Möglichkeiten und Grenzen
Wie kann der Pferdebesitzer überprüfen, ob sein Pferd alles bekommt, was es bekommen sollte? Woher nehmen die Futtermittelhersteller die Zahlen für ihre Bedarfsempfehlungen? Sind somit alle Futterberechnungsprogramme, die nach und nach den Markt erobern, nur Humbug oder können sie doch Hilfestellungen für Fütterungsfragen geben?
Wo liegen eigentlich die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer Futterberechnung? Mit Hilfe der klassischen Rationsberechnung wird unter Berücksichtigung des Bedarfs eines Tieres eine möglichst ideale Futtermittelkombination errechnet. Die Ermittlung des Nährstoffbedarfs erfolgt in Anlehnung an die landwirtschaftliche Nutztierhaltung. Dort geht es überwiegend darum, den Bedarf von Tiergruppen zu ermitteln, da der tatsächliche Nährstoffbedarf des einzelnen Individuums nicht genau bekannt ist und auch nicht eine so große Rolle spielt wie beim Pferd. Somit existieren Schätz- bzw. Richtwerte, bei deren Einhaltung eine bestimmte Anzahl (x) Individuen aus einer Population einer bestimmten Größe (y) mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Mangel erleiden.

Die Bewegungsintensität eines Pferdes bestimmt den Energiebedarf
Nur eine einfache Gleichung?
Wie führt man eine Rationsberechnung für Pferde durch? Das ist nun ziemlich weit von der einfachen „1+1=2“-Rechnung entfernt. Wichtig ist: das Ergebnis der Berechnung kann nur gut sein, wenn die beiden Hauptvariablen „Nährstoffbedarf“ und „Nährstoffgehalte der eingesetzten Futtermittel“ möglichst genau ermittelt werden und bei der Rationsgestaltung anschließend bestimmte Randbedingungen und Mindestanforderungen berücksichtigt werden.
Eine weitere nicht zu unterschätzende Rolle spielt als dritte Variable der Gleichung die genaue Nährstoffresorption, also wie viele der zugeführten Nährstoffe tatsächlich vom Pferd in welchem Maße aufgenommen werden können.
Ermittlung des Bedarfs an Energie, Eiweiß und Mengenelementen

Floyds Ernährung wird noch durch
die Muttermilch bestimmt
Aus der Fachliteratur lassen sich z.B. anhand von Tabellen Bedarfswerte aufgrund der Parameter Gewicht, Alter, Rasse, Leistung, Haltungsform und aktuellem Futter- bzw. Gesundheitszustand ermitteln. Der Bedarf eines Individuums lässt sich im Be-reich Energie, Eiweiß und Mengenelemente anhand von vorhandenem Zahlenmaterial gut abschätzen. Bei der Gewichtsermittlung eines Pferdes hilft im Zweifelsfall nur: Wiegen ! In der Praxis ergeben sich oft sehr große Abweichungen zwischen ge-schätzten und gewogenen Werten. Während sich das Alter relativ exakt bestimmen lässt, wird der Faktor körperliche Leistung des Pferdes in der Praxis häufig stark überschätzt. Viele der in Deutschland gehaltenen Pferde bewegen sich lediglich in den Bereichen Erhaltungsbedarf und leichte Arbeit.
Schwieriger wird es jedoch mit den Zu- bzw. Abschlägen für die Faktoren Rasse, Haltungsform, Futter- bzw. Gesundheitszustand. Hier spielt das „Know-How“ und die Erfahrung des jeweiligen Beraters (bzw. Berechners) eine große Rolle.
Bedarf an Spurenelementen und Vitaminen: Russisches Roulett?
