Der Zwerg und der Zigeuner

03IntroRasseportrait: Tinker und Shettland-Ponies

Wir verlassen das europäische Festland und werfen einen Blick auf die britischen Inseln. Betrachten wir zwei englisch-stammende Rassen, denen ihr meist geschecktes Äußeres gemeinsam ist: Der Tinker und das Shetland Pony.

Kleine Kelten

Das Shetland Pony ist Inbegriff für das niedliche, eigenwillige Pony schlechthin. Es stammt von den Shetlandinseln, die etwa 170 km nordöstlich des schottischen Festlandes liegen, wo eine karge Vegetation und äußerst harte klimatischen Bedingungen das Shetland Pony nicht nur zu einem äußerst zähen und ausdauernden Überlebenskünstler gemacht haben, sondern auch zu einem echten Zwerg. Die Shettis müssen bereits vor 2500 Jahren von einem keltischen Volk mit Schiffen auf die Shetlandinseln gekommen sein und streiften bereits schon lange vor der Invasion der Wikinger im 8.-9. Jahrhundert durch die Berge und Moore. Die massive Abholzung der Wälder führte zu einer Verschlimmerung der Lebensgrundlage dieser Ponies.

Schwere Schicksale

Seit jeher wurden die Ponies von den Bewohnern in ihrer Heimat als Lasttiere für Torf, Seetang und Lebensmittel sowie zur Bodenbearbeitung eingesetzt. Bereits die Wikinger nutzten sie als Lastenträger und sogar als Reittiere. Besonders ihre Robustheit, Ausdauer und Genügsamkeit wurden früher wie heute geschätzt. Daß solche Eigenschaften einer knallharten Selektion entspringen, ist nachvollziehbar. Vor allem in der Zeit der Industrialisierung, um 1850, avancierten die Shettis zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Kohlenförderung. Aufgrund ihrer Größe wurden sie unter Tage eingesetzt und mußten dort Schwerstarbeit ohne natürliches Licht leisten. Mit fortschreitender Industrialisierung wurden sie überflüssig und wurden in großer Zahl dem Schlachter zugeführt.

Shettis als Kinderpferde

Bei uns sind Shetland Ponies seit der Jahrhundertwende bekannt und als Kinder- und Anfängerponies sehr beliebt. Sie werden mittlerweile in drei Typen gezüchtet, dem Mini Typ, der nur bis zu 87 cm Stockmaß erreicht, dem Originaltyp und dem sportlichen Typ.

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Outfit

Die farbenfrohen Shetland Ponies haben in der Regel ein Stockmaß von 87 bis 107 cm, das Gewicht liegt zwischen 160 und 220 kg Körpergewicht. Ihr kleiner edler Kopf mit den kleinen Ohren und den großen Augen läßt nicht nur Kinderherzen schmelzen. Die wuschelige, dichte Mähne eignet sich hervorragend, um sich bei den ersten Ausflügen "hoch zu Ross" daran festzuhalten. Auch seine Charaktereigenschaften zeichnen es als hervorragendes Kinderpony aus: es ist sowohl klug, als auch gutmütig, widerstandsfähig, ausdauernd und charakterstark und verfügt darüber hinaus über korrekte und freie Gangarten. Das ideale Pony also, um Kinder langsam an den Umgang mit Pferden heranzuführen und zum Beispiel in der Führzügelklasse erstmals Turnierluft schnuppern zu lassen.

Zeitgemäßer Einsatz

Die kräftigen Ponies zeigen auch vor die Kutsche oder den Schlitten gespannt – selbst bei schweren Lasten - was sie können. Ein Shetland Pony kann bis zum Doppelten seines eigenen Gewichtes ziehen und läßt mit dieser Leistung sogar Kaltblüter in seinem Schatten stehen! Außerdem werden sie oft Rennpferden zur Gesellschaft beigestellt, da sie Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen.

Der gute Charakter pflanzt sich fort

Nicht zuletzt seine guten Charaktereigenschaften sind wohl der Grund dafür, daß das Shetland Pony Ursprung zahlreicher neuer Ponyrassen ist. In Nordamerika wurde es beispielsweise mit dem Hackney-Pony gekreuzt und so das American Shetland gezogen. Aus dem unfreiwilligen Probesprung eines Shetland-Hengstes und einer Appaloosa-Stute entstand die Rasse Pony of the Americas, und in Argentinien diente das Shetlandpony als Gründerrasse der Falabella-Miniatur Ponies. Und auch in Deutschland wurde auf Basis des Shetland Ponies eine neue Zucht ins Leben gerufen: das Classic Pony. Classic Ponies gibt es vor allem in Fuchsvariationen, es sind aber alle Färbungen zulässig. Diese Rasse ist erst seit dem Jahr 2000 eingetragen und wurde aus dem sportlichen Typ des Shetland Ponies gezogen.

