Nico Hörmann
Auch aus der deutschen Pferdeszene ist der Westernsport nicht mehr wegzudenken. Sind die möglichen Gründe der tiefe Wunsch nach Wildem Westen und „zügelloser“ Freiheit? Ist es das natürliche Verlangen, wenn schon keine deutsche, dann wenigstens eine amerikanische Tradition zu leben?
Oder ist es wirklich die sportliche Disziplin, die hier reizt. Wie auch in der Englischen Reitweise wird die Mischung aus Körperbeherrschung, Geschmeidigkeit und Disziplin gelebt und sportlich vertieft. Im Westernsport gehören dazu nervenstarke Pferde mit weichen Gängen, auf denen ein rückenschonendes Reiten möglich ist. Dies hat bereits viele Umsteiger aus dem englischen Reitsport zum Lagerwechsel gebracht.
Wer reiten lernen will, braucht einen Reitlehrer. Zu den bekanntesten Westernausbildern in Deutschland zählt Nico Hörmann. Der gebürtige Hamburger lebt und arbeitet auf der Flachsberg Ranch bei Bremen.
Ausschlafen nicht möglich
Der Tag des 25jährigen beginnt morgens um halb acht in einem der rar gesäten professionellen Westernställe Norddeutschlands. Die ersten Bahnen zieht er durch die Stallgasse, um den Gesundheitszustand und das Fressverhalten der einzelnen Pferde zu überprüfen. Anschließend beginnt das Training, das bis in die späten Abendstunden geht. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und zwei Angestellten arbeitet Nico Hörmann täglich etwa 30 bis 40 Pferde. Dazu gehören das Anreiten der Jungtiere und die Ausbildung von Turnierpferden.
Tradition verpflichtet
Die Flachsberg Ranch in Schwanewede - nördlich von Bremen - wurde 1975 von den „Western-Pionieren“ Horst Geier und Kay Wienrich als eine der ersten Quarter- und Paint Horse- Gestüte in Deutschland gegründet. 1988 entstand eine Zweigstelle in Purcell, Oklahoma, die dem Erwerb und Import neuen Pferdematerials nach Europa diente. Später entstand dort ein Trainingsbetrieb mit berühmten Trainern wie Todd Arvidson. Heute ist die Anlage verkauft.
Seit vier Jahren führt Nico Hörmann die Ranch in Deutschland im Sinne seines Vorbildes und ehemaligen Lehrmeisters Kay Wienrich. Sein Spezialgebiet nennt er das Reining und lehnt sich dabei auch an dem Italiener Andrea Fappani an, dessen Einfühlvermögen für Pferde ihn faszinierte.
Reiten aus Leidenschaft
Die Leidenschaft für die Reiterei packte den jungen Nico Hörmann auf einem Bauernhof, wo er mit seinen Eltern Urlaub machte. Von da an verbrachte er alle Ferien auf diesem Ponyhof, auf dem er später sogar zu arbeiten begann. Bis dahin ritt er noch Englisch. Seit 1992 reitet er nach der amerikanischen Reitweise. „Mich fasziniert die Dynamik, Athletik und Leichtigkeit dieses Sports. Wer jemals mit voller Geschwindigkeit über den Reitplatz gejagt ist und das Pferd plötzlich sliden, also stoppen, lässt – möchte diesen Adrenalinkick immer wieder verspüren.“
Reining als Königsdisziplin
Ziel des Trainings ist es, das Pferd mit minimalen Hilfen des Reiters - zum Bespiel durch das Anlegen des Zügels (engl. Rein = Zügel) oder Gewichtsverlagerung - vollkommen selbständig arbeiten zu lassen. Die Manöver sehen leicht aus, das Pferd allerdings vollbringt Hochleistung. Das Reining wird oft als Königsdisziplin des Westernreitens bezeichnet. Es wird ausschließlich im Galopp geritten und besteht aus verschiedenen Manövern, die ihren Ursprung in der Arbeit am Rind haben. Im Turnier bewertet wird nach festgelegten Richtlinien. Der Richter beurteilt jedes Manöver einzeln und ausgehend von einem Grundscore von 70 gibt er für jedes Manöver eine Bewertung von minus 1 ½ oder plus 1 ½ Punkten.
Europameister im Reining
Zu Hörmanns größten offiziellen Erfolgen bis jetzt gehört der Sieg der Europameisterschaft 2002 und 2004 in diesem Spezialgebiet. Für ihn persönlich jedoch sind die kleinen Erfolgserlebnisse oft wertvoller als die großen – wenn sich etwa ein noch junges Pferd aus seinem Training auf einem Turnier zum ersten Mal erfolgreich präsentiert hat.