Wesentlich kniffliger wird es im Bereich Spurenelemente und Vitamine. Für die Bereiche Energie, Eiweiß und die Mengenelemente Calcium, Phosphor, Natrium und Kalium lassen sich wie bereits festgestellt noch ganz gute Anhaltswerte in Tabellen finden. Die Empfehlungen für Spurenelemente orientieren sich häufig lediglich an der eingesetzten Menge an Futter in kg (Futtertrockensubstanz) oder an dem Gewicht des Tieres (Lebendmasse). Der Bedarf einzelner Mikronährstoffe variiert durch Stress, Umwelteinflüsse, Fellwechsel, rassetypische Stoffwechselanforderungen und ähnliche, oft nur schwer greifbare und noch nicht wissenschaftlich erforschte Faktoren. Änderungen der Lebenssituation (Stress, Transport, Elektrosmog etc.) und der damit verbundene unkalkulierbare Anstieg des Bedarfs an spezifischen Nährstoffen kann somit nur geschätzt und nicht wirklich berechnet werden. Gerade Stresssituationen erhöhen u.a. den Bedarf an bestimmten Spurenelementen wie Eisen, Zink, Mangan und Kupfer. Nur mit entsprechend großer Erfahrung ist es dem Berater (bzw. dem Berechner) möglich, abzuschätzen, in wieweit sich ein Pferd in einer Stresssituation befindet, da hier auch sehr große individuelle Unterschiede unter verschiedenen Haltungs- und Leistungsbedingungen vorhanden sein können.
Spurenelemente sind von großer physiologischer, hauptsächlich stoffwechselregulierender Bedeutung. Die Gehalte der selteneren aber ebenfalls essentiellen Spurenelemente wie z.B. Germanium, Silizium, Antimon, Zinn, Vanadium, Bor oder Lithium in Futtermitteln sind unbekannt oder noch nicht ermittelbar. Unbekannt sind auch Formen und Ausprägungen der meisten Spurenelementmangelzustände. Hier besteht noch ein großer Klärungsbedarf an die Wissenschaft.
Spurenelemente werden vom Körper aber - wie der Name schon sagt – trotz aller Wichtigkeit nur in Spuren benötigt. Eine einseitige oder überhöhte Zufuhr sollte ohne vorausgehende Analyse einer Mangelsituation vermieden werden. Außerdem sollte die Kombination verschiedener Ergänzungsfuttermittel mit erhöhten Vitamin- und Spurenelementgehalten besser nur nach sachkundiger Beratung erfolgen.
Bedarf an weiteren Nährstoffen?
Seit einigen Jahren rückt die wichtige gesundheitliche Bedeutung von Sekundären Pflanzenstoffen, natürlichen Antioxidantien und Enzymen immer mehr in den Vordergrund. Trotz der großen Bedeutung dieser Nährstoffe, sind derzeit weder Bedarfs- noch Zufuhrwerte in der Tierfütterung bekannt. Sie können daher rechnerisch noch nicht mit berücksichtigt werden.
Offene Fragen?
Obwohl somit die Rationsberechnung als solche noch nicht in allen Bereichen voll-ständig durchgeführt werden kann, sollten zumindest die vorhandenen Möglichkeiten entsprechend ausgenützt werden um Lücken aufzuzeigen oder zu schließen bzw. dauerhaft hochdosierte Überangebote einzelner Stoffgruppen so weit als möglich zu vermeiden. Sind zumindest die verfügbaren Standardbedarfswerte so gut als möglich angepasst, bleibt immer noch die Frage offen, wie groß der Abstand zwischen dem ermitteltem Durchschnittspferd und dem Individuum dann tatsächlich ist. Diese Frage lässt sich über Rationserfolge und Folgeberechnungen im Laufe der Zeit immer besser einkreisen.
Ermittlung der Nährstoffzufuhr
Die Inhaltsstoffe von Grundfuttermitteln lassen sich u.a. durch Tabellen ermitteln. Diese Werte sind aber nur Richtwerte, denn bei den Futtermitteln unterliegen die Nährstoffgehalte großen natürlichen Schwankungen. Dafür verantwortlich sind Bo-denverhältnisse, Düngung, Erntezeitpunkte, Erntebedingungen, Witterungseinflüsse, Lagerbedingungen und Lagerungsdauer. Im Zweifelsfall sollten einzelne Futterproben eingeschickt und untersucht werden. Gerade größere Betriebe können so über die Jahre einen ganz guten Durchschnittswert für ihre Grundfuttermittel erhalten. Bei Fertigfuttermitteln oder Sackware können die Inhaltsstoffe über den Sackanhänger ermittelt werden. Oft ist aber hier der verdauliche Energiegehalt (MJ DE) nicht angegeben und muß dann gesondert berechnet werden. Auch fehlen meist Angaben zu den für die Rationsberechnung wichtigen Spurenelementen. Hier muss beim Hersteller nachgefragt werden.
