Wendelinus Hof – Portrait Christina und Werner Staab
Auf einer Hochebene über dem Odenwald, an der Grenze zum westlichsten Bayern, liegt der Wendelinus Hof. Die Besitzer Christina und Werner Staab führen hier in Breitenbuch einen alternativen Pferdehof. Auf die Bedürfnisse alter und kranker Pferde, die Frau Staab als Tierheilpraktikerin betreut, wird in jeder Hinsicht Rücksicht genommen.
Seit Jahren hat sich Christina Staab Gedanken über eine sichere, art- und bedürfnisgerechte Haltung für das Pferd gemacht. Auf ihrem eigenen Hof hat sie mit Hilfe ihres Mannes ihre Vorstellungen kompromislos verwirklicht. An einigen Beispielen soll gezeigt werden, welche Ziele Frau Staab verfolgt und wie ihre Maßnahmen aussehen. Ihr Anliegen ist, auch andere Pferdehalter zu inspirieren, über Haltungsbedingungen nachzudenken und mit einfachen Mitteln in die Tat umzusetzen.
Frische Luft und staubfreie Ernährung
Aufgrund der Tatsache, daß viele ihrer Patienten Atemwegsprobleme haben, ist Frau Staab überzeugt, daß frische Luft und eine nahezu staubfreie Umgebung für Pferde notwendig sind. Die Pferde können ständig Frischluft genießen, wobei freie Wahl zwischen Offenstall mit Windschutz, Weide oder Paddock besteht.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das Heu. Es kommt aus einer Entfernung von 50km, denn Frau Staab ist der Meinung, daß Heu nicht vom gleichen Ort wie die Weide kommen sollte. Damit könnte sie durchaus recht haben. Denkt man an typische Mangelgebiete, wäre man froh, Heu aus einer Gegend zu beziehen, in der kein offensichtliches Defizit herrscht. Das Heu wird in kleinen Ballen auf dem Dachboden des Haupthauses gelagert. Vor dem Verfüttern wird es aufgeschüttelt und in einen vergitterten Schacht an der Außenwand hinabgeworfen. Der Vorteil: ein ständiger Windzug weht durch den Schacht, so daß Staub und feine Partikel vom Wind weggetragen werden können. Das am Ende des Schachts zu entnehmende Heu ist weit weniger mit Staub belastet, als wenn es nur aufgeschüttelt worden wäre!
Heuallergiker erhalten ihr Heu eingeweicht. Dazu ist mit einfachsten Mitteln eine Heuwanne aus einem oben aufgeschnittenen Palettencontainer gebastelt worden. Der Heuballen ruht auf einem Stahlgitter und wird durch einen Flaschenzug in das Tauchbecken gesetzt. So ist ein leichtes Wässern und Entnehmen ganzer Heuballen - auch für eine Frau – problemlos möglich. Das benutzte Wasser (welches Pferde sehr gerne trinken) fließt später aus dem Hahn des Palettencontainers heraus.
Rund statt eckig

Die frostsichere Wasserzuleitung
Verletzungen können Probleme in der Gruppenhaltung von Pferden bereiten. Wo normalerweise Kanten, Ösen oder Haken ein Verletzungsrisiko beim Pferd darstellen, sind auf dem Wendelinushof diese Risiken mit einfachsten Mitteln umgangen worden. Dazu gehört, daß Boden, Boxenausgänge und Pfosten aus runden Werkstoffen hergestellt sind. Warum immer Haken? Eingeschliffene Kerben erfüllen den gleichen Zweck und man kann nicht daran hängenbleiben. Sicherheit bieten auch die Boxentüren, die aus einer einfachen Holzlatte bestehen und bei Panik einen Ausbruch möglich machen.
Wahlmöglichkeit vorhanden
Die Pferde können selbst wählen, ob sie sich draußen im Freien und Hellen, oder drinnen, im relativ dunklen Stall aufhalten möchten. Im dunklen Stall sind die Pferde sicher vor Insekten, die im Allgemeinen die Dunkelheit meiden.
Auf das Pferd als Herdentier wird Rücksicht genommen. Daher werden Neuankömmlinge zuerst mit einem ausgesuchten Senior zusammen in die neue Gruppe eingeführt. Jedes Pferd kann eine eigene Box aufsuchen und wird seinem Bedarf gerecht individuell gefüttert. Frau Staab achtet auf strenge Weide- und Stallhygiene. Täglich werden die Ställe gemistet und Pferdeäpfel von der Weide gesammelt.
Die Paddocks sind unterteilt in weichen, mittelharten und harten Grund. Tiefer Sand soll zum Wälzen animieren und Hufrehepatienten Erleichterung bringen. Mineralbeton gibt den Hufen festen Untergrund.

