Interview mit Manfred Hölzel
Ist man hoffnungslos veraltet oder steuert die Reiterei nun einer einzigartig humanen Zukunft entgegen? Diese Frage stellt man sich heute, wenn man feststellt, wie viele verschiedene Ausbildungsweisen für Reiter und Pferd angeboten werden und man selbst doch noch ausschließlich bei alten Kavalleristen reiten gelernt hat. Um uns über diese Frage mehr Klarheit zu verschaffen, machten wir uns auf den Weg zu Manfred Hölzel in die Körschmühle in Stuttgart-Möhringen.
Wir suchten einen kompetenten Ansprechpartner, der generationenübergreifend tätig ist, um zu erfahren, ob früher wirklich alles besser war. Der 68-jährige Manfred Hölzel ist waschechter Schwabe mit der Bescheidenheit, die wir in dieser vollendeten Form nur im „Ländle“ finden. Er ist Turnierrichter bis zum Grand Prix und war höchst erfolgreicher Reiter in allen Disziplinen. Bekannt ist auch sein 1999 verstorbener Bruder Dr. Wolfgang Hölzel, der ebenfalls im Reitsport sehr erfolgreich war und zahlreiche Fachbücher geschrieben hat, u. a. gemeinsam mit Martin Plewa das Buch „Profi-Tips für Reiter“, das Maßstäbe für eine moderne Ausbildungslehre setzt.
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FutterJournal:
Woher stammt Ihre große Erfahrung in der Reiterei?
Manfred Hölzel:
Vor allem von meinem Vater, 1914 geboren. Er war bei der Kavallerie und im Reiterregiment 18 in Bad Cannstatt stationiert. Im Zweiten Weltkrieg war er bei der berittenen Einheit und kam vom Russlandfeldzug verwundet zurück. 1949 baute er einen Reitstall in Bad Cannstatt auf und zog mit ihm 1953 in die Körschmühle um. Da damals noch nicht die Möglichkeit bestand, eine Lehre als Bereiter zu machen, ging ich beim Vater in die Lehre und besuchte daneben die Handelsschule.
FutterJournal:
Wie wichtig war die Kavallerie-Erfahrung Ihres Vaters für Sie?
Manfred Hölzel:
Mein Vater prägte mich entscheidend im Umgang mit Pferden. Er legte besonderes Gewicht auf das Anreiten von Remonten (jungen, drei- bis vierjährigen Pferden) und auf die Förderung jugendlicher Reiter, bei der ihm seine frühere Erfahrung in der Ausbildung von Rekruten zugute kam.
Ich habe gelernt, viel Wert auf die Dressurarbeit zu legen. Das gilt auch für Springpferde (wie für alle Sparten der Reiterei), für deren Ausbildung die Dressurarbeit Grundlage ist und die durch die Dressur wesentlich verbessert werden. Für mich besteht noch heute der größte Reiz darin, ein dreijähriges Pferd bis zum Grand Prix zu fördern. Ein Pferd von Anfang an in Ruhe auszubilden, ist immer dankbarer, als ein geschädigtes Pferd zu korrigieren. Leider nehmen sich die meisten heute nicht mehr die hierfür notwendige Zeit! Wenn ich ein von mir ausgebildetes Pferd verkaufe, dann am liebsten an einen Reiter in meinem Stall, den ich dann gemeinsam mit dem Pferd durch Unterricht gezielt weiter bringe. Dabei ist es sehr wichtig, das Pferd entsprechend seiner Veranlagung zu nutzen, die leider oft nicht richtig erkannt wird. Ein ambitionierter Dressurreiter sollte nur ein Pferd reiten, das für die Dressur wirklich geeignet ist. Dasselbe gilt für den Springsport.
FutterJournal:
Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass es heute eine so große Fülle von Literatur über den Pferdesport gibt?
Manfred Hölzel:
Da die meisten Pferdefreunde heute nicht mehr mit Pferden aufwachsen und der Kontakt zur Generation der Großeltern mit ihrer Pferdeerfahrung kaum oder gar nicht mehr besteht, herrscht ein Informationsdefizit, das den großen Bedarf an Fachbüchern erklärt.
FutterJournal:
Woher kommt es, dass inzwischen so viele verschiedene Reitweisen angeboten werden?
Manfred Hölzel:
Der Freizeitsport Reiten hat sich längst zum Breitensport entwickelt. Die Reiter suchen neben der Leistung im Turniersport vor allem die Bewegung mit dem Pferd in der Natur. Dadurch ist ein Trend z. B. zum Islandpferde-Reiten und zum Westernreiten als alternative Möglichkeiten zur klassischen Lehre der Kavallerieschule entstanden.
FutterJournal:
Was hat sich im Vergleich zu früher hauptsächlich verändert?
Manfred Hölzel:
Die größte Veränderung hat in der Pferdezucht stattgefunden. Die Pferde von heute machen es den Reitern wesentlich einfacher als früher, besonders was Rittigkeit und Kooperationsbereitschaft angeht. Sie verfügen zum Beispiel über ideale Kopf-Hals-Ansätze und gehen leichter durchs Genick.
FutterJournal:
Wenn die Ausbildung durch diese Vorteile leichter geworden ist, besteht da nicht die Gefahr, dass man das ausnützt und zu schnell vorgeht?
Manfred Hölzel:
Das ist zweifellos der Fall, die Gefahr des Missbrauchs liegt nahe. Früher musste man es bitter büßen, wenn man in der Ausbildung Fehler machte, die Pferde „zahlten es einem heim“, indem sie sich z. B. so fest machten, dass man danach lange Zeit brauchte, um sie wieder zu lösen. Heutzutage machen schon dreijährige Pferde gutmütig mehr mit als früher, dafür wächst die Gefahr des frühzeitigen Verschleißes. Die Ausbildungszeit darf nicht verkürzt werden, wenn das Pferd weder physisch noch psychisch Schaden nehmen soll.