In der Turniersaison von April bis Oktober ist Nico Hörmann fast jedes zweite Wochenende in ganz Deutschland unterwegs. Urlaub kennt er nicht. Aber die Zusammenarbeit mit den Pferden fällt für ihn weniger untern den Begriff „Arbeit“. „Anstrengend ist eher Organisatorisches wie die Turnierplanung und die täglichen Pflichten neben dem Reiten“ gibt der Hamburger kund.
Spezialisierung auf den Quarter
Wo sich früher verschiedenste Pferderassen in den Westerndisziplinen übten, befinden sich heute fast ausschließlich Quarter Horses. Ihren Namen hat diese für ihre Athletik und Nervenstärke bekannte Rasse aus der Tatsache, dass der Quarter das schnellste Pferd auf einer viertel Meile ist (Quarter = Viertel).
Heute sind die einst für die Rinderarbeit gezüchteten Quarter spezialisierter. Das Westernreiten hat sich inzwischen zu einem anerkannten Turniersport mit unterschiedlichen Disziplinen entwickelt. Auf der Flachsberg Ranch findet einmal im Jahr eine Hengstpräsentation mit stalleigenen und Hengsten aus der Umgebung statt. Hauptsächlich ist die Ranch ein Trainings-, dann Zucht- und auch Einstellungsbetrieb.
Ausbildung braucht ihre Zeit
„In erster Linie sollen die Pferde hier etwas lernen“, sagt Nico Hörmann. Die Besitzer erwarten, dass ihre Pferde zum Reining-Pferd ausgebildet werden. Diese Ausbildung dauert im Durchschnitt 1-1,5 Jahre. Dafür ist allerdings nicht jedes Pferd geeignet. „Wie im wirklichen Leben gibt es einige Pferde, die das nötige Talent und die Motivation mitbringen um ein Reining-Pferd zu werden“, erklärt Hörmann. „Dann gibt es natürlich einen gewissen Prozentsatz, der schon aus rein körperlichen Gründen oder Motivationslosigkeit und fehlendem Willen das Training vorzeitig verlassen muss. Jeder kann sein Pferd bei mir ins Training geben, aber das Pferd muss letztendlich selbst entscheiden, ob es lernen will.“ Bis zu einem Gewissen Grad ist jedes Pferd trainierbar. Doch: „Als Besitzer sollte man von vorn herein wissen, dass es Go-Kart - Fahren und Formel Eins gibt“. Nico Hörmanns Training gehört ganz klar zur letzten Kategorie. Das Talent der einzelnen Tiere liegt ihnen oft schon im Blut – Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine der wichtigsten Kriterien ist die Begabung des Pferdes, bestimmte Manöver auszuführen. „Ein Pferd wird immer lieber das machen, was ihm leicht fällt“, so Hörmann.
Ursprünglich Arbeit mit dem Rind
Wenn das Westernreiten seinen Ursprung und Sinn doch eigentlich in der Rancharbeit und der Arbeit am Rind hat - was fasziniert Menschen in unserer Gegend an dieser Kunst? Hörmann lacht: „Als Kunst kann man es tatsächlich durchaus bezeichnen. Es geht aber vor allem darum, dass ein Pferd lernt, ´an den Hilfen zu stehen´. Also, dass es dem Reiter zuhört, willig antwortet und somit der Reiter alles mit seinem Pferd machen kann – egal, ob er es nun später als Turnierpferd oder Freizeitpferd einsetzt. Das Pferd muss motiviert sein, mitzuarbeiten. Die Reiterei ist von Menschen gemacht und daher künstlich. Kein Pferd würde freiwillig einen Dressur-Parcour betreten oder ein Reining-Pattern laufen“.
Futurity
Und was wünscht sich ein junger, erfolgreicher Reiter für die Zukunft? „Mein Traum“, so Hörmann, „wäre die Teilnahme oder sogar der Sieg an der ´Reining-Futurity´ in Oklahoma City. Daran nehmen nur dreijährige Pferde und die besten aller Reiter teil. Aber dort zu gewinnen hängt vor allem von einem extrem guten Pferd, dem nötigen Kleingeld und wie in jedem Topsport von den richtigen Beziehungen ab.“ Sollte das Reining allerdings irgendwann als Disziplin in die Olympischen Spiele aufgenommen werden, wäre eine der größten Herausforderungen für ihn, mit zum deutschen Team zu gehören. Sein Ziel ist, einen guten Trainernachwuchs zu finden und ausgebildet zu haben. Aber bis dahin bleibt noch viel Zeit, die er mit seinen Pferden auf der Flachsberg Ranch verbringen kann.
Unsere Autorin Mirja Vits, 28, hat Pferdewissenschaften in Gainesville, Texas und Chemie und Biologie an der Texas Woman´s University in Denton studiert. Über 5 Jahre in den USA machten sie zur profunden Kennerin der Westernreit-Szene.










