Bornaviren
Früher galt die Diagnose Borna-Krankheit als unwiderrufliches Todesurteil. Forschungsarbeiten an der Freien Universität und am Robert Koch-Institut in Berlin haben nun ergeben, dass von 100 Pferden in Deutschland 60 das Bornavirus (englisch: Borna disease virus, BDV) in sich tragen und ca. 16 % der Infizierten unter Symptomen leiden, die durch das Virus mit verursacht werden.
Die Bornasche Krankheit (vielmehr die Infektion) ist, wie wir heute wissen, weltweit verbreitet, und unter natürlichen Bedingungen bei Pferd, Schaf, Rind, Katze, Affe und kürzlich auch für den Menschen beschrieben, wobei das Pferd den natürlichen Wirt abgibt (Übersicht bei Bode, 1999, Habil. Schrift, FU Berlin).
Bornavirus Infektion ist nicht unbedingt tödlich
Die klassischen Krankheitsbegriffe: »Gehirnentzündung«, »hitzige Kopfkrankheit«, seuchenhafte Gehirn-Rückenmarksentzündung oder auch nicht eitrige Meningo-Enzephalomyelitis deuten bereits auf die Symptomatik hin und werden durch die hervorstechenden Krankheitsmerkmale, wie Apathie, Ängstlichkeit, Fressunlust, Schwindel, Gangunsicherheit, Kopfschlagen, Kolik und Festliegen in der älteren Literatur belegt. Das klinische Bild, das vor allem von einem patho-physiologischen Geschehen im Gehirn und Auge ausgeht, ist aus heutiger Sicht wesentlich facettenreicher. Es gehörte auch zum Dogma, dass in diesen Fällen mit einer hohen Mortalitätsrate von 80-90% zu rechnen sei. Durch unsere neueren Untersuchungen, dass in der Mehrzahl gesunder Virusträger neben den klinisch erkrankten die Infektion symptomfrei bleibt, hat sich die Sichtweise grundsätzlich und dramatisch geändert (Bode, 1999; Dieckhöfer et al., 2004, Tierärztl. Umschau 59, 619-32).
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Das Kräfteverhältnis zwischen Virus und Immunsystem entscheidet letztendlich, wie vital das Pferd bleibt
Verhaltens- und Bewusstseinsstörungen
Neu ist, dass fortgeschrittene klinische Verläufe sich völlig zurückbilden können und dass die Krankheit in Phasen verläuft. Meist kommt es jedoch zu mehr oder minder auffälligen Veränderungen des Normalverhaltens und Bewusstseins, sowie Störungen im Sensorium und der Motorik (Bode, 1999).
Wir haben an 20.000 lebenden Pferden Tests zur Feststellung der Bornavirus Infektion durchgeführt. Es ergab sich ein wesentlich differenzierteres Bild des Infektionsgeschehens. Die große Anzahl infizierter, aber nicht auffälliger oder erkrankter Tiere sollte die Pferdebesitzer in erhöhte Aufmerksamkeit versetzen.
Symptomatik und Übertragung
Wir wissen heute, dass erste Symptome im Krankheitsgeschehen durchweg uncharakteristisch sein können und diagnostisch in eine völlig falsche Richtung zielen. Die Mehrzahl der dem Tierarzt oder der Klinik vorgestellten Tiere laufen unter dem Vorbericht: Pferd verhält sich eigenartig. Vielfach wird auch über Harnabsatzbeschwerden, Leistungsschwäche und Husten berichtet, sowie der Verdacht auf Tetanus, Listeriose oder Leberentzündung geäußert. Zu Beginn der Erkrankung werden häufig geringe bis mittlere, kaum über 40°C reichende Temperaturen gemessen. Im Verlauf der Krankheit können sich die Temperaturen vermindern, steigen beim Fortschreiten des Geschehens mit schwereren Symptomen allerdings wieder an.
Das Bornavirus wird mit Sicherheit von der Stute auf das Fohlen übertragen, kann sich jedoch auch von Tier zu Tier ausbreiten. Hier spielt das Eindringen des Virus über den Riechkolben in das zentrale Nervensystem die Hauptrolle.
Stress fördert Krankheitsschübe
Einmal im Zentralhirn angekommen, vermehrt sich Bornavirus nur langsam und zu geringem Titer. Dabei kommt es zu keiner Zellzerstörung und das Virus ist im Nervensystem, in dem es sich über die Axone (die langen, faserartigen Fortsätze der Nervenzelle) ausbreitet, auch gut vor dem Immunsystem geschützt. Charakteristisch für dieses Virus ist, dass es phasenweise verstärkt, also in Schüben auftritt. Über die Ursache einer vermehrten Replikation können derzeit nur Vermutungen angestellt werden. Stress aller Art nimmt mit Sicherheit eine zentrale Rolle ein und scheint für solche Schübe hauptamtlich verantwortlich zu sein.