FutterJournal:
Was hat sich bei der Ausbildung von Reitern geändert?
Manfred Hölzel:
Die Reiterei ist zu einem Sport geworden, der um seiner selbst willen betrieben wird und Freude macht, nicht mehr den oft rauhen Zwängen der Kavallerie unterworfen ist. Während bisher jede Generation einen Krieg erlebt hat, sind wir zum ersten Mal vor ihm verschont geblieben. Wir geben emotionalen und humanitären Entwicklungen mehr Raum. Für Kinder ist der Umgang mit dem Pferd auch heute durch nichts zu ersetzen. Kinder können all ihre Gefühle in das Pferd investieren, auf der anderen Seite spiegelt das Pferd, unbestechlich und unvoreingenommen, ihr Verhalten wider. Es „bestraft“ falsches Verhalten durch deutliche Reaktionen. Für Kinder und Jugendliche ist das Pferd als Lebewesen – anders als z. B. der Tennisschläger – ein wichtiger erzieherischer Faktor.
FutterJournal:
Wie steht es um die Regeln der Kavallerieschule? Sind sie veraltet?
Manfred Hölzel:
Regeln wie zum Beispiel links auf- und abzusitzen, links mit dem Putzen anzufangen, die linke Hand zur Zügelhand zu machen, um die rechte Hand als „Kampfhand“ frei zu halten, sind Regeln, die zweckgebunden waren und heute ihre absolute Gültigkeit weitgehend verloren haben. Wenn diese Dinge allerdings lange eingeübt wurden, sind sie zur eingefleischten Gewohnheit geworden und dienen dann der Sicherheit.
FutterJournal:
Was sind nach Ihrer Meinung die wichtigsten Kavallerieregeln, die heute noch gelten?
Manfred Hölzel:
Neben der Ausbildungsskala sind es vor allem die Sicherheitsregeln, die eher noch wichtiger als früher sind und in alle Ausbildunsgphasen eingebaut sein müssen. Reiten ist ein Sport mit hohem Unfallrisiko. Gefahrenfaktoren müssen erkannt, die Regeln zur Vermeidung von Unfällen gelernt werden.
FutterJournal:
Früher wurden die Pferde in Ständern und später in oft dunklen und zu kleinen Boxen gehalten. Was hat sich hier geändert?
Manfred Hölzel:
Eigentlich alles. Das Pferd als Freizeitpartner wird heute besser behandelt als früher. Ständerhaltung ist mit Recht verboten worden, die Boxen müssen die Maße von mindestens 3 mal 3 Meter haben. Selbst das berücksichtigt den Individualabstand zum Nachbarn nicht genügend. Vor allem um dem (sehr individuellen) Bewegungsbedarf des Pferdes Rechnung zu tragen, sind Paddockhaltung und / oder stundenweiser Weidegang dringend anzuraten. In den meisten Ställen wird dies heutzutage angeboten. Ist der Bewegungsbedarf abgedeckt, ist das Pferd ausgeglichener; es muss unter dem Reiter nicht zuerst die angestaute Energie abbauen und ist physisch und psychisch besser in der Lage zu lernen.
FutterJournal:
Worauf sollten wir in der heutigen Zeit noch mehr achten?
Manfred Hölzel:
In der Ausbildung ist es besonders wichtig, dem Pferd angstfrei und ohne Druck unsere Anweisungen zu vermitteln. Bereits in der Prägephase können wir durch den Umgang mit ihm Druck abbauen. Wenn es etwas nicht verstanden hat, darf das Pferd nicht bestraft werden. Wir sollten uns in das Pferd hineinfühlen und darauf hin arbeiten, dass es versteht, was wir von ihm verlangen.
FutterJournal:
Mit wesentlich subtileren Methoden werden heute die Grenzen verlagert. Was sagen Sie zu Doping und Rollkur?
Manfred Hölzel:
Absolut indiskutabel. Leider ist der Einsatz von Schlaufzügeln eine Modeerscheinung, die immer wieder auftritt. Von Profis angewandt, wird sie von Amateuren nachgemacht und richtet so weiträumigen Schaden an. Doping ist Betrug und hat mit dem sportlichen Gedanken nichts zu tun. Die krasse Erhöhung der Preisgelder geht auf Kosten der Pferde. Es herrscht ein Wettlauf zwischen Pharmazie, Verbotener Liste und der Nachweisbarkeit. In Peking kam es zum Eklat, weil das Labor vor Ort eingerichtet, die Möglichkeit des Vertuschens also gleich null war. Früher galten erfolgreiche Sportler als Vorbilder sowohl wegen ihrer Leistung als auch im menschlichen Sinn. Heute lassen viele ihre Vorbildfunktion vermarkten und für Werbezwecke einsetzen.
FutterJournal:
Wie können wir uns gezielt über den richtigen Umgang mit Pferden informieren?
Manfred Hölzel:
Nach wie vor ist qualifizierter Unterricht die beste Möglichkeit zur praxisorientierten Information. Beim Ablegen eines Reitabzeichens wird notwendiges Wissen systematisch erlernt und abgefragt. Außerdem finden sich alle wichtigen Informationen in den Richtlinien der FN, in der erwähnten reichhaltigen Literatur und – natürlich vor allem auch in den Büchern meines Bruders.
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Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand, das Interview führte Elke Horlacher










