Heilen mit Wasser

08IntroAqua-Training, Theraphie und Wellness. Interview mit dem Tierarzt Dr.Beuttler

Angrenzend an den Schwarzwald liegt südwestlich von Stuttgart das idyllische Örtchen Ostelsheim. Auf dem Wege dorthin machten wir Halt bei der ortsansässigen Bäckerei, deren Brezeln verführerisch warm bereits kurz nach ihrem Kauf in unseren Mägen verschwanden.

logostuteVersteckt, aber auf einer Anhöhe liegend erreichten wir schnell den „Sohlengrund“, wo der Tierarzt Dr. Joachim Beuttler seit 1981 eine eigene Praxis zur Behandlung von Pferdekrankheiten führt. Dr.Beuttler gehört zu den tatsächlichen Göttern in Weiß. Offen für Alternativen verfügt er über soviel Wissen und Erfahrung, dass in ihm durchaus die Fähigkeit erwachsen ist, mit einem ganz besonderen Gespür für das Wesentliche und Hintergründige zu arbeiten. Wir befragten ihn zum Thema Wassertherapie.

Futterjournal:
Welche Bedeutung hat die Wasseranwendung auf das Pferd? Inwieweit ist so etwas eigentlich nötig?
Dr.med.vet.Beuttler:
Das Thema Pferdebehandlung im Wasser ist schon sehr alt. So ließ z. B. der römische Feldherr Caracalla in der nach ihm benannten Baden-Badener Therme ein Pferdethera-piebecken errichten. In diesem wurden nach Feldzügen Pferde mittels Bewegung im Wasser behandelt und gepflegt. Auch später, im Zeitalter vor der Industrialisierung, findet man immer wieder Hinweise auf Pferdeschwemmen oder Dorfteiche, in denen sich die Pferde nach der Arbeit erholen konnten.

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Futterjournal:
Da könnte man direkt an ein Schwimmbad für Pferde denken.
Dr.med.vet.Beuttler:
In den sechziger Jahren, mit Beginn des Reitpferdebooms wurden vor allem in den USA zahlreiche Pferdeswimmingpools eingerichtet. Dies hat sich nicht wirklich bewährt. Da die Pferde beim Schwimmen den Kopf hochreißen und den Rücken wegdrücken, stellte sich der gewünschte Effekt (Aufbau einer lockeren, physiologischen Skelettmuskulatur) nicht ein.

Futterjournal:
Wie stellt man sich dann die therapeutische Wasseranwendung beim Pferd vor?
Dr.med.vet.Beuttler:
Versuche mit Wasserlaufgräben oder gefluteten Longierzirkeln führten Anfang der 90er Jahre zur Entwicklung des sogenannten „Aquatrainers“. Davon gibt es nun schon einige Varianten, die aber alle nach demselben Prinzip arbeiten.

Futterjournal:
Ist es nicht etwas übertrieben, mit solchen Gerätschaften zu arbeiten?
Dr.med.vet.Beuttler:
Sicher ist mir bekannt, dass es Menschen gibt, die das Aquatraining als Spielerei abtun. Beim Hinterfragen stellt sich meistens heraus, dass diejenigen gar nicht wissen, worum es geht, geschweige denn Aquatraining in natura erlebt haben. Wer einmal mit etwas Pferdeverstand gesehen hat, wie locker und konzentriert die Pferde während der Wasseranwendung arbeiten, wird danach begeistert sein.

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Idyllisch gelegen: Die Klink von
Dr. Joachim Beuttler

Futterjournal:
Wie kann man sich einen solchen Aquatrainer vorstellen?
Dr.med.vet.Beuttler:
Der bei uns seit 1998 eingerichtete Trainer besteht aus einem Korpus in der Form eines oben offenen, überlangen Einpferdeanhängers. Der Boden ist als Laufband ausgebildet. Das Gerät steht auf einem Wasservorratsbehälter, der ein Fassungsvermögen von ca. 18.000 Litern hat. Das Laufband wird über ein Hydraulikgetriebe bewegt und kann stufenlos von 0 – 30 km/h beschleunigt werden. Zwei Befüllpumpen drücken das Wasser aus dem Vorratsbehälter in den Trainer. Die Wassertemperatur wird über einen Wärmetauscher auf 20° C gehalten.