Auffällige Veränderungen des Normalverhaltens undLeistungsabfall gehören zu den Symptomen einer Infektion
mit dem Borna-Virus
Borna und Herpes ständige Begleiter?
Man geht mittlerweile davon aus, dass im europäischen Raum etwa 60 Prozent der Pferde das Bornavirus in sich tragen, wobei etwa ein Sechstel der Infizierten krank werden kann. Ähnlich dem equinen Herpes-Virus Typ-1 scheint also das Bornavirus latent in Beständen und Populationen zu zirkulieren.
Häufig berichten uns Pferdehalter nur von Temperamentsverlust bzw. Gemütsveränderungen der Tiere. So kann es etwa vorkommen, dass das sonst ruhige Pferd plötzlich beim Heufressen innehält – ohne jegliche erkennbare Ursache. Die alte Literatur spricht dann vom „Pfeifen rauchen“. Wir vermuten auch, dass das plötzliche Einschlafen (Narkolepsie) mit Bornavirus-Aktivierung zusammenhängt. Sicher ist, dass erhöhte Stresseinwirkung das Pferd mehr und mehr in einen Erschöpfungszustand versetzt, der sich in Leistungsschwäche ausdrücken kann. Aus experimentellen Untersuchungen ist bekannt, dass die Bornavirus Infektion zu Lerndefiziten führt (Dieckhöfer et al., 2004).
Headshaker oft Bornavirus infiziert
Das klinisch allfällig bekannte Bild des „Kopfschüttlers“ (sogenannter Headshaker), prägt sich oftmals gepaart mit Antriebslosigkeit und deutlicher Müdigkeit aus. Das Pferd steht teilnahmslos in der Stallecke und scheut in auffälliger Weise das Licht. Viele dieser erkrankten Pferde wirken traurig, depressiv, nehmen die Umwelt nur bedingt wahr, reagieren phasenweise kaum auf Zuruf, verlieren ihre Stellung in der Rangordnung und sondern sich von der Herde ab. Solche Wesensänderungen weisen eindeutig auf eine Bornavirus Aktivierung hin. Sie gehören nicht zum normalen Verhaltensrepertoire des wachen Fluchttieres Pferd und bedürfen einer speziellen Beachtung und bei Nachweis der Infektionsmarker einer strikten Behandlung mit Amantadin Sulfat (siehe Dieckhöfer et al., 2004).
Je länger das Pferd erkrankt ist, desto schlimmer
Die Antigene des Bornavirus sind sehr stabil und werden selbst im Komplex mit Antikörpern von körpereigenen Enzymen nur langsam abgebaut. Sich wiederholende Schübe führen damit zu einer Akkumulation von Virusmaterial im Körper, das über den Bluttest gemessen werden kann. Dies bedeutet auch, dass sich eine Infektion mit Bornaviren als sich selbst verstärkende Negativ-Spirale entwickeln kann: Sobald das Pferd durch die Erkrankung gestresst ist, fördert es damit die Virusvermehrung.
Im Körper kommt es letztendlich auf das Kräfteverhältnis zwischen Immunsystem und Virus an. Man weiß mittlerweile, dass eine gewisse (geringere) Antigenbelastung durch die viralen Proteine gut toleriert werden kann. Hohe, zirkulierende Antigenmengen im Blut spiegeln jedoch eine Belastung für den Organismus wieder. Über Monate gleich bleibend hohe Antigenwerte erhöhen so das Risiko einer manifesten Erkrankung, wie wir an einem Seuchenzug im Saarland zwingend nachweisen konnten (Dieckhöfer et al., 2004).
Umstallungen und Impfungen sind Stress
Jegliche Belastung des Tieres, wie Umstallung, auch Impfungen oder sogar Wurmkuren haben einen Anstieg der Virus-Parameter gezeigt. Stressoren wie erhöhte Leistungsforderungen, einseitige Fütterung, sowie zu schnell und unkontrolliert verabreichte Immun-Supressiva können das Pferd in die Krankheit treiben, indem die ruhende, persistente Infektion aufflackert und zu deutlicher Virus-bezogener Symptomatik führt.
Im Zusammenhang mit der hohen Infektionsrate in der Pferdepopulation stellt sich die Frage der Rasse-Sensitivität. Wir können bei den Tausenden von Pferden, die wir untersucht haben, gewisse Hinweise auf die Empfindlichkeit der Kleinpferde, vor allem der Ponys für eine Virusaktivierungen geben. Ansonsten hebt sich keine Rasse durch eine Prävalenz hervor.
Empfehlungen an die Tiermediziner sowie -besitzer
Im letzten Jahrhundert hat sich das Risikoprofil einer Bornavirus Infektion -auch bedingt durch den Wandel des Pferdes vom „Nutztier für die Landwirtschaft und Militär“ zum Hobbytier - entscheidend geändert. Da jedes zweite Pferd infiziert ist, hat sich, wie unsere Testergebnisse gezeigt haben, ein breites Spektrum an Auffälligkeiten im Verhalten und in der Symptomatik ergeben. Dies muss vom Tiermediziner, vom Züchter, vom Pferde Im- und Exporteur beachtet werden.
