von quälenden Gelenkschmerzen, Entzündungen und Gewebsstauungen. Für ihn, den Egel, bedeutet das „nachhaltige Nutzung“ oder „Ressourcenschonung“, für das Opfer unter Umständen sogar Heilung, aber keine Erkrankung durch Infektion.
Natürlicher Heilapparat
Der Egel ist ein mikrochirurgischer Heilapparats mit verschiedenen Funktionen. Eine ist die lokale Blutverdünnung mit hilfreicher Entstauung. Der Egel sondert durch seinen Speichel Hirudin aus, ein blutgerinnungshemmender Stoff, der vermeidet, dass der Egel festklebt, so lange der Biss dauert (ca. 20-60 Minuten, manchmal auch mehr). Es soll möglichst viel Blut gerinnungsfrei fließen, damit das Blut im Egel nicht zu einer riesigen „Verstopfung“ führt. Eine andere Funktion wird ebenso mit 30 bis 40 Stoffen aus dem Speichel, der aus Kanälchen, die zwischen den Zähnen liegen, stammt, ermöglicht: die meisten dieser Salivasubstanzen sind noch nicht erforscht, dienen aber unter anderem dem Effekt, die Wunde für zwölf Stunden offen und blutend zu halten. In dieser Zeit reinigt sich die Wunde. Der auf der Seite des Opfers resultierende Blutverlust entspricht bei vier Egeln pro Sitzung inklusive dem Nachbluten fast 100 Gramm innerhalb von 12 Stunden, was einem sanften Aderlass und entsprechender Linderung entspricht. Weitere Effekte sind die Schmerzlinderung, Entzündungshemmung, sowie antibiotische Eigenschaften.
Kein hirnloser Helfer
Der Egel ist mehr als nur ein parasitärer Wurm. Er verfügt über ein soziales Verhalten und betreibt eine Art "Nestbau mit Brutpflege": Mama Egel sorgt sehr sorgfältig und verantwortungsbewusst dafür, dass ihre Kokons, in denen sich bis zu 30 Egeln entwickeln können, an einen Ort zu liegen kommen, an dem die Egelbabys weder ertrinken noch vertrocknen können. Was man diesen auf den ersten Blick unscheinbar und primitiv erscheinenden Ringelwürmern nicht zutrauen würde: die Gefühlswelt der medizinischen Blutegel ist äußerst komplex. Sie dient nicht nur den Egeln selbst, sondern auch ihren Wirten. Um allen Anforderungen – die sie bis heute erfüllen können - gerecht werden zu können, stattete die Evolution Hirudo mit hoch-differenzierten Strukturen und Substanzen aus. Spezialisierte Zellen, Transmittersubstanzen und andere biologische Strukturen dienen zur Wahrnehmung von optischen mechanischen und chemischen Reizen, sowie von Temperaturen. Er verfügt über Schmerzrezeptoren, wodurch er davor bewahrt wird, bei zu heftigen Versuchen ihn abzustreifen, gar tödlich verletzt zu werden.
Wegen dieser letzten Fähigkeit ist es auch ratsam, in der Therapie vorsichtig mit ihnen umzugehen, weil Schmerzwahrnehmung eben ihren Appetit überlagert und sie gegebenenfalls mit ihrer heilsamen Arbeit aufhören.
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Dr. Manfred Roth