Futterjournal:
Haben Pferde überhaupt Lust, in einen solchen Aquatrainer zu steigen?
Dr.med.vet.Beuttler:
Die Pferde betreten den Trainer ebenerdig und trockenen Fußes. Erst nach Verschluss der Türe wird die Befüllung gestartet und das Laufband aktiviert. Bis zum Erreichen der maximalen Fluthöhe dauert es ca. 4 Minuten. Bei uns hat es sich bewährt, die Pferde bis zu einer gedachten Horizontalen zwischen Buggelenk und Hüfthöcker zu fluten. So erreichen wir durch den Wasserauftrieb eine maximale Aufwölbung des gesamten Rückens und eine Reduktion des Eigengewichts um bis zu 85 %. Die Anwendungsdauer beträgt in der Regel 30 Min.

Futterjournal:
Liegen verwertbare, messbare Resultate für die Behandlung eines Pferdes mit dieser Wassertherapie vor?
Dr.med.vet.Beuttler:
Zahlreiche Laktat- und Muskelwertbestimmungen haben gezeigt, dass die Pferde im Aquatrainer Muskelarbeit im optimalen Bereich leisten und nie in Gefahr laufen, eine Muskelübersäuerung oder gar einen Kreuzverschlag auszubilden. Obwohl die Laufbandkapazität Trab- oder gar Galopptempo zulässt, liegt für mich die Stärke des Aquatrainings in der Schrittarbeit bei maximaler Flutung.

Futterjournal:
Bei welchen Indikationen kann man den Aquatrainer einsetzen?
Dr.med.vet.Beuttler:
Zum typischen Einsatzgebiet gehört der Formenkreis Rückenprobleme. Zahlreiche Pferde leiden unter Verspannungen, Verhärtungen oder gar Atrophie (Rückbildung) der Rückenmuskulatur. Diese Tiere sind klassische Aquatrainingsaspiranten. Selbst durch „Kissing Spines“ unreitbar gewordene Pferde konnten durch das Training im Wasser therapiert und wieder der Reitnutzung zugeführt werden. Auch bei Zuständen nach Kreuz-Darmbeimluxationen, nach Kreuzverschlag, Erkrankung der Kruppen- u. Oberschenkelmuskulatur, eignet sich das Aquatraining hervorragend.

Futterjournal:
Die Wassertherapie hilft aber nicht nur der Muskulatur, oder?
Dr.med.vet.Beuttler:
Gerade im Bereich von Sehnen-, Bänder- und Kapselerkrankungen unterstützt die Wassertherapie eine rasche Rekonvaleszenz. Vergleichbar zur Humanmedizin gibt es in der Sportpferdemedizin einen starken Trend zur „Frühmobilisation“. Sehnen, Bänder und Gelenke werden bei der Arbeit gegen den Wasserwiderstand optimal bewegt, wobei der Stützapparat durch den Wasserauftrieb weitgehend entlastet ist. Auch scheint die Massagewirkung des Wassers einen positiven Einfluss zu haben. So können oft wochen- oder monatelange Boxenaufenthalte und Asphaltwanderungen vermieden werden. Die Pferde werden schneller gesund und bleiben voll konditioniert – die langwierige Aufbauarbeit nach der Rekonvaleszenz entfällt.