Schlecht zu erfassen sind physiologische Nährstoffverluste durch schlechte Futterqualität. Einseitige bis schlechte Futterqualität vor allem beim Grundfutter erweist sich langfristig als Nährstoffkiller. Die Auswirkungen von Synergieeffekten bedarf in jeder Hinsicht wissenschaftliche Klärung.
Verdrängungsreaktionen von essentiellen Nährstoffen im Organismus durch ein Ü-berangebot anderer Nährstoffe (z.B. Calzium oder Phosphor) sind schwer messbar. Die genaue Resorptionsrate anorganischer Mineralstoffzusätze in Futtermitteln ist noch nicht ausreichend geklärt. Dabei kann von unterschiedlicher Resorption zwischen natürlich vorkommenden und künstlich hergestellten Vitamin- bzw. Spurenelementverbindungen ausgegangen werden. Am Beispiel ß-Carotin und Vitamin A lässt sich zeigen, dass der Körper sich gegen ein zuviel an natürlichem Vitamin A in Form von ß-Carotin über eine Regulation der Umwandlungsrate schützen kann, während er der künstlich erzeugten Form von Vitamin A einfach ausgeliefert ist und es hier bei entsprechend überhöhter Mengenzufuhr zu Vergiftungserscheinungen kommen kann.
Obwohl rein rechnerisch vielleicht die gleichen Stoffe in verschiedenen Futtermitteln enthalten sind, können diese aus den oben genannten Gründen doch in ganz unterschiedlicher Form und Menge einem Organismus zur Verfügung stehen. Daher spielt die Auswahl der für eine Ration geeigneten Futterkomponenten eine nicht unerhebliche Rolle für den Erfolg der Berechnung.
Mindestanforderungen an die Rationsgestaltung
Neben der Einhaltung der relativ gut zu berechnenden Bedarfswerte in den Bereichen Energie, Eiweiß und Mengenelementen sollten aufgrund der nicht exakt berechenbaren Bedarfszahlen bei Spurenelementen und den noch gar nicht berechenbaren Bedarfszahlen sowie tatsächlicher Gehalte in Futtermitteln von weiteren Mikronährstoffen und Sekundären Pflanzenstoffen, bei der Rationsgestaltung bestimmte Mindestanforderungen berücksichtigt werden:
1.Verwendung von hygienisch einwandfreiem, möglichst staubfreiem Futter ohne Schimmelpilze, Milben und sonstige Verunreinigungen (z.B. Erde, Tierkadaver, ...). Belastete Futtermittel erhöhen den Mikronährstoffbedarf durch die Erfordernis, stoffwechselentgiftende Enzyme bereitstellen zu müssen.
2. Als Grundlage einer Ration muss bei Pferden immer Grundfutter (Heu, Stroh, Silage, Wiesencobs, ...) verwendet werden, um ausreichend „kaufähige“ Rohfaser anzubieten. Kraftfutter darf niemals die Strukturfuttermenge überschreiten.
3. Bei der Verwendung verschiedener Futterkomponenten müssen festgelegte Höchstmengen (max. 0,5 kg Hafer bzw. max. 0,3 kg Gerste bzw. Mais je 100 kg Lebendgewicht (LM) und Mahlzeit) bzw. zu verwendende Mindestmengen (=> mind. 1 kg Heu je 100 kg LM) unbedingt eingehalten werden. Entsprechende Vorgaben finden sich hierzu in der Literatur.
4. In der Gesamtration müssen neben den absoluten Mengen auch die Verhältnisse bestimmter Nährstoffe zueinander berücksichtigt werden. Wichtig ist hier ein Eiweiß / Energieverhältnis im Bereich 5-7:1 und ein Calcium / Phosphor - Verhältnis im Bereich 1,5-2 :1. Darüber hinaus gibt es noch weitere Mengenbeziehungen z.B. zwischen Calcium und Magnesium oder Zink und Kupfer die berücksichtigt werden müssen.
