Hengstfütterung – Doppelbelastung durch Zucht und Sport fordert bessere Ernährungskonzepte
Deckhengste sind etwas ganz Besonderes. Als ausgesuchte Vatertiere werden sie dank ihrer Vererbungsqualität unsere zukünftigen Pferdegenerationen bestimmen.
Künstliche Besamung und Embryotransfer zeigen den enormen Fortschritt der Reproduktionstechnologie und durchaus den Willen der Züchter, für gutes genetisches Material tiefer in die Tasche zu greifen. Die Fütterung der Hengste lässt jedoch den Anschein erwecken, als steckten wir im tiefsten Mittelalter. Trotz High - Tech kommt es zu Problemen wie mangelnder Samenqualität, Mauke oder Hufproblemen. Die Folgen staatlich verordneter Sparsamkeit oder fehlender Kenntnisse tragen die Hengste, die derzeit oft einer Doppelbelastung durch Zucht und Sport ausgesetzt sind und die Züchter, die absolut hochwertige Samenqualität für ihre Stuten erwarten.
Ein Hengst wird geboren
Im Fohlenalter bereits unterliegt der junge Bursche aufgrund seines Gebäudes, seiner Abstammung und seiner potentiellen Qualifikation näherer Betrachtung, bevor er als Jährling in die Hengstaufzucht kommt. Dort verbleibt er mit weiteren Aspiranten vom Zeitpunkt des Absetzens bis etwa zweieinhalbjährig. Danach hat der Spaß ein Ende und seine Jugend gilt als abgeschlossen. Noch im Spätsommer seines dritten Lebensjahres beginnt die Ausbildung. Der junge Hengst wird longiert, springt frei und kann bereits eine deutliche Muskulatur aufweisen. Im Frühherbst wird der Kamerad der Körkommision vorgestellt und es wird vorentschieden, ob er tatsächlich zur Körung darf.
Körstress
Je nach Zuchtgebiet werden die Hengste in einem mehrtägigen Körverfahren begutachtet und beurteilt. Im Allgemeinen werden bis zu hundert Hengsten angeliefert, um als erstes auf hartem, ebenem Boden der Körkommission vorzutraben. Es folgt das Freilaufen mit Springen und anschließend nochmals das Präsentieren an der Hand im Schritt und Trab. Diese Prozedur dauert je nach Zuchtgebiet zwei bis drei Tage, in denen die Junghengste vielen neuen Eindrücken und nervlichen Strapazen ausgesetzt sind.
Stress pur übersäuert die Hengste. Die Muskulatur verhärtet sich über die Körungstage zusehends, die Gänge zeigen sich nicht mehr so locker wie gewohnt und es können Probleme im Freispringen dazukommen. Das ständige Herumzupfen im Maul, um die überreizten Hengste unter Kontrolle und trotzdem aufmerksam zu halten zehrt an den Nerven der Pferde und der Halter. Der 30 – Tage Test danach setzt dem Körstress die Krone auf. Im Rahmen dieses Eigenleistungstests werden die Hengste gemeinsam 30 Tage unter dem Reiter trainiert. Es kommt zu einer Abschlussprüfung, in der die Hengste nach den Kriterien Dressur, Springen, Rittigkeit und Leistungsbereitschaft bewertet werden. Später muss der Hengst entweder den 70-Tage Test bestehen oder diesen über Sporterfolge ersetzen.

Der Hengst Rosenchameur - bei der Körung trennt sich die Spreu vom Weizen
Sport und Zucht
Durchaus mit Recht muss heute ein Vererber seine Qualitäten selbst unter Beweis stellen. Er kann sich nicht auf dem Urteil einer Kommission zum Zeitpunkt seines nicht einmal dritten Lebensjahres ausruhen. Allerdings ist das nicht ganz so einfach. Hengste, die im Frühjahr täglich abgesamt werden, dabei aber zusätzlich im täglichen Training stehen, sind nicht nur einer körperlichen Belastung, sondern ebenso einem ziemlichen psychischen Durcheinander ausgesetzt. Der Bedarf insbesondere stressrelevanter Nährstoffe steigt ganz besonders an.
Wunderwerk der Natur
Ist der Hengst gekört, beginnt seine Aufgabe Samen für die Zucht zu liefern. 300 Millionen Spermien verlassen den Hengst beim milchig weißen Samenerguss und gehen auf eine Reise, deren Ziel die reife Eizelle einer Stute ist. Fast 50 Tage hat die Spermiogenese gedauert. Die Heranreifung der Spermien war nicht ein Akt aus Luft und Liebe, sondern das Resultat eines hormonell gesteuerten Stoffwechselvorgangs in den Keimzellen des Tieres. Konkret gesprochen muss ein Samen alles haben, was eine perfekte Zelle ausmacht. Nur der Chromosomensatz liegt im Zellkern einfach vor, da er sich mit dem einfachen Chromosomensatz im Zellkern des Eies der Stute verbindet, um dann mit doppeltem Chromosomensatz ein genetisch komplett neues Lebewesen zu schaffen. Die Samenzelle muss sich vorwärts bewegen und verfügt daher über eine sogenannte Geißel, als wäre sie ein einzelliges Geißeltierchen. Am Bug sitzt eine Art Hütchen, gefüllt mit Enzymen, die zum Eindringen in die Eizelle benötigt werden. Das Spermium muss sich schnell vorwärts bewegen. Daher wurde geschickterweise der Gehalt an Zellplasma reduziert und die Zellwand relativ nahe um den Zellkern geschlossen. Zwischen Geißel und Zellkern wurden die Mitochondrien wie ein Motor am Heck angeordnet, um die Geißel vorwärts zu bewegen.