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Futterjournal:
Kann die Wassertherapie auch in akuten, lebensbedrohlichen Fällen hilfreich sein?
Dr.med.vet.Beuttler:
Wir haben im Falle der akuten Hufrehe, einer hochdramatischen Erkrankung, sehr positive Erfahrungen mit dem Wassertraining als idealer Ergänzung zu medizinischen und orthopädischen Maßnahmen gemacht. Bei der Rehe handelt es sich um eine höchst schmerzhafte Entzündung innerhalb der Hornkapsel, in deren Verlauf es zur Hufbeinsenkung, Hufbeinrotation und Hufbeindurchbruch kommen kann. Dergestalt erkrankte Pferde werden bei uns 2 – 3 x täglich hoch geflutet, um eine maximale Gewichtsentlastung zu erreichen. Das Wasser kühlt und massiert die entzündeten Hufe. Durch ganz schonende Bandarbeit nehmen die in der Regel überfütterten Pferde rasch ab, ohne in Gefahr zu laufen, eine Überfettung (Hyperlipidämie) des Blutes auszubilden.

Futterjournal:
Fließendes Wasser ist bekannt für seine entzündungshemmenden Eigenschaften. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Bereich gemacht?
Dr.med.vet.Beuttler:
Im Falle von chronischer Phlegmone, Lymphangitis oder auch Einschuß genannten Erkrankungen eignete sich die Wassertherapie, weil wir rasch und zuverlässig Umfangsverminderungen an den betroffenen Gliedmaßen erreichen.
Dazu ist erklärend zuzufügen, dass man als Phlegmone eine eitrige Unterhaut-Bindegewebsentzündung, hervorgerufen durch das Eindringen von Eitererregern, durch oft mikroskopisch kleine Verletzungen bezeichnet. Die Mehrzahl der Phlegmonen hat ihre Lokalisation im Bereich der unteren Gliedmaße. Wird eine Phlegmone nicht schnell und wirkungsvoll therapiert, kann sie in ein chronisches Stadium übergehen. Das Unterhaut-Bindegewebe verhärtet sich, die Lymphbahnen schwellen zu, es ist keine physiologische Lymphdrainage mehr vorhanden. Die betroffenen Pferde neigen zu Rückfällen, mit jedem neuen Krankheitsschub verschlechtert sich der Zustand der Gliedmaße. Den übelsten Endzustand bezeichnet man als „Elefantenfuß“.

Futterjournal:
Können mit der Wassertherapie auch sogenannte „unheilbare“ Fälle behandelt werden?
Dr.med.vet.Beuttler:
Problemfälle wie die spinale Ataxie, unter der man Bewegungsstörungen verschiedenen Grades bezeichnet, deren Ursache im Bereich des Rückenmarks lokalisiert ist, konnten wir auf alle Fälle verbessern. Ob die Entlastung der Wirbelsäule oder die gezielte Bewegung gegen den Wasserwiderstand verantwortlich war, wissen wir nicht.

Futterjournal:

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Kompetent und menschlich:
ein Tierarzt zum Anfassen

Ein Pferd muss aber nicht krank sein, um in den Aquatrainer zu kommen?
Dr.med.vet.Beuttler:
Viele Sportpferde sind auf konventionelle Art aus- oder gar übertrainiert (Beritt, Longe, Führ-anlage, Laufband). Solche Tiere können im Aquatrainer zusätzlich, unter Schonung des Stütz-apparates, trainiert werden. Gelenkschonend wird lockere Muskulatur aufgebaut, eine Erhöhung von Glykogen und arteriellem Sauerstoff ist die Regel.
Ebenso gibt es auch noch Menschen, die ihrem Pferd einen Aquatrainer-Aufenthalt gönnen, obwohl es an keinen speziellen Erkrankungen leidet. In der Regel findet dieser Aufenthalt zu der Zeit statt, in der die Besitzer selbst Urlaub machen. Es werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das Tier ist bestens aufgehoben und versorgt, Fremdberitt entfällt und nach Urlaubsende kehrt das Pferd konditioniert, gelockert und erholt in den Heimatstall zurück. Also pure Wellness für das Pferd.

Futterjournal:
Dann sollte man den nächsten Urlaub für sein Pferd mitplanen.
Vielen Dank für das Interview Herr Dr.Beuttler.

Das Interview führte A.Returner