„Gas, Gas”, hört man die ruhige Stimme des Kutschers Mischa sagen und das wunderschöne Stutengespann wechselt in den Trab. Wir lächeln darüber. Die Kutsche rollt fast lautlos über die grasbewachsenen Wege und durch die Lindenallen im Gestüt Lipica. “Ho, ho” geht es vorbei an den Zwei- und Dreijährigen. Wir sehen weit über 80 Pferde, die links neben uns auf einer der vielen Koppeln mit altem Baumbestand stehen und gelassen hinter uns herschauen.
„Ja, ja” denke ich mir dann, wenn ein Pferd vom Pferdeparadies träumt, dann träumt es bestimmt von Lipica. Die Heimat der weißen Lipizzanerpferde ist eines der ältesten Gestüte der Welt und mittlerweile 425 Jahre alt. Lipica liegt in Slowenien, weit unten und es ist nicht weit ans Mittelmeer. Koper ist die Stadt an der slowenischen Adria und Triest liegt auf der italienischen Seite, beide keine 30 km entfernt. Damit ist Lipica in jedem Fall ein attraktives Ausflugsziel für Urlauber an der Adria.

Das Staatsgestüt
Lipica ist das Staatsgestüt der Slovenen. Man hält dort über 300 Pferde auf 311 ha Weideland. Gleich am Eingang lungert die Stutenherde im Schatten, während sich vielleicht 50 Fohlen austoben. Von rechts kommt eine Bereiterin mit einem Hengst vorbeigelaufen und etwas weiter linker Hand fahren die verschiedensten Gespanne um einen grösseren Gebäudeblock: das tägliche Training. Es wird bewältigt von über 20 Bereitern und weiteren 60 Angestellten, die das ganze Gestüt auf Trab halten. Denn obwohl staatlich wird es nur zu 15% aus öffentlichen Töpfen gefördert. Der Rest muss eingespielt werden. Der Erlös aus der Zucht spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Besichtigungen, Vorführungen und Reiterferien sind die Hauptstandbeine. Neben dem alten, nur noch zeitweise genutzten und einem modernen Hotel ist mittlerweile ein Golfplatz dazugekommen und auch ein Casino.
Reitenferien in Lipica
Die Reiterferien-Gäste sind vorwiegend junge Frauen, die man daran erkennt, dass sie den ganzen Tag Reitstiefel tragen. Man kann ihnen ansehen, wie sehr sie ihre Ferien genießen. Die Idylle auf der einen Seite und den ganzen Tag ein Pferd unter dem Sattel, das allerbestens ausgebildet ist. Man kann den Profis der hohen Schule über die Schulter schauen und wer Lust hat in den Ställen zu helfen, bekommt dafür eine freie Reitstunde vergütet.

Sechs Urhengste und 16 Stammstuten
Die traumhaft schönen Weiden mit all den alten Bäumen, Hecken und Alleen werden aus Tradition nicht chemisch gedüngt. Auch die Fütterung der Pferde ist sehr klassisch und naturnah. Heu und Hafer sind die wesentlich Futtermittel, die beide selbst gewonnen werden. Futterspezialitäten sind genauso selten im Einsatz wie der Tierarzt, worauf man natürlich besonders stolz ist auf Lipica. Das ist aber kein Wunder bei diesen idealen Bedingungen. Die Hengste findet man in einem 250 Jahre alten Stall mit Spitzbögen in luftiger Höhe von mindestens sechs Metern. Die Boxen haben fürstliche Ausmaße von 20 Quadratmetern. Im Giebel hängt eine Plastik eines der Urhengste, die diese Zucht maßgeblich begründet haben. Gleichsam wacht er über sein lebendiges Erbe. Man kann förmlich spüren, wieviel Generationen von Zuchthengsten hier in Ehren alt und schneeweiß geworden sind.
Das Pedigree geht weit in die Zeit zurück. Man findet sechs Urhengste auf der altehrwürdigen Tafel. Mit 16 Stammstuten bilden diese die Vorfahren aller reinblütigen Lipizzaner. Heute sind sie alle weiß, auch wenn das nicht immer so war. Aber es hat sich immer stärker herauskristallisiert. Leider verliert sich heute ein wenig die der Rasse sehr typische Ramsnase. Sie passt nicht so recht in das Bild der Zeit. Was die Rasse nicht verliert, ist der ihnen eigene “etwas andere” Gang, der sie prädestiniert hat für die schwierigsten Lektionen der hohen Schule.
Levade, Courbette oder Capriolen
Die täglichen Vorführungen vor einigen 100 Gästen an jedem Nachmittag sind gleichzeitig auch ein Teil der Trainingsstunden. Es ist kein spektakulärer Zirkus, sondern eine ruhige Show mit präzisen Formationen. Lipizzaner sind der Inbegriff des Barockpferdes, das heute wieder so viele Anhänger hat. In der Vorführung sind es allesamt Hengste , die traditionell mit viel Ruhe und Geduld in der hohen Schule ausgebildet wurden. Lippizaner sind für das Ausführen von Levade, Courbette oder Capriolen besonders bekannt. Die Lektionen werden von den Bereitern abgerufen und rufen im Zuschauer jedes Mal wieder Erstaunen hervor. Die hohe Schule am langen Zügel mit den taktvollen Lektionen Passage und Piaffe läßt beim Zuschauer das Gefühl entstehen, daß sich die Pferde gerne mit musikalischem Rahmen bewegen. Den Abschluß bildet die übliche Quadrille mit 12 Hengsten.
Karl Möller