5. Eine möglichst hohe Vielfalt an verschiedenen gewählten Futterkomponenten erhöht die Wahrscheinlichkeit, den Nährstoffbedarf eines Individuums abzudecken. Dabei sind natürliche Futterstoffe künstlich isolierten Einzelkomponenten vorzuziehen. Bei Verwendung von verarbeiteten Futtermitteln sollten Naturstoffe so schonend als möglich behandelt werden. Extrudation und Erhitzung über 40 °C zerstören einen großen Anteil an Vitalstoffen.
6. Auch die Fütterungstechnik (Fütterungshäufigkeit und –menge) spielt eine bedeutende Rolle bei der optimalen Fütterung. Ruhe bei der Futteraufnahme führt durch gründliches Kauen zur Verbesserung der Futterverwertung. Feste Futterzeiten vermeiden Stress als auch Unruhe und Futterneid. Nach umfangreichen Mahlzeiten - vor allem bei Kraftfuttermengen, die über ein Kilo hinausgehen – sollte das Pferd frühestens eine Stunde danach gearbeitet werden. Leichte Bewegung (Koppelgang, gemütlicher Schrittausritt) ist allerdings förderlich für die Verdauung.
Möglichkeiten der Rationsberechnung
Eine sorgfältig durchgeführte Rationsberechnung kann trotz der genannten Einschränkungen bei der Bedarfs- bzw. Nährstoffermittlung einen Überblick über den Bedarf eines Pferdes geben und eine Ist- bzw. Sollanalyse der Versorgungssituation ermöglichen. Durch eine entsprechend der genannten Mindestanforderungen angepasste Rationsgestaltung kann häufig mit einer verbesserten Futterverwertung, einer verbesserten Gesundheit und einer höheren Leistungsfähigkeit bei ausgeglichenerem Temperament gerechnet werden.
Grenzen der Rationsberechnung
Eine Rationsberechnung liefert uns lediglich einen groben Richtwert für das einzelne Individuum. Wie weit der Abstand zwischen berechnetem Standardpferd und tatsächlichem Lebewesen ist, hängt nicht unerheblich von den Erfahrungen und Kenntnissen des jeweiligen Berechners ab.
Die Futterverwertung von Pferd zu Pferd ist sehr unterschiedlich, da sowohl leicht- als auch schwerfuttrige Pferde existieren. Oft ist in größeren Pferdebeständen aus personaltechnischen Gründen eine individuelle Fütterung nicht möglich. In vielen Ställen ist eine gewisse „Einheitsfütterung“ vorgegeben. Der Pferdebesitzer muss daher seinem Tier die individuellen Rationsergänzungen selber zukommen lassen, sofern es auf Grund der Situation erforderlich ist. Die tägliche Zustandskontrolle ist trotz Rationsberechnung weiterhin erforderlich.
Haltung beachten
Nebenbei entpuppt sich so manch angebliches Fütterungsproblem bei genauerem Hinsehen als Fehler in der Haltung – meist schlicht und einfach zu wenig oder falsche Bewegung – bzw. im Umgang mit dem Tier. Neben einer Rationsanalyse mit Futterberechnung sollte also auch die Haltungsform und Nutzungsweise einmal gründlich analysiert werden, vor allem wenn nach erfolgter Futterumstellung keine wesentlichen Verbesserungen der Situation eintreten.
Dipl. Ing. agr. Sylvia Christl
Dipl. Ing. agr. Sylvia Christl:
geboren am 5.12.1965, hat sich nach dem Studium der Agrarwissenschaften und mehrjähriger wissenschaftlicher Tätigkeit an der TU-München-Weihenstephan in verschiedenen Bereichen der Naturheilkunde weitergebildet. Sie arbeitet heute als selbstständige Tierheilpraktikerin und hat sich auf Therapien für Pferd und Hund auf der Basis von artgerechter, individuell angepasster Fütterung spezialisiert. Neben individueller, unabhängiger Ernährungsberatung, Rationsberechnungen und Kursen zum Thema Fütterung bietet sie Behandlungsmöglichkeiten aus den Bereichen Homöopathie, Verhaltenstherapie und energetische Osteopathie mit Muskeltherapie auf der Basis von „Applied Kinesiology“ an.
Weitere Informationen zur Person unter www.pferd-hund.de.