Einflüsse auf die Spermaqualität
Typisch für das Pferd ist die saisonal bedingte Fortpflanzungsbereitschaft. Die höchsten Werte des männlichen Geschlechtshormons Testosteron finden wir beim Hengst im Mai, die niedrigsten Werte im Oktober, Dezember und Januar. Allerdings sind Schwankungen je nach sexueller Reizung möglich.
Die Qualität und die Quantität des Spermas lassen sich durch die Fütterung beeinflussen. Im Gegensatz zur Lichtintensität, die nur einen quantitativen Einfluss auf die Spermawerte hat, hat die Fütterung einen zusätzlichen Einfluss auf die Qualität. In freier Natur würde ein Hengst von April bis Mai die höchste Spurenelement- und Eiweißkonzentration aufnehmen, in den Wintermonaten die geringste.
Wie füttert man einen Deckhengst?
Richtig gefütterte, teils im Sport eingesetzte Hengste sollten durchaus auf der Basis von artenreichem Heu, wenn möglich Haferstroh als Futterstroh sowie Hafer, bevorzugt Schwarzhafer, ernährt werden. Die gesunde Grundfütterung ist die Grundlage für eine gesunde Darmflora. Dadurch wird insbesondere die körpereigene Bildung von Vitaminen des B-Komplexes gefördert. Durch die B-Vitamine Folsäure, Vitamin B6 und B12 erhöht sich die Anzahl und Beweglichkeit der Spermien.
Öle in der Fütterung
Die Versorgung mit hochwertigen Pflanzenölen aus Keimen und/oder Kernen kann durch die Gabe von Ölen, besser jedoch durch die Verfütterung der ganzen Ölfrüchte erfolgen. Die für die Samenbildung erforderlichen höheren Mengen an essentiellen Aminosäuren liefern Sonnenblumenkerne, Leinsaat (reich an Methionin und Cystin) oder Maiskeime (reich an Lysin).
Öle sind reich an lebenswichtigen ungesättigten Fettsäuren. Daher wurden diese Fettsäuren ursprünglich unter dem Begriff Vitamin F zusammengefasst. Die Funktion der mehrfach ungesättigten Fettsäuren besteht darin, unter Anwesenheit genügender Zinkmengen, Prostaglandin E1 zu bilden. Prostaglandine sind hormonähnliche Stoffe mit mannigfaltigen gesundheitlichen Auswirkungen. Ihr Einfluss reicht über die Beeinflussung des Verhaltens über die Regulierung von Entzündungssubstanzen bis hin zur Erweiterung der Gefäße (Erektion, Herz-Kreislaufsystem) und die Stabilisierung des Immunsystems. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind die Voraussetzung für die Bildung gesunder Kapillaren. Der Nervenstoffwechsel ist ebenso abhängig von deren Vorhandensein wie der gesamte Fortpflanzungszyklus. Neben gesundheitlichen Aspekten ist die Ölfütterung aus energetischen Aspekten hochinteressant. Hengste, die in Ruhe abgesamt werden, verlieren durch den Akt nicht viel Gewicht und benötigen daher auch keine zusätzlichen Kraftfuttermengen. Viele, vor allem junge Hengste regen sich jedoch so stark auf, dass sie kaum noch zur Ruhe finden. Sie magern sehr leicht ab und fallen vor allem in den Flanken ein. Öle sind eine gute Energiequelle und sorgen für schönen Glanz im Fell.

Der legendäre Hengst Argentinus mit seinem Besitzer Heinrich Klatte und dem Hengstfotografen Bernd Eylers
Antioxidanten
Da Öle im Stoffwechsel bei ihrem Umbau leicht oxidiert werden, können sogenannte Peroxide entstehen, die sofort mit antioxidativen Wirkstoffen abgefangen werden sollten. Wer daher viel Öl füttert, muss auch genügend Antioxidanten wie z.B. Vitamin E, C, Selen oder Sekundäre Pflanzenstoffe wie Oligomere Proanthocyane z.B. aus Traubenkernen zur Verfügung stellen.
Vitamin E gilt schlechthin als das Fruchtbarkeitsvitamin und kommt in natürlicher Form vorwiegend in Weizenkeimen vor. Vitamin E- Mangel führt zu Unfruchtbarkeit. Die Zulage der verschiedenen Antioxidantien bewirkt dabei ganz nebenbei eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit des Hengstes und eine Stabilisierung dessen Gesundheit.
ß-Carotin
Die besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem ß-Carotin ist sicherlich zum Teil gerechtfertigt. ß-Carotin beeinflusst die Spermabildung und –qualität und kommt in frischem Grünfutter ausreichend vor. Da die wenigsten Deckhengste die Gelegenheit erhalten, auf einer Koppel zu grasen, wäre die Zufütterung von frischem Grünfutter von Vorteil. Im Winter oder bei reiner Heufütterung kann eine Zufuhr von ß-Carotin und Vitamin A erforderlich sein. Zu berücksichtigen bleibt fernerhin, dass der Vitamin A – Haushalt vom Vorhandensein von Zink abhängt.
Mineralstoffe
Der Samen gehört ebenso wie Eier und Milch zu den sogenannten tierischen Leistungsprodukten. Wissenschaftlich belegt ist die Tatsache, dass die Höhe der Versorgung des Tieres mit Spurenelementen den Gehalt an Spurenelementen im Produkt bestimmt. Die Lebensfähigkeit der Samen als eigenständige Zellen hängt von einer ausreichenden Nährstoffzufuhr ab. Den Spurenelementen kommt als funktionelle Stoffwechselgrundlage eine ganz besondere Aufgabe zu. Der Gehalt an Zink im Sperma ist besonders hoch.
Die Mineralisierung für einen Zuchthengst unterscheidet sich durchaus von der anderer Pferde. Zur Erhaltung der Spermaqualität sollte auf hochwertige Mineralprodukte geachtet werden, die sich durch eine gute Bioverfügbarkeit sowie eine optimale Versorgung mit Spurenelementen auszeichnen. Daher eignen sich landläufige, mit hohen Calcium- oder Phosphormengen angereicherte Mineralfutter weniger. Große Calciummengen, wie sie bei Zuchtstuten und Jungpferden üblich sind, hemmen die Resorption der Spurenelemente und können sich so kontraproduktiv auf die Samenqualität auswirken.
Hengstfütterung wie im Mittelalter
In der gewöhnlich praktizierten Hengstfütterung, die man recht oft antrifft, kann es passieren, dass der Zusammenhang zwischen Fütterung und Fruchtbarkeit noch nicht ganz verstanden wurde. Dazu genügt ein Blick in die entsprechenden Stallungen. Aus oft staatlich verordneter Sparsamkeiten wird – auch bei gutem Grundfutter – keine bedarfsgerechte Zulage an entsprechenden Vitalstoffen gefüttert. Es kommt nicht selten zu Problemen wie Mauke oder Raspe, den typischsten, aber auch frappierendsten Zinkmangelerkrankungen. Frühzeitige Arthrose – erkennbar an dem Knacken der Gelenke - ist bezeichnend für den Mangel an Kupfer und Mangan. Unterstrichen wir die Mangelsituation durch das Fehlen hochwertiger Ölkomponenten in der Fütterung.
Bei Hengsthaltern, die mit ihren Hengsten einen großen Teil ihres Lebensunterhaltes bestreiten, herrscht durchaus aufgeschlossenes Denken bezüglich der Fütterung. Die Hengste danken dies mit Fruchtbarkeit und Leistungsbereitschaft. Bei hoch frequentierten Zuchthengsten lohnt sich die gute Fütterung allemal. Denn jede zusätzlich erbrachte Samenportion bringt dem Halter bares Geld.
Heinrich Klatte vom Zuchthof Klatte in Lastrup Kreis Cloppenburg:
Die Fütterung meines 25 jährigen Hengstes Argentinus liegt mir ganz besonders am Herzen. Hier darf nicht gespart werden. Dabei nehme ich gerne den Rat erfahrener Fütterungsexperten an. Letztendlich sieht man den Erfolg auch an Argentinus munterem Allgemeinbefinden, seiner Deckfreudigkeit und seiner hervorragenden Samenqualität.
Roland Wirsching, langjähriger Sprecher der Hengsthalter Baden-Württembergs:
Zu meinem Aufgabengebiet in Zucht und Sport gehört auch die Beurteilung von Hengsten. Der Einsatz von Hengsten sowohl in züchterischer als auch in sportlicher Hinsicht wird immer üblicher. Wer hier bei der Fütterung spart, wird sich erfahrungsgemäß langfristig Probleme mit der Gesundheit oder der Samenqualität einhandeln.
Der Pferdefotograf Bernd Eylers (“Das Auge”):
"Ich fotografiere lieber gut gefütterte Hengste. Mit besserer Ausstrahlung und selbstbewusstem Auftreten machen sie mir die Arbeit leichter."
Dr. Susanne Weyrauch