Jegliche Impfung gegen das Bornavirus muss aufgrund der hohen Durchseuchung -insbesondere für das stressempfindliche Pferd- kritisch hinterfragt werden. Zu einer günstigen Gesundheitsüberwachung gehört auch die Kenntnis des Bornavirus-Infektionsstatus im Pferdebestand. Unsere Erfahrungen lehren außerdem, die Möglichkeit einer Übertragung des Virus vom Tier auf den Menschen, obwohl bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen, d.h. die zoonotischen Aspekte, nicht aus dem Auge zu lassen und zu unterschätzen.
Weitere Literatur und Informationen zum Thema Borna können beim Autor unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. oder Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. -berlin angefordert werden.

Headshaking wird seit längerer Zeit bereits mit Virusinfektionen in Verbindung gesehen
Prof. Dr. med.vet. Dr. Hanns Ludwig
Virus schwer diagnostizierbar
Die Infektion mit Bornavirus ist nicht zellzerstörend und damit nur durch erschwerte Nachweismethoden zu messen. Sie löst anhaltende Infektionen aus. Dies wurde beim Pferd und anderen Tieren schon länger vermutet und ist auch durch umfassende neuere klinische und immunhistologische Untersuchungen bei natürlichen wie experimentellen Infektionen bestätigt worden. Diese Sondereigenschaften führten zu einer erst späten Charakterisierung des Agens in den 1990ern Jahren: Das Virus ist verwandt mit Tollwut- und Masern Virus und trägt eine Einzelstrang-RNA als Erbmaterial, von der die zwei ersten Gene ihre Eiweiße im Übermaß produzieren, was diese beiden im Blut schwimmenden Eiweiße für die Diagnostik besonders geeignet macht.
Ein spezieller Test gibt Aufschluss
Routinemäßig werden 10 ml Citratblut für die Untersuchung von Infektionsmarkern verwendet. Die Testung basiert auf dem Nachweis geringster Mengen von BDV-spezifischen Eiweißen im Plasma, zirkulierenden Immunkomplexen, sowie Antikörper in einem Enzym-Test (dem sogenannten Triple-ELISA). Im Testsystem dienen die spezifischen monoklonalen Antikörper zum Fangen der Antigene oder Immunkomplexe aus dem Blut, eine einfache sehr empfindliche und dabei hoch-spezifische Methode, die sonstigen, z.B. fluoreszenzserologischen Nachweismethoden, weit überlegen ist.
Letztere ist mit erheblichen Fehlern belastet und misst (wenn überhaupt) lediglich das Vorliegen einer Infektion, erlaubt jedoch keine Aussage zum Infektions- bzw. Krankheitsstand. Unsere Immunkomplex- bzw. Antigentiter- Messungen hingegen laufen parallel zum Gesundheitszustand, d.h. auch dem Krankheitsgeschehen des Tieres und geben Aufschluss über das Ausmaß der Bornavirus Aktivierung und den zeitlichen Verlauf. Liegt nur Antigen vor, so befindet sich das kranke Pferd in einem akuten Schub, bei entsprechend hohen Immunkomplex-Werten liegt die Virusvermehrung zurück oder dauert an.
Zuverlässige Testverfahren bietet zum Beispiel derzeit das diagnostische Labor DIAMEDIS in Bielefeld an. www.diamedis.eu

Dr. med. vet. Hanns Ludwig
Dr. med. vet. Hanns Ludwig ist Univ.-Prof. für Virologie an der Freien Universität Berlin. Nach Studium der Humanmedizin und Wechsel zur Tiermedizin in Giessen und Zürich, nach Lehr- (Promotion in Ethologie; publiziert bei K. Lorenz) und Wanderjahren an der Justus-Liebig-Universität (ILU) Giessen (Institut für Hygiene und Infektionskrankheiten d. Tiere; Prof. Ulbrich), dann am Baylor College of Medicine (Dept. of Virology & Epidemiology; Prof. Melnick) Houston, Texas und in den Kovler Laboratories (Molecular Biology; Prof. Roizman) der University of Chicago, und nach Habilitation über das genetische Material von humanen und tierischen Herpesviren am Institut f. Virologie, ILU Giessen (Prof. Rott), hat H. Ludwig 1978 den Ruf an die Freie Universität Berlin angenommen. Kürzlich konnte er das von ihm gegründete Institut für Virologie an seinen Nachfolger übergeben.
Dr. Ludwig arbeitet seit 1968 am Problem der Bornavirus Infektion bei Tieren, später zusammen mit Frau Dr. Liv Bode vom Robert Koch-Institut, an der Ausprägung dieser neurotropen Virusinfektion beim Menschen. Die Berliner Arbeitsgruppe ist auf diesem infektionsmedizinischen Gebiet (zoonotische Aspekte einschließend) international führend.
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