Die Sünden der Jugend
Die „Sünden der Jugend“, wie Überlastungen, häufiger
Turniereinatz, verschleppte Infekte oder eine nicht bedarfsgerechte Fütterung
zeigen sich nun im Alter als chronische Erkrankungen. Spat, Arthrose,
Bronchitis, Verdauungsprobleme oder Altersekzem schleichen sich ein und
beeinträchtigen das Wohlbefinden des Pferdes.
60zig Jahre und kein bißchen Weise…
... das gilt manchmal auch für den Pferdesenioren. Seine Lebenserfahrung
hat ihn klug und manchmal auch gewitzt gemacht. Als alter Hase weiß
er, was er von seinem Reiter zu erwarten hat oder was der von ihm will.
Ob er „seinem Herren“ folgt, ist seine Ermessenssache. Das
ältere Pferd hat aber ebenso große Vorteile. Seine Zuverlässigkeit
und Lektionstreue machen ihn zum idealen Freizeitpartner. Willig übernimmt
er die Verantwortung für den Reitanfänger. Wortloses Verstehen
in kritischen Situationen macht die Partnerschaft zwischen Reiter und
Pferd entspannt und sicher.
Natürlich hat das in die Jahre gekommene Pferd Schwierigkeiten, wenn
die verlangten Lektionen seinen alten Körper überstrapazieren.
Wenn er Glück hat, ist dies seinem Reiter bereits bekannt und es
ist nicht tragisch, daß er bestimmte Aufgaben nicht mehr mit dem
Schwung und der Elastitzität eines Athleten ausführen kann,
für die er einst so bewundert wurde. Aber dafür gehören
manche Auseinandersetzungen der Vergangenheit an. Über die Jahre
ist eine tiefe Verbundenheit zwischen Reiter und Pferd entstanden. Zusammengeschweißt
durch die Höhen und Tiefen des Lebens kann sich der eine auf den
anderen verlassen. Entspannte Ausritte, befriedigende Dressurstunden oder
einfach nur die Gewissheit, sich auf den anderen verlassen zu können,
sind nur ein Bruchteil der Vorteile, die an dieser Stelle aufgezählt
werden könnten.

Seniorenkost
Die Zeichen der Zeit können aber herausgezögert werden. Dazu
trägt eine bedarfsgerechte Ernährung bei. Mit dem Alter ändern
sich die Nährstoffbedürfnisse des Pferdes. Wie beim Menschen
wird der Energiebedarf geringer, da der Grundumsatz sinkt. Es steigt jedoch
der Bedarf an qualitativen Vitalstoffen, wie essentiellen Aminosäuren,
Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Bei den Mengenelementen
ist besonders auf die Deckung des Bedarfs an Magnesium zu achten. Magnesium
ist u.a. wichtig für die Herzfunktion. Insbesondere in Verbindung
mit dem Muskelvitamin E können angelaufene Beine und Wetterfühligkeit
vermieden werden. Der Bedarf an Spurenelementen, insbesondere an Zink,
Kupfer, Selen, Mangan und Cobalt steigt. Wird der Bedarf nicht gedeckt,
kommt es zu schlechterem Hufwachstum, Fellproblemen, Störungen im
Fellwechsel, Juckreiz, Ekzembildung, Infektanfälligkeit, aber auch
Abmagerung und Appetittlosigkeit.
Abmagerung ist ein typisches Problem für ganz alte Pferde. Zahnprobleme
erkennt man durch langsames Fressen oder die sogenannte „Röllchenbildung“
beim Heufressen. Man beugt Zahnproblemen durch regelmäßige
Tierarztkontrollen vor. Hat das Pferd bereits wichtige Zähne verloren
und ist nicht mehr in der Lage, Heu in seiner natürlichen Struktur
zu fressen, müssen sinnvolle, gesunde Rauhfutteralternativen gefunden
werden. Der Rauhfutterbedarf von 1,5 kg Rauhfutter pro 100 Kilogramm Lebendgewicht
kann nicht mit Gras alleine gedeckt werden! Erst nach einer Aufwuchshöhe
von 30 cm bietet Gras genügend Struktur für die Verdauung des
Pferdes. Aufgeweichte Qualtitäs-Wiesencobs (10% Rohprotein) können
langfristig als Heuersatz gefüttert werden. Dabei ist bei den Heucobs
auf genügend Struktur zu achten.

Ein beim Pferd durch jahrelange Getreidefütterung oder mangelnde
oder schlechte Rohfaserfütterung, sowie eine Überversorgung
mit industriellem Mineralfutter entstandener Zinkmangel führt ebenso
zur Abmagerung. Oft werden auch Verdauungsstörungen wie Fehlgärungen
beim alten Pferd beobachtet. Die regelmäßige Fütterung
von Mash, Hefen und Spurenelementpräparaten können hier Abhilfe
leisten. Bewegungsstörungen durch altersgemäße Abnutzung
führen oft zur reiterlichen Unbrauchbarkeit des Pferdes. Auch hier
können spezielle Ernährungsmaßnahmen fruchten, wie z.B.
der Einsatz von meeresfrüchtehaltigen Spezialitäten und Algenbestandteilen.
Allgemeinem Vitalitätsverlust sowie altersbedingtem Muskelabbau kann
mit der Verfütterung geringer dosierter Hochleistungsfutter mit hochwertigen
Eiweißkomponenten entgegengewirkt werden.
Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, daß eine rauhfutterreiche,
getreidereduzierte und vitalstoffreiche Ernährung, sowie eine auf
den individuellen Nährstoffbedarf ange- paßte Fütterung
das Pferd lange gesund und mit gutem Wohlbefinden erhält. Daß
sich der Senior an manchen Tagen nicht ganz so wohl fühlt, sollte
ihm einfach nachgesehen werden.
Dr. Susanne Weyrauch |