Shettis sind echte Zwerge, d.h. genetisch trat eine harmonische Verkleinerung aller Teile des Körpers ein. Diese "Schrumpfung" ist auf die extrem ungünstigen Klima- und Bodenverhältnisse zurückzuführen, die nur das Überleben äußerst kleiner und widerstandsfähiger Pferdchen zugelassen haben. Dies wird an der ursprünglichen Nahrung des Shetland-Ponies deutlich: im Sommerhalbjahr wird Moos, Gras und Heidekraut gefressen, im Winter verbleibt dem Pony nur die mühselige Aufnahme von Seetang von der Küste. Ponies, die die Küste vor der Bildung einer geschlossenen Schneedecke nicht mehr erreichen, verhungern. Diese auf den ersten Blick "mangelhafte" Ernährung führt zu einer späten Reifung der Ponies, die aber wieder durch Langlebigkeit und lange Zuchttauglichkeit wettgemacht wird.

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Der Tinker – das Zigeunerpferd

Eigentlich erst keine Rasse …

03Tinker3Tinker Ponies (auch Tinker, Gypsy Vanner Horse, Irish Colored Cob, Backys, Battys oder Gypsies genannt) sind eigentlich ein Farbschlag, der immer weiter mit der vorhandenen Population gekreuzt wurde, so daß sich mit der Zeit auch der Typ gefestigt hat. Dies erklärt auch die Variation in der Größe, die zwischen 135 und 160 cm Stockmaß liegt. Der Tinker ist ein verlässliches, mittelgroßes Gebrauchspferd, im Typ eines Cob stehend, also zumeist kräftig und untersetzt. Sein mittelgroßer bis großer leicht ramsnäsiger Kopf geht in einen kurzen, kräftigen Hals über. Die tiefe, breite Brust ist gut bemuskelt, der Rumpf tonnig und lang bei ausreichend guter Sattellage. Der Schweif ist oft gewellt und sehr dicht, ebenso wie der Kötenbehang. Es gibt aber auch Vertreter dieser Rasse, die geradezu pony- oder warmbluthaft wirken – es ist also alles möglich!

… sondern ein Farbschlag

Auffallend ist die Zeichnung des Tinkers: Schecken, vornehmlich Rappschecken mit seidigem, üppigem und häufig zweifarbigem Langhaar, wobei Glas- oder Fischaugen keine Seltenheit sind. Der Grund dieser farblichen Besonderheit liegt in der Geschichte der Tinker:

Der Ursprung

Eine Volksschicht in Irland, genannt Tinker oder Kesselflicker, zogen in nomadischer Lebensweise mit ihren Pferdefuhrwerken übers Land. Armut und Leben von der Hand in den Mund prägte dieses Volk und ihre Tiere. Da adelige Pferdebesitzer einfarbige Pferde bevorzugten und daher gescheckte Pferde günstig zu erwerben waren, griffen die Kesselflicker zu diesen "fehlfarbigen" Pferden. Diese waren bei Dunkelheit und Regen auf der Straße leichter zu sehen und ihre individuelle Zeichnung bot Schutz vor Verwechslung und Diebstahl.

Dieses armselige und arbeitsreiche Leben konnte nur der Tinker überleben, der sich durch Genügsamkeit, Gesundheit, Ausdauer und Leistungsbereitschaft auszeichnete. So entstand über die Jahre eine äußerst harte Rasse, deren Individuen oft von ein paar Büscheln Gras vom Straßenrand satt werden mußten und sich heute noch durch eine enorme Futterverwertung auszeichnen. Als Stammväter des Tinker Ponies sind vor allem Clydesdale- und Shire-Horses, sowie einheimische Ponyrassen wie das Dales zu sehen, wobei die heutige Artenvielfalt darauf zurückschließen läßt, daß noch allerhand mehr in dieser Rasse steckt.

Der Tinker ist richtig modern geworden

In Deutschland erlebten die Tinker seit den 90er Jahren einen wahren Boom, was sich seit 1996 auch in den Zuchtbüchern niederschlägt: sie wurden vom Zuchtverband für Deutsche Pferde (ZfDP) in die Abteilung Pinto aufgenommen.

Die Bewegung des Tinkers zeichnet sich vor allem durch Tritt- und Taktsicherheit, sowie eine ausgeprägte Knieaktion aus, weshalb sie heute zumeist als menschenbezogene und genügsame Freizeitpferde, aber auch als Fahr-, Voltegier- oder Therapiepferde eingesetzt werden. Die mehr im Warmbluttyp stehenden Vertreter fanden aber selbstverständlich auch schon ihren Weg ins Dressurviereck.

Vorsicht Futter!

03Tinker4Aufgrund ihrer Geschichte ähnelt sich die Fütterung von Shetland Ponies und Tinkern. Harte Lebensumstände, schlechte klimatische Bedingungen und ein arbeitsreiches Leben ließen nur die Vertreter ihrer Rasse überleben, die absolut genügsam und Künstler der Futterverwertung waren. Die Haltung dieser Rassen in unseren Breiten bedeutet für den Pferdebesitzer jedoch, daß er zur Gesunderhaltung seines Pferdes dessen ursprüngliche Herkunft beachten sollte. Das heißt im Klartext: nicht den ganzen Tag satte Weiden, möglichst wenig Getreide, jedoch ausreichend Rohfaser füttern. Auch die Gabe üblicher anorganischer Mineralfutter sollte maßvoll gestaltet werden!

Stefanie Schmidt