Verletzungsgefahr minimieren. Hier mit Rohren und Teppichen
Wasser fließt überall
Besonders wichtig für alte und kranke Pferde: Wasser steht überall zur Verfügung. Alte, meist arthrotische Pferde haben (wie auch alte Menschen) weniger Lust, Wasser zu trinken; und erst recht nicht, wegen Wasser längere Strecken zu laufen. Also sind überall Tröge aufgestellt, aus denen die Pferde ständig trinken können. In den Ställen sorgen beheizte Selbsttränken für Wasser auch in der kalten Jahreszeit. Mit einem sich selbst entleerenden Schlauchsystem (Wasserhahn in hoher Höhe angebracht; das Wasser fließt grundsätzlich nach unten) kann Frau Staab sicher gehen, daß Wasser im Winter nicht einfriert und den Schlauch zum Platzen bringt.
Plastik-Trockensiebe aus der Papierindustrie

Frau Staab demonstriert gerade,
daß die Heuraufe zu jeder Seite
nachgibt und sich Pferde so
weniger verletzten können.
Herr Staab arbeitet in der Papierindustrie. So kam er an ein interessantes Baumaterial, sogenannte Plastik-Trockensiebe, mit dem er Padocks vom Boden her gegen stauende Nässe stabilisierte, Wände knabbersicher und den Windfang stabilisieren konnte. An vielen Stellen wurden alte Auto- und Traktorreifen benutzt, um Sicherheit vor Verletzungen zu bieten.
Nachgiebigkeit statt Starre
Starre Gebilde können die Unfallgefahr mit Pferden erhöhen. Daher wurden viele Einrichtungen nachgiebig gebaut. Angefangen mit flexiblen Elektrobändern hin zu einer in sich nachgebenden Futterstellenüberdachung aus Holz und Gummi.
Pferd hat Vorrang
Aber es leben ja noch andere Tiere auf dem Wendelinushof. Zum Beispiel die vielen Vögel, vor allem Schwalben, die Schadinsekten verzehren. So sind für alle Vögel Nistmöglichkeiten vorgesehen, sowie vogelfreundliche Bepflanzung und überdachte Fütterungsstellen. Die für die Vögel sicheren Vogelhäuschen sind selbstverständlich selbst gebaut. Je mehr Vögel sich auf dem Gelände befinden, desto sicherer ist die biologische Fliegenbekämpfung.
Die "biologische Mäusebekämpfung" wird im komfortablen Katzenhaus gepflegt. Für die vielen Katzen sind insgesamt 4 Futter- und Schlafplätze eingerichtet. So ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus ist sogar mit Sichtfenstern ausgestattet. Klar, daß das Katzenhaus in sicherem Abstand zum Vogelhaus liegt.
Das ganze Anwesen ist durchdacht und man könnte noch unendlich vieles, was man auf dem Wendelinunshof entdeckt, beschreiben. Vielleicht haben Sie aber einfach mal Lust, auf dem Hof vorbeizuschauen, Sie sind herzlich eingeladen! Hier die Adresse: Wendelinushof, Breitenbuch 20 in 63931 Kirchzell.
Barbara Wetterroth










