Von der Schülerin zur Meisterin

02IntroAndrea Kutsch

Andrea Kutsch, bekannt auch als „Die Pferdeflüsterin“, ist vermutlich die erfolgreichste, autorisierte Schülerin des berühmten Monty Roberts. Wer jetzt nur einen weiteren „Guru“ in der Pferdeszene vermutet, irrt.

Frau Kutsch ist der Typ der modernen gebildeten Frau. Ihr klassischer Werdegang als erfolgreiche – tatsächlich 1997 „ausgezeichnete“ – Jungunternehmerin im Bereich Marketing und Kommunikation ist die Basis für den anderen, ganz neuen Weg, den sie erfolgreich geht und noch gehen will. Die Ziele ihrer Arbeit sind auf höchstem moralischem Niveau. Die Wege dazu sind intellektgesteuert. Der Nutzen soll Pferden wie auch Menschen dienen.

logostuteFutterJournal:
Frau Kutsch, welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit nach Monty Roberts?
Andrea Kutsch:
Zwei Wesen unterschiedlicher Spezies finden zusammen auf einer Ebene der kompetenten 2-Weg-Kommunikation. Dies ist ein bewegender Moment für den Menschen. Monty Roberts lehrte mich, über Join up der tierischen Welt durch nonverbale Kommunikation zu begegnen. Dabei war für mich am Wichtigsten, wie ich gewaltfrei Informationen auf hohem Niveau in den Geist eines Pferdes transportieren könnte.

FutterJournal:
Ist Gewalt ein solches Thema?
Andrea Kutsch:
Wenn man sich vorstellt, dass die Peitsche das meist verkaufte Werkzeug der Reiterei ist, wird es Zeit, den Umgang mit Pferden zu überdenken. Missverständnisse und Missdeutungen in der Kommunikation enden meist in gewalttätigen Auseinandersetzungen, die dann im Pferd als assoziativem „Denker“ in Form von Bildern abgespeichert werden. Das Pferd hat ein hervorragendes Erinnerungsvermögen. Pferde vergessen nichts, aber sie vergeben alles. In bestimmten Situationen reicht ein simpler abgespeicherter Reiz, um negativ belastete Bilder wieder aufzurufen und eine für den Menschen unverständliche oder panikartige Reaktion auszulösen. In einer französischen Dauerstudie wurden 3000 nicht-rennende Pferde beobachtet. 66,4 % der Pferde wurden zwischen ihrem 2. und 7. Lebensjahr aufgrund von unakzeptablen Verhaltensweisen getötet. Bei solchen Statistiken muss der Mensch zwangsläufig hinterfragen, gegen welches Naturgesetz er in der Ausbildung von Pferden verstößt.

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FutterJournal:
Nennen Sie doch bitte einfach mal ein Beispiel zum wissenschaftlich begründeten Verhalten des Pferdes!
Andrea Kutsch:
Pferde laufen in der Natur in Bögen, unter anderem weil die Augen seitlich angelegt sind und die rechte und linke Gehirnhälfte im Informationstransfer nur minimal miteinander verbunden sind. Es gelangen nur etwa 20 % der Informationen, die das Auge des Pferdes erreichen, von der rechten in die linke Hemisphäre und umgekehrt. Ein nicht beachten dieser Naturgesetzmäßigkeit bringt Probleme in zahlreichen Trainingssituationen, so beispielsweise auch beim Einreiten. Viele Reiter zerstören das Vertrauensverhältnis, in dem Sie das Pferd für Fehler bestrafen, die in der unverstandenen Natur des Pferdes liegen. Die Eskalation von Gewalt ist dann vorprogrammiert.

02Kutsch3FutterJournal:
Müssen wir jetzt das, was wir alles im Umgang mit dem Pferd gelernt haben wegwerfen?
Andrea Kutsch:
Auf keinen Fall. Wir integrieren bewährtes Wissen um Haltung und den Umgang mit Pferden aus allen Sparten und Zeiten, selbstverständlich unter Berücksichtigung der traditionellen Reitlehre, sofern sie erklärbar, bewährt und gewaltfrei ist. Wir sollten uns aber die Mühe machen, unser Verhalten zu verändern.

