1000 Jahre Insel

isiportraitIslandpferde als Pferde mit besonderem Gangvermögen ernst nehmen

Islandpferde, das sind doch die niedlichen zottligen Pony’s, die das ganze Jahr im Freien stehen können. Na gut, etwas größer als Shettys sind sie schon, aber richtig reiten? Wohl nur etwas für die Natur- und Freizeit Freaks – die übriggebliebenen 68er und ihre Nachfolger – das Pferd für den „kleinen Mann“ und die Familie....

So und ähnlich mögen die Assoziationen bei den Großpferde-Reitern ablaufen auf den Rasse-Name Islandpferd hin. Recht haben sie, denn im Springen können Islandpferde nicht konkurrieren und auch bei Dressur und Military sind sie nicht vertreten. Dunkel erinnert man sich vielleicht an Berichte über Distanzreiten – so quer durch USA – da waren Islandpferde ganz vorn mit dabei. Das haben sie auch zuverlässiger Partner und Transportmittel zu sein. Denn Verkehr hat in Island bis weit in das letzte Jahrtausend nur auf dem Pferderücken stattgefunden.

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Der Tölt ist den meisten Isländern angeboren

Leben auf dem Vulkan

island2Island sollte eigentlich, ähnlich wie Grönland, komplett vereist sein. Wenn es da nicht den Golfstrom und die heißen Quellen aus dem Vulkanuntergrund gäbe. Bewohnt und verkehrsmäßig erschlossen sind praktisch nur die Landgebiete zum Meer hin. Ins Landesinnere, Richtung Hochland, treibt es nur hartgesottene Menschen und Einzelgänger. Die wenige Straßen münden bald in Pisten, die am besten nur mit Jeeps zu befahren sind. Island ist beherrscht von Naturgewalten. Das Wetter kann sich schlagartig ändern – Wind gibt es immer. Horizontalen Regen erleben und Schneegewitter – kein Problem.

Wer bei Sonnenschein gut gelaunt eine kleine Abenteuertour mit dem Auto ins Hochland unternimmt, kann ohne entsprechende Ausrüstung umkommen - Sie glauben es nicht? Fragen Sie mal die Isländer und fragen Sie sie nach ihren Planungen für die Woche? Außerhalb der Städte ist man so vom Wetter abhängig, dass man die meiste Zeit des Jahres eigentlich nur spontan lebt..... Und fragen Sie die Isländer nach ihren Sagen und Geschichten. Pferde sind darin ganz wichtig, so der achtbeinige Sleipnir, und auch die Kobolde und Trolle.

Mit der Romantik des freien Lebens in der Natur aufräumen!

In Island gab es immer zwei Kategorien von Pferden: den einen, denen es gut ging, weil sie im Stall standen. Die anderen, die bei Wind und Wetter um’s Überleben kämpfen mussten und diesen Kampf mitunter auch verloren. Denn romantisch und mit angenehmen Wetter ist es in Island nur im kurzen Sommer. Dann wächst das kurze kräuterreiche Gras. Für die privilegierten Pferde im Stall wird dann Heu gemacht. Früher teilweise unter abenteuerlichen Umständen, da Sonne und Regen in kurzen Abständen wechseln, so wie dieses Jahr bei uns. Heute helfen leistungsfähige Maschinen und zusätzlich die „Heulage“ – Siloballen.

Zum Überleben hat sich das Islandpferd angepasst: Aufbau eines dicken Fells für die überwiegende Zeit des Jahres. Fellwechsel für die kurze Sommerperiode – unterm Strich enorme Stoffwechselleistungen in kurzer Zeit. Grundsätzlich gilt für’s Islandpferd, Fressen was das Zeug hält, um „Speck“ aufzubauen und um den Überlebenskampf im langen Winter zu gewinnen. Dazu sind Blinddarm und Dickdarm größer als bei anderen Pferderassen ausgelegt, um auch hoch Zellulose-haltiges Futter noch zu verwerten. Wer glaubt, dass 1000 Jahre Evolution auf der Insel in ein paar Generationen bei uns auf dem Festland abgestreift sind, ist da nach unserer Erfahrung auf dem Holzweg. Eher überfüttern wir die Überlebenskünstler „Islandpferd“ mit dem in unseren Breiten üppigen Futterangebot – mit allen Konsequenzen für die Gesundheit.

Zur Erinnerung: die guten Pferde standen in Island immer schon im Stall. Früher hat man sich auf den Dörfern mit „schmutzigen“ Pferden gezeigt, weil man sich den Luxus eines Stalles leisten konnte. Besuchen Sie heute Reykjavik, treffen Sie auf die weitläufigen Stallungen in den Randbereichen der Stadt. In Island hat man ein oder mehrere Pferde und reitet das ganze Jahr zum Ausgleich auf den Reitwegen und Ovalbahnen.

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Das Islandpferd charakterisiert

Naturgewalten, die Besonderheiten der Isländischen Insel, ihrer Menschen und die durch Ausschluss von Pferdeimporten außergewöhnliche Reinheit der Rasse haben das Islandpferd geprägt. Aber auch der Überlebenswille der Menschen und Tiere nach dem in historischer Zeit größten Lavaausbruch der Erde, des Laki in 1783. Bis 1786 verhungerten 20 % der Isländischen Bevölkerung und über 50 % des Tierbestandes verendete an den Endzeit-artigen Folgen des Vulkanausbruchs.

Eigentlich Unmögliches miteinander zu verbinden ist die Besonderheit und der Reiz der Islandpferde,– genau das, was das Herkunftsland Island von seinen Bewohnern fordert:

  • Gutwillig und lammfromm im Umgang - eigensinnig bis hin zum Durchgänger beim Reiten.
  • Cool, unerschrocken und sicher im Gelände - absolut ängstlich vor einer Schüssel, Plastikfolie oder für uns unsichtbare Trolle.
  • Stark, robust, hart im Nehmen und schmerzunempfindlich - empfänglich für Allergien (Ekzem, Husten) und Spat.
  • Gute, sauber getrennte und bequeme Gänge bis hin zum Rennpass - Schweinepass mit auseinandergefallenem, auf dem Gebiss liegenden und über die Vorderhand laufenden Pferd.

Von den vielen vom Großpferd auf Isländer umgestiegenen Reitern hört man, dass beim Islandpferd alles etwas schneller und direkter geht. Dazu kommen der Einfallsreichtum, Cleverness und die ausgeprägte Persönlichkeit des einzelnen Individuums mit dem möglichen Ergebnis der Gedankenkette: wenn Du, mein Reiter mich nicht angemessen beschäftigst, tue ich es!

Was so einfach aussieht und für Kinder ideal erscheint, verlangt in Wirklichkeit, dass man schon reiten können muss, um nicht auf Sicht die Qualitäten des Pferdes zu verlieren – die Freude am Laufen, die Bereitschaft zum Eingehen auf den Reiter und die klaren getrennten Gänge. Wenn man dann noch versteht, dass die Deutsche Hausmannskost und das üppige Nahrungsangebot so gar nicht zum Herkunftsland des Islandpferdes passt – auch wenn es den Pferden trefflich schmeckt – dann ist man einem großen Schritt dem Verständnis und der Freude an dieser Rasse näher gekommen: Urtümliche, genügsame, dem Menschen treu verbunden Pferde mit besonderem Gangvermögen, die als vollwertige Pferde ernst genommen werden wollen.

Dr. Walter Ludwig