Liebenswerte Überlebenskünstler
Fjordpferde, auch Norweger oder Norwegisches Fjordpferd genannt, bestechen durch ihre auffallend einheitlich cremige Färbung. Ein braunschwarzer Aalstrich zieht sich durch Schweif und die weiße Mähne, die – oft als Stehmähne geschnitten – das typische Erscheinungsbild dieser liebenswerten Rasse ausmacht.
Bei einigen Fjordpferden findet man Zebrastreifen an den Beinen, die auf die Ursprünglichkeit ihrer Rasse hinweisen. Obwohl im Kaltbluttyp stehend, sind Fjordpferde mit einem zierlichen Kopf mit kleinen, schwarzumrandeten Ohren und einem freundlichen Gesichtsausdruck gesegnet.
Beinhart und leistungsbereit
Norweger haben ein Stockmaß von etwa 1,33-1,45m. Schenkel und Hose wirken kräftig, muskulös und fleischig. Bekannt als „Wikingerpferde“ wurden sie bereits auf Runensteinen mit der für Fjordpferde typischen Stehmähne abgebildet. Aufgrund des rauen Klimas in Norwegen und ihres Einsatzes als Bauernpferde, haben sich die Tiere herausgemendelt, die sich durch extreme Trittsicherheit und absolute Genügsamkeit auszeichnen.
Liebenswerte Familienpferde
Man sagt den Norwegern ein sehr ruhiges Gemüt nach. Sie sind geduldig im Umgang mit Kindern und Reitanfängern, unproblematisch vor der Kutsche und beim Reiten. Des Weiteren eignen sie sich besonders für das erlernen zirzensischer Lektionen. Sie sind bei Wanderreitern beliebt, die sich auf Ihr Pferd verlassen möchten und etwas Zeit mitbringen, um sich an Ihrer Umwelt zu erfreuen. Sicherlich sind sie nicht so schnell wie Distanzpferde, aber auf ihre eigene Weise liebenswert.
Multitalent
Heute wird mehr und mehr das Multitalent der Fjordis erkannt und geschätzt. Man findet sie als Kinder- und Familienpartner wie auch in allen Sparten des Pferdesports. Anspruchslos, umgänglich und leistungsbereit waren sie stets geschätzte Helfer des Menschen. Leider neigen Fjordpferde schnell zu Fettleibigkeit, wenn sie unter „normalen“ Verhältnissen gehalten werden und brauchen daher wie viele Spezialrassen eine angemessene Beschäftigung bei getreidearmer, jedoch kräuter- und spurenelementreicher Fütterung.

Ich denke oft an Lisa
Mein erstes Fjordpferd ritt ich kurz vor meiner Konfirmation. Es gehörte einer tierlieben Amerikanerin ohne jegliche Pferdesachkenntniss, die sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, Lisa ein schönes Leben zu bereiten. Tatsächlich war die damals etwa 8 jährige Norwegerstute jahrelang vereinsamt auf einer Koppel im Pfälzer Wald gehalten worden und den vorherigen Besitzern ein Klotz am Bein. Lisa kam in unser Dorf.
Ich hatte mit Lisa bereits im Wald Freundschaft geschlossen. Die Waldkoppel zog sich an einem klaren Bach entlang und war winters wie sommers voller Gras. Mir kam es sonderbar vor, dass ein Pferd im Wald, 5 Kilometer von der Zivilisation entfernt, alleine leben kann.
Lisa war wie alle Fjordpferde, auch Norweger genannt, von einer herrlich erfrischenden cremegelben Farbe. Ihr Aalstrich auf dem Rücken war braun. Dieser dunklere Erdton zog sich durch Mähne und Schweif wie ein Streifen, die seitlichen Mähnen- und Schweifhaare waren weiß. Lisa hatte einen freundlichen Gesichtsausdruck und ein äußerst ruhiges Gemüt.
Leichtfuttrig und genügsam
Mit ihren 1,35 m Stockmaß war Lisa rund wie eine Tonne. Leider stand mir für die Reiterei kein Sattel zur Verfügung weil Lisa so dick war und die Besitzerin meinte, Sättel seien Tierquälerei. Damit Lisa auf keinen Fall verhungerte, fütterte ihre neue Besitzerin mit hartnäckiger Zuverlässigkeit täglich drei bis fünf Kilo Karotten. Weidegang hatte sie ebenso täglich, nachts war sie in dem alten Stall eines Winzerhofes untergebracht.
Ich bewegte Lisa täglich. Schließlich wollte ich sie im wahrsten Sinne des Wortes in Form bringen. Der Galopp im Wald brachte mir jedoch leider oft böse Worte von Wanderern, die meinten, man könne ein trächtiges Tier nicht so schwer arbeiten. Lisa war natürlich nicht schwanger. Von wem denn. Sie war ja ganz alleine. Beliebt im ganzen Dorf, war Lisa ein sehr freundliches Pferd und glücklich, wenigstens Menschen um sich zu haben. Wie groß aber war ihre Freude, wenn mich Freunde mit ihren Pferden besuchten und wir ein wenig gemeinsam ausritten.

Nervenstärke bis zum Äußersten
Lisa störte sich weder an Auto- noch an Bahnverkehr. Wehende Plastikplanen oder laute Geräusche brachten sie nicht aus der Ruhe. Den Beweis für ihr gelassenes Gemüt erbrachte sie spätestens an dem Tag, an dem uns die Besitzerin zum Tee einlud. Ich führte Lisa über die drei Treppenstufen in das mit vielem kleinem Krimskram gefüllte Haus. Dort bekam sie Butterkekse. Das Verlassen der Wohnung über die drei Treppenstufen war nicht viel schwerer als das Pferd in der engen Wohnung zu drehen.
Wie bei allen Fjordpferden war Lisas Trittsicherheit phänomenal. Wir ritten kilometerweise, und das ohne Beschlag, weil ihre absolut ahnungslose Besitzerin auch das Annageln von Hufeisen für schlecht hielt. Gottlob zeigten Lisas schwarze Hufe keine Abnutzungserscheinungen und der Schmied musste selten zur Korrektur kommen.
Eigenwillige Überlebenskünstler
Meine hochgesteckten Dressurziele scheiterten nicht nur an dem fehlenden Sattel. Lisas stoischer Eigenwille gegenüber Lektionen und mein reiterliches Unwissen brachten uns wenn, dann nur in kleinen Schritten voran. Diese bezogen sich letztendlich darauf, dass wir an bestimmten Punkten angaloppierten und Lisa nicht irgendwo eine Spitzkehre einlegte, die mich zwangsläufig herunterrutschen ließ. Dabei waren ihre Gänge so weich, dass das Reiten ohne Sattel völlig unproblematisch war und nur ein bisschen Ausbalancieren erforderte.
Lisa und mein Weg trennten sich, als ihre Besitzerin sie endlich in eine Herde integrierte. Sie wurde angeblich recht alt, verstarb aber dann doch an Hufrehe. Meine Reiterei setzte ich auf Großpferden fort. Aber ich denke gerne an Lisa. Auch dreißig Jahre danach.
A. Returner