FutterJournal:
Können die Erkenntnisse, die am Pferd gewonnen wurden auch auf andere Lebewesen übertragen werden?
Andrea Kutsch:
Natürlich hören wir den Pferden zu und versuchen mit ihnen in den bestmöglichen nonverbalen Dialog zu treten, aber wir haben auch eine ungeheuer wichtige Botschaft für die Menschen. Was wir bei einem Pferd erreichen, ist gleichzeitig eine Metapher für eine moderne Lebensform. Monty Roberts arbeitete unter anderem in einem Frauengefängnis in den U.S.A. und zeigte dort wie er Pferde trainiert. Für die Frauen, die oft Gewalt, Missbrauch und Einschüchterung erlebt hatten, war das sehr beeindruckend und eine große Hilfe. Ich habe mittlerweile einige Projekte mit verhaltensauffälligen und gewalttätigen Jugendlichen in Deutschland realisiert. Von Pferden zu lernen, ist manchmal leichter als von Menschen – sie belügen einen nicht.

FutterJournal:
Welche Möglichkeiten sehen Sie, dass Menschen in Zukunft einen anderen Umgang mit Pferden pflegen?
Andrea Kutsch:
Es muss zukünftig eine fundierte, auf den gewaltfreien Umgang des Pferdes ausgerichtete Ausbildung geben. Wir leben in einer Zeit, die es erlaubt, die Gedanken und Gefühle der Tiere objektiv studieren zu können. Man sollte Menschen in Positionen im Pferdemarkt etablieren, die durch eine kompetente 2-Weg-Kommunikation motivierte Eigenleistung in Mensch und Pferd bewirken können, die Freude und Erfolg bereitet – in Theorie und Praxis.

FutterJournal:
Gibt es neben dem normalen Pferdebesitzer auch andere Personen, für die es Sinn macht die Handhabung mit Pferden so genau auszubilden?
Andrea Kutsch:
Berufsgruppen wie Tierärzte, Hufschmiede, Trainer und Pfleger haben täglich mit wechselndem Klientel zu tun. Sie kennen das Pferd nicht, das Pferd kennt Sie nicht. Für diese Berufsgruppen kann es eine körperliche Gefahr darstellen, die Kommunikation des Pferdes zu missdeuten. Versteht man es, mit Pferden zu kommunizieren, lässt sich ein Pferd besser behandeln, beschlagen oder ausbilden.

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FutterJournal:
Sie arbeiten in enger Kooperation mit Universitäten, halten Gastvorlesungen und demonstrierten ihre Arbeit bereits bei der FN. Warum suchen Sie mit Hilfe der Universitäten den Weg über den Intellekt?
Andrea Kutsch:
Über die wissenschaftliche Erforschung des Verhaltens des Pferdes können bestimmte Reaktionen des Pferdes gedeutet und erklärbar gemacht werden. Dafür ist die Mitarbeit der Universitäten von großer Bedeutung. Zielgerichtete Forschung könnte dazu beitragen, Richtlinien und Lehrinhalte zu entwerfen, die den Umgang mit Pferden erlernbar machen. Bedenken Sie bitte, dass Pferdewirte in Deutschland nach der Prüfungsordnung von 1975 ausgebildet werden.

FutterJournal:
Wie stellen Sie sich die Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis vor?
Andrea Kutsch:
Es genügt nicht, einzelne Pferdebesitzer auszubilden. Wir brauchen in Zukunft Multiplikatoren, die dieses Wissen lehren. Daraus entstand das Konzept einer „Equestrian Academy“, der Andrea Kutsch Akademie. Basierend auf modernsten und wissenschaftlich korrekten Methoden soll dieser 3 jährige Studiengang der Pferdewissenschaften eine neue Generation gebildeter und kompetenter Pferdefachleute entstehen lassen.

FutterJournal:
Wann wird dieser Studiengang belegbar sein?
Andrea Kutsch:
Dem weltweit anerkannten Business Studiengang MBA „Master of Business Administration“ angepasst, nimmt die „Andrea Kutsch Akademie“ am 1.8.2006 ihren Lehrbetrieb auf. Das schriftliche Bewerbungsverfahren wird am 15.12.2005 eröffnet.

02KutschWeyrauch
Andrea Kutsch im Gespräch mit
Dr. Susanne Weyrauch

FutterJournal:
Welche Voraussetzungen muss derjenige mitbringen, der diesen Studienzweig belegen will?
Andrea Kutsch:
Menschen, die mit ihrem Engagement, ihrer Kreativität und ihrer Persönlichkeit deutlich machen, dass sie bereit sind, sich auf ein intensives, anspruchsvolles und lehrreiches Studium einzulassen. Wir möchten ein homogenes Studententeam zusammenstellen, welches zielstrebig das Ziel verfolgt, die Welt als eine bessere für Pferde und Menschen zu gestalten - durch Kompetenz, Wissenschaft und Passion. Es wäre schön sowohl bereits ausgebildete Pferdewirte, junge Leute aus dem Sport, als auch andere interessierte, die über einen nachweislichen Umgang mit Pferden verfügen, in der Akademie zu vereinen.

FutterJournal:
Ist diese Ausbildung staatlich anerkannt, welchen Titel darf man tragen?
Andrea Kutsch:
Das Zertifikat MEM – Master of Equine Management in Handling und Training, wird zunächst als Privatakademie vergeben. Wir erarbeiten den Studiengang in enger Kooperation mit den Universitäten, an denen ich bereits angehende Veterinärmediziner unterrichte. Es ist ein fantastisches interdisziplinäres Team zusammen gekommen. Im Vordergrund stehen die Kompetenz und die Persönlichkeit der Absolventen – nicht das Zertifikat an der Wand.

FutterJournal:
Könnten Sie uns abschließend ein Beispiel für die Behandlung eines Pferdes geben, welches Probleme im Umgang macht?
Andrea Kutsch:
Das Pferd als Herdentier ist grundsätzlich an schnellen Problemlösungen interessiert und bietet in seinen nonverbalen Gesten Problemlösungen an. Eine konfliktreiche Auseinandersetzung, die einem Kampf gleicht und sein Überleben gefährden könnte, ist nicht in seinem Interesse. Die Kunst ist es, diese Eigenschaften zu respektieren, zu erkennen und entsprechend darauf einzugehen, um ein Verhalten des Pferdes zur Problemlösung zu nutzen. Sofern also auf die natürliche Angstreaktion in Form von Scheuen, Ausweichen, Treten, Nervosität, allgemeine Unruhe kompetent und psychologisch korrekt eingegangen wird, kann ein Problem vermieden werden. Die Kunst ist, das Pferd durch das Nachlassen von Druck, also durch das Entfernen des angsteinflößenden Stimulus (beispielsweise das Verbandsmaterial) zu belohnen, wenn es ruhig steht. Das Timing spielt in einem solchen Fall eine ganz wesentliche Rolle. Man muss den Zeitpunkt abpassen, den Bruchteil einer Sekunde, bevor das Pferd dem Druck nicht mehr standhalten kann. Bringe ich das Pferd in die Lage sich der Angstsituation stellen zu können, geht nach überschaubarer Zeit das Angstniveau zurück. Tritt der erwartete Angststimulus nicht ein, können die erlebten Gefühle als zeitlich begrenzt und unbegründet verarbeitet werden. Es stellt sich eine Neubewertung der Situation ein (Bewältigung). Kein Schritt in die richtige Richtung darf übersehen werden. Die Kunst liegt darin, das Pferd zu lesen und mit einem perfekten Timing durch das Entfernen des Reizes zu belohnen. Das optimale Timing dafür ist 3/10 zu 8/10 von einer Sekunde bis zu 3 Sekunden. Die größte Schwierigkeit liegt in der Überwindung unseres wesentlich langsameren Reaktionsvermögens.

FutterJournal:
Bitte geben Sie unseren Lesern noch einige Empfehlungen mit.
Andrea Kutsch:
Bei der Pferdehaltung geht es nicht um eine antiautoritäre Vorgehensweise. Haben Sie Mut zur Erziehung. Das bedeutet Konsequenzen zu ziehen, negative, wie auch positive. Hier ist höchste Konzentration erforderlich. Dabei sollte man sich keinesfalls in Kritiksucht ergeben und Fehler suchen, die dann bestraft werden. Jede Methode, die schmerzfrei ist und der Kommunikation des Pferdes dient, ist richtig. Dabei steht der absolute Verzicht auf jegliche Gewalt gegenüber dem Pferd im Vordergrund.

FutterJournal:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Susanne Weyrauch.

Definitionen

Ethologie:
Die Verhaltensbiologie erforscht tierisches und weiterführend auch menschliches Verhalten aus biologischer Sicht und mit biologischen Methoden. Ein umfassendes Verständnis von Verhalten ist nur möglich, wenn keine der folgenden drei biologischen Grundfragen vernachlässigt wird.

Physiologie:
Welche kausalen Mechanismen steuern das Verhalten eines Tieres?

Ontogenie:
Welche kausalen Mechanismen liegen der Entwicklung des Verhaltens eines Tieres zugrunde?

Ökologie:
Welche Funktionen des Verhaltens ermöglichen einem Tier, sich an seine Umwelt anzupassen?”
(Dierk Franck (1997): Verhaltensbiologie, Thieme Verlag, Stuttgart, New York